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10:39 01.11.2016
Wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, zählt jede Minute. Deshalb hat der Gesetzgeber festgelegt, wie schnell Rettungskräfte im Notfall am Unglücksort sein müssen. Seit Jahren veröffentlicht die Stadt diese Daten nicht mehr. Quelle: dpa-Zentralbild
Dresden

Wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, zählt jede Minute. Deshalb hat der Gesetzgeber festgelegt, wie schnell Rettungskräfte im Notfall am Unglücksort sein müssen. Seit Jahren veröffentlicht die Stadt diese Daten nicht mehr.

Welche Bestimmungen gibt es?

Nach einer Landesverordnung soll der Rettungsdienst im Notfall innerhalb von 12 Minuten am Unglücksort sein. Das muss in 95 Prozent aller Einsätze klappen, dann sind die Vorgaben erfüllt. Diese sogenannte Hilfsfrist soll der Stadt anzeigen, ob die Ausstattung mit Rettungswachen und Fahrzeugen ausreichend ist. Sie wird deshalb als „planerische Vorgabe“ bezeichnet.

Schafft Dresden die vorgeschriebenen Hilfsfristen?

Das ist der Punkt. Wie aus einer Anfrage der Grünen-Stadträtin Kerstin Harzendorf hervorgeht, kann die Stadt seit 2013 keine Angaben mehr dazu machen. Von 2011 bis Mitte 2013 schwankte die Hilfsfristerfüllung zwischen 87,35 (2013, 1. Halbjahr, am Tag) und 89,64 Prozent (2012, 2. Halbjahr, nachts). Weitere Zahlen legt die Stadt nicht vor.

Warum gibt es keine aktuellen Zahlen?

Das hängt mit der Inbetriebnahme der Großleitstelle in Übigau zusammen. Schrittweise wurde diese Integrierte Leitstelle auch für die Bereiche der bisherigen Rettungsleitstellen in Pirna, Dippoldiswalde, Meißen und Riesa zuständig. Bis Anfang 2015 gab es daher keine einheitliche Datengrundlage. Fünf Großleitstellen im Land lösten mehr als 20 kleine ab, weil unter anderem die Krankenkassen als Mitfinanzierer Druck machten.

Ist das bedrohlich für den Dresdner?

Experten sagen nein. Die Hilfsfristvorgabe ist die Berechnungsgrundlage für den sogenannten Rettungsdienstbereichsplan. „Hier werden Standorte und Anzahl der Fahrzeuge so berechnet, dass planerisch der Wert von 95 Prozent erreicht werden könnte“, erklärt Andreas Rümpel, der Leiter der Dresdner Feuerwehr. Das Umsetzen eines Bereichsplans laufe über viele Jahre, oder gar Jahrzehnte und berücksichtige auch Veränderungen, die durch die immer wieder halbjährlich reell ermittelten Hilfsfristenwerte beeinflusst werden. „Jeder Träger könnte mit alten Hilfsmitteln einen Wert generieren“, macht Rümpel deutlich, das intern schon Klarheit über die Situation herrscht.

Warum werden keine Zahlen vorgelegt?

Das hat mit einem Pilotprojekt in der Landeshauptstadt zu tun. Dresden beteiligt sich seit Ende 2015 intensiv an der Entwicklung eines Tools zur Auswertung der Hilfsfristen im Rettungsdienst. Derzeit werden die letzten Fehler im System ausgemerzt. Hauptproblem seien dabei nicht die Programmierer, sondern die Vielzahl an individuellen Einsätzen und die individuellen Lösungsvariationen der Leitstellenmitarbeiter. Das Innenministerium verspricht sich davon einen landesweiten Fortschritt. In Dresden werde Pionierarbeit geleistet mit dem Ziel, diese Lösung einheitlich in allen Leitstellen im Freistaat einzuführen. Damit würden erstmals landesweit einheitliche Zahlen vorlegen. Experten halten die Werte der vergangenen Jahre zur Bewertung der Situation im Land für wertlos, weil überall anders Buch geführt wurde.

Was wird zur Verbesserung der Hilfsfristen in Dresden getan?

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Einsätze verdoppelt. 1995 waren es 70 000, 2014 schon 142 000. Laut Stadt hat sich auch die Fahrzeugflotte in dieser Zeit verdoppelt. Außerdem wurden auch neun neue Rettungswachen errichtet. In den nächsten Jahren müsse unter anderem im Osten der Stadt eine größere Rettungswache gebaut werden, um zusätzlich benötigte Fahrzeuge und Personal für diese Region aufnehmen zu können.

Wie wird das Fehlen der Hilfsfristdaten bewertet?

„Bei einem Herzinfarkt sinkt die Überlebenschance mit jeder Minute“, erklärt Valentin Lippmann, Dresdner Innenpolitiker der Grünen im Landtag. Er würdigt den Ausbau des Rettungssystems in Dresden in den letzten Jahren. Dass seit zwei Jahren kaum belastbare Daten zu Hilfsfristen veröffentlicht werden, sei aber ein landesweites Problem, „das nicht hinnehmbar ist“. Das Innenministerium müsse dafür sorgen, dass schnell wieder Zahlen vorliegen. Alles andere sei ein „planerischer Blindflug“. Und Lippmann verweist auf zwei weitere Punkte: Zur Verbesserung der Hilfsfristen müsse bei Anrufen in den Leitstellen womöglich detaillierter geklärt werden, um welche Art von Notfall es sich handelt. Bisweilen reiche auch der Einsatz des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes. Außerdem fliege nach seinen Kenntnissen der Rettungshubschrauber aus Dresden häufig Einsätze in der Region, weil dort Notarztwagen nicht besetzt seien.

Von Ingolf Pleil

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