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Lokales Vom Laufsteg ins Flüchtlingslager: Dresdner Model engagiert sich in Kenia
Dresden Lokales Vom Laufsteg ins Flüchtlingslager: Dresdner Model engagiert sich in Kenia
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14:35 31.01.2019
Das in Dresden lebende Model Nicola Atieno ist seit kurzem Botschafterin von Handicap International. Quelle: epd
Dresden/Nairobi

Sie ist direkt von einem Fotoshooting in New York ins Lager gekommen. Allein für die letzten 120 Kilometer ins nordkenianische Kakuma auf einer staubigen Piste voller Schlaglöcher brauchte Nicole Atieno etwa vier Stunden. Jetzt sitzt das kenianisch-deutsche Supermodel mit leuchtenden Augen auf einer Rutsche, den siebenjährigen Hassan auf ihrem Schoß. Beide strahlen – dann schießen sie lachend in die Tiefe.

Hassan lebt wie etwa 186 000 weitere Flüchtlinge vor allem aus dem Südsudan in dem Camp in Kakuma. Er kann seit seiner Geburt nicht alleine gehen und wird deshalb vom Hilfswerk Handicap International betreut. Er ist einer von 6000 Geflohenen, die von der Organisation unterstützt werden, 2000 davon Kinder.

Der erste Tag war schwerer als erwartet

Nicole Atieno ist seit kurzem Botschafterin von Handicap International. Die 21-Jährige, die in Kenia geboren wurde, mit zehn Jahren nach Deutschland kam und in Dresden lebt, fühlt sich vom Leben reich beschenkt. „Und etwas davon möchte ich zurückgeben.“ Die junge Frau gehört derzeit zu den international erfolgreichsten Models.

Der erste Tag in Kakuma sei „ein bisschen schwerer gewesen als erwartet“, sagt Atieno. „Viele Geschichten haben mich mitgenommen.“ Es berührt sie, dass viele Menschen das Leben in dem Lager als „komfortabel“ empfinden, angesichts dessen, was sie schon durchgemacht haben. „Dabei ist es so hart. Viele Menschen hier haben Probleme mit der Gesundheit, es gibt nicht genug Platz, nicht genug Wasser, keine Arbeit – und trotzdem haben sie noch so viel positive Energie.“

„Wir waren eine große Familie“

Dabei kann sich Atieno in manche Alltagssituationen in Kakuma durchaus hineindenken. Geboren wurde sie in der westkenianischen Stadt Kisumu. Als sie fünf Jahre alt war, zog ihre Mutter, eine Rechtsanwältin, nach Deutschland. Atieno wohnte von da an bei ihrer Großmutter und ihren Tanten in einem Dorf. „Da musste ich natürlich helfen: Wasser holen, Feuerholz holen, Wäsche machen – eben im Haushalt helfen.“

Dass ihre Mutter nach Deutschland gezogen war, fand sie völlig in Ordnung. „Ich war ja nicht allein, wir waren eine große Familie.“ Sie sei sogar dankbar dafür, dass alles so kam wie es kam. „Dass ich im Dorf nicht das typische stabile Leben geführt habe, hat mich stärker und irgendwie bodenständiger gemacht“, sagt sie.

Nicole Atieno mit dem siebenjährigen gehbehinderten Hassan im kenianischen Flüchtlingslager Kakum. Quelle: epd

Mit zehn Jahren der Umzug nach Dresden – ein Kulturschock

Mit zehn Jahren folgte sie nach Dresden, wo ihre Mutter inzwischen mit dem deutschen Ehemann eine Kanzlei betrieb. „Ich bin gerne nach Deutschland gegangen, weil das etwas Neues war.“ Ein Kulturschock sei es natürlich trotzdem gewesen. Am meisten habe sie beeindruckt, dass „die Menschen immer alles so schnell machen. Und jeder hat einen Plan.“

Einen Traum, den sie schon in Kenia hatte, brachte sie mit: Model zu werden. „Wenn ich als Kind Werbeplakate gesehen habe, wollte ich da immer drauf sein.“ Atieno lacht, so wie sie überhaupt gerne lacht: mitreißend und völlig ungekünstelt.

Ein Leben der Reisen und Laufstege

In Dresden fing sie an, alleine den richtigen Gang für den Laufsteg zu üben, und bewarb sich, als sie 16 war, online bei einer Agentur. „Das war eine ziemlich coole Agentur, und nach sehr kurzer Zeit haben die geantwortet und mich unter Vertrag genommen.“ Damit begann für sie das Leben der Reisen und Laufstege, „eine krasse Umwandlung“, wie sie sagt. Das letzte Schuljahr machte sie wegen ihrer vielen Reisen online, schaffte das Abitur – in einer Sprache, die ihr sieben Jahre vorher noch völlig fremd gewesen war.

Von Anfang an Anfang wurde Atieno viel gebucht. Das liegt sicher an ihr selbst, aber vermutlich auch daran, dass schwarze Models derzeit so erfolgreich sind wie nie. Atieno sieht darin eine Chance, die über das hinausgeht, was auf den Laufstegen geschieht. „Ich präsentiere natürlich die afrikanische Kultur in der Modeszene“, sagt sie. „Wenn man irgendwo auftritt – man hat die Hautfarbe, was cool ist. Und natürlich ist man ein Botschafter.“

Nahbar und den Menschen zugewandt

Der Erfolg ist ihr nicht zu Kopfe gestiegen. Atieno ist nahbar geblieben und zugewandt, auch den Menschen, denen sie in Kakuma begegnet. Vielleicht liegt das daran, dass sie sich selbst in ihrem Job nicht so sehr im Mittelpunkt sieht. „Das ist wie Schauspielerei“, sagt sie. „Mit jedem Kleidungsstück, das man präsentieren soll, bekommt man eine Rolle.“ Dass sie dabei auch manchmal die „Exotin“ geben muss, stört sie nicht. Das sei für sie eine Rolle wie jede andere.

Mehr als Nicole Atieno kann man als Model kaum erreichen. Aber sie lacht nur kurz und wehrt ab. „Man kann ja nicht sagen, ich habe es geschafft. Es gibt ja nichts zu schaffen. Man lebt. Ich arbeite gerne. Ich mache meinen Job gerne, bin gerne Künstlerin, und in der Modebranche bin ich sehr, sehr gerne.“ Ihre Ziele seien, noch mehr zu reisen und weitere Designer kennenzulernen. „Außerdem gibt es noch ein paar Fotografen, mit denen ich unbedingt arbeiten möchte.“ Und eben auch, so weit sie das kann, andere teilhaben zu lassen an ihrem Erfolg. Zum Beispiel, indem sie sich für Flüchtlinge mit Behinderung einsetzt und auf deren Schicksal aufmerksam macht.

Von Bettina Rühl, epd

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