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Lokales Wagenplatz-Bewohner wollen bei Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs mitreden
Dresden Lokales Wagenplatz-Bewohner wollen bei Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs mitreden
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15:03 06.12.2018
Kristin Reddel und Frank Dresig vor den Bildern, die das Leben auf ihrem Wagenplatz zeigen. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Alter Leipziger Bahnhof – das ist nicht nur der Name einer ziemlich großen Brachfläche nah am Zentrum Dresdens. Es ist auch ein Streitthema, bei dem es um Einzelhandel, Stadtentwicklung und vor allem um viel Geld geht. Für Frank Dresig, Kristin Reddel und zwei Dutzend Mitstreiter geht es um mehr. Sie bewohnen den Wagenplatz auf dem Gelände, werden dort vom Grundstückseigentümer, dem Einzelhandelsriesen Globus, geduldet. Wie lange noch? – diese Frage treibt die Bewohner des einzigen Wagenplatzes in Dresden um.

Inge Jann hat das Leben auf dem Wagenplatz dokumentiert. Quelle: Anja Schneider

Wobei eine Ausstellung mit Bildern, die Fotografin Inge Jann binnen zwei Jahren bei mehreren Besuchen auf dem Wagenplatz vom dortigen Leben gemacht hat, einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Auf den Fotos ist ein Leben zu sehen, das meist draußen und in Gemeinschaft stattfindet. Gezeigt werden auch die einfachen Behausungen in Bauwagen, Lastern, Wohnmobilen und einer Jurte und welche Anstrengungen die Bewohner unternehmen, sie auszubauen oder gegen winterliche Kälte zu dämmen. Gemeinsames Kochen und Essen, ein Garten in Hochbeeten und viele Freiräume – das ist zu sehen. Da Fotografin Inge Jann auch Interviews geführt hat, ist in der Ausstellung in den Räumen von Interrobang, Kamenzer Straße 15, auch einiges über die Bewohner zu lesen. Größtes Problem scheint demnach nicht die Unsicherheit der Wagenplatz-Zukunft zu sein. „Trinkwasser“, lautet der von den meisten geäußerte Wunsch. „Wir können zwar Strom beziehen und lassen Dixi-Klos aufstellen, aber Trinkwasseranschluss haben wir keinen“, sagt Frank Dresig, der seit etwa eineinhalb Jahren auf dem Wagenplatz lebt. Als Brauchwasser dient aufgefangenes Regenwasser, ansonsten hilft man sich an öffentlichen Brunnen oder bei freundlichen Nachbarn.

Man muss sich zu helfen wissen. Trinkwasser aus der Leitung gibt es auf dem Wagenplatz keines, also muss die Gießkanne zum Haarewaschen herhalten. Quelle: Inge Jann

Den Wagenplatz gibt es etwa drei Jahre. Er fand seinen Anfang, als 2015 der Wagenplatz an der Leipziger Straße in Nähe Puschkinplatz geräumt wurde. Insofern ist den meisten Bewohnern bewusst, dass sich auch auf dem Alten Leipziger Bahnhof rasch etwas ändern kann. „Aber wir möchten mitreden, mitgestalten“, sagt Frank Dresig. Aus diesem Grund sind er und einige Mitstreiter auch im Sommer zum Ortsbeirat Pieschen gegangen, als es um das Areal ging. Es sei ein Schritt in die Öffentlichkeit gewesen, den man ganz bewusst gegangen sei, wie Dresig und Reddel sagen. Man wolle Vorurteile abbauen.

Wagenplatz bedeutet draußen leben und in Gemeinschaft sein. Es gibt aber auch Rückzugsorte. Quelle: Inge Jann

Und die gibt es, zumal diese Wohnform in Dresden anders als in anderen Großstädten relativ unbekannt ist. Das hat auch Fotografin Jann gereizt, als sie zufällig auf den Wagenplatz aufmerksam wurde. „Ich bin dann einfach hin gegangen und habe mit den Leuten dort geredet“, sagt sie. Getroffen ist sie auf Ergotherapeuten, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Studenten, Ingenieure, Filmemacher, Musiker. Leute, die mitten im Leben stehen und deshalb auch die Zentrumsnähe des Areals schätzen. „Wir sind keine Aussteiger, wir sind Umsteiger“, beschreibt das Frank Dresig. Der Wagenplatz habe weder die Abgeschlossenheit einer Mietwohnung noch bedeute er zu allem Möglichen verpflichtendes Eigentum wie ein Einfamilienhaus. „Das Leben hier ist wie in einem Dorf, es ist immer einer da zum reden oder der auf Kinder aufpassen kann“, sagt Kristin Reddel, die seit etwa zwei Jahren auf dem Alten Leipziger Bahnhof lebt und dort nur Krissy genannt wird. Diese Gemeinschaft und das so viel unter freiem Himmel stattfindet – das schätze sie am Wagenplatz. „Die Menschen dort wissen, was Regen, was Schneefall und Sonnenschein heißen“, sagt Fotografin Inge Jann. Den meisten Großstädtern sei das verloren gegangen.

Die Wagen sind bei den meisten Umbauprojekte. Quelle: Inge Jann

Das scheinen auch mehr Leute zu spüren. „Wir haben viele Bewerbungen, aber keine Stellplätze mehr“, sagt Kristin Reddel. Seit Monaten gehe das so. Deshalb dürfte es ruhig einen zweiten Wagenplatz in Dresden geben, nicht nur als Ausweich, wenn auf dem Alten Leipziger Bahnhof nichts mehr geht. „Das darf auch gern mal am Stadtrand sein für Leute, die etwas anderes suchen als wir“, sagt Frank Dresig. Er bemerkt, dass neben dem Interesse an einem Leben in Gemeinschaft und bei geringem Ressourcenverbrauch immer mehr ein weiteres Motiv Wohnungssuchende auf den Wagenplatz treibt. „Viele suchen eine preiswerte Wohnform, weil die Mietpreise immer mehr ansteigen“, sagt der Musiker. „Das hören wir in letzter Zeit immer öfter.“ Alleiniges Motiv für den Bezug eines Wagens dürfte das jedoch nicht sein.

Auch ein kleiner Garten mit Hochbeeten gehört zum Wagenplatz. Quelle: Inge Jann

Gibt es Hilfe aus der Politik? Ja, sagt Frank Dresig. Man habe Unterstützung gefunden. Aber die Sache ist nicht einfach, weil Grundstücke fehlen und die rechtliche Lage von Wagenplätzen – wie so vieles in Deutschland – sehr kompliziert ist. Am Alten Leipziger Bahnhof sieht die Lage so aus: Der Platz dort funktioniert nach einem Wächterprinzip, das heißt Globus duldet die Bewohner, weil sie auf das Areal achten. Baut der Einzelhandelsriese den geplanten Einkaufsmarkt, müssen die Wagenplätzler weg. Anders sähe das aus, wenn ein Bebauungsplan mit Wohnen und Gewerbe beschlossen würde. „Dann gibt es vielleicht in Randbereichen Flächen, die uns zur Verfügung gestellt werden könnten“, hofft Frank Dresig. Bis dahin wollen die Wagenplatzbewohner sichtbar bleiben.

Die Ausstellung „wo anders leben“ im Interrobang, Kamenzer Straße 15, ist bis 31. Januar werktags 11 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung zu sehen.

schotterundgleise.blogsport.de

Von Uwe Hofmann

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