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Lokales Verkehrsprofessor fordert Atempause in Diskussion um Luftschadstoffe
Dresden Lokales Verkehrsprofessor fordert Atempause in Diskussion um Luftschadstoffe
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07:47 24.04.2018
Die Schadstoffe aus Autoabgasen sorgen für eine heiße Debatte in Deutschland. Quelle: dpa
Dresden

 Umweltzonen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Dieselfahrverbote, Hardwarenachrüstung – steter Tropfen mag den Stein höhlen, aber nicht die Tatsachen aus der Welt schaffen, dass damit weder die Luftqualität verbessert noch dem vermeintlichen Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung wirksam begegnet wird.

Das DNN-Interview über den Umgang mit Luftschadstoffen stieß auf große Resonanz. Quelle: A. Eylert

Sehr weise sollen die Bewohner der Stadt Lale ursprünglich gewesen sein, die uns aus Kindertagen durch ihre Narretei, den Metaphern der täglichen Rede Wort für Wort zu folgen, als Schildbürger in Erinnerung geblieben sind. Wenn in Sachsen die Dichter und Denker nicht so schnell kollektiver Kritik anheimfallen würden, wäre die Lust groß, eine Fortsetzung des Lalenbuches zu schreiben.

Hanebüchene Geschichten zu „Wie die Lalen ihr Geld samt Kutschen verbrennen“ oder „Sterben wie die Fliegen, die Lalen trichtern den Schwachsinn ein“ würden leicht aus der Feder fließen. Auch über den Wind, den die Lalen machen, um ihre Mühle zu betreiben, oder den Disput, ob der Wolf nach Schilda gehöre, ließe sich trefflich philosophieren.

Lustig ist es nicht

Doch so lustig ist die Welt leider nicht und in Zeiten tiefer gesellschaftlicher Spannungen ist das Spiel mit dreizehn Millionen Dieselfahrzeugen, die man willkürlich der Schrottpresse überantwortet, mehr als leichtfertig. Dass die erfolgreichste Branche der deutschen Industrie die Schlinge nicht erkannt hat, die sich langsam aber stetig zuzieht, und nun den reuigen Pennäler abgibt, der beim Schummeln erwischt wurde, ist in Zeiten drohender Handelskriege eher ein Trauerspiel.

Gestern die Fahrzeuge der Händler und Handwerker in den Umweltzonen, heute die dieselbetriebenen Autos und morgen den Rest der Fahrzeugflotte – es wird schwer werden, diesem über Jahrzehnte in Szene gesetzten Kreuzzug gegen das Automobil mit Vernunft zu begegnen.

Zur Person

Unser Gastautor Prof. Matthias Klingner ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI). Die Einrichtung mit mehr als 100 Wissenschaftlern befasst sich in der verkehrsbezogenen Forschung und Entwicklung mit den Bereichen Verkehrsplanung und Verkehrsökologie, Verkehrsinformation, Fahrzeug-, Antriebs- und Sensortechnik sowie Verkehrstelematik, Information und Kommunikation bis hin zu den Gebieten Disposition und Logistik.

Klingner hatte in einem DNN-Interview den bisherigen Umgang mit Luftschadstoffen wie Feinstaub und Stickoxiden scharf kritisiert. „Technisch ist das ziemlicher Schwachsinn“, sagte er. Da nur ein geringer Teil der Feinstaubbelastung der Luft aus dem Verkehr komme, sollten die Grenzwerte für die Mikro-Partikel in der Luft gelockert werden. Dann könnten über die Veränderung der Dieselmotoren der Stickoxid-Ausstoß gesenkt und Fahrverbote vermieden werden.

Die Umweltbehörden in Stadt, Land und Bund wiesen diese Argumentation zurück. Die technische Analyse sei richtig, Klingner ziehe aber die falschen Schlüsse. Es gehe um die Gesundheit der Menschen. Für Partikel und Stickstoffdioxide gelte grundsätzlich ein Minimierungsgebot, hieß es beim Bundesumweltamt.

Das mag Ende der Neunziger Jahre noch anders gewesen sein, als in Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und im Saarland aufgrund von hohen Ozonkonzentrationen die ersten Fahrverbote verhängt wurden.

Nicht nur die Wirkungslosigkeit dieser Maßnahmen wurde öffentlich diskutiert, sondern auch die wissenschaftliche Erkenntnis, dass mikrobiologische Vorgänge im Waldboden mehr als das Sechsfache der verkehrsbedingten Stickoxidemissionen des Verkehrs erzeugen, die als Vorläufersubstanzen unter Einwirkung von Sonnenstrahlung das Ozon bilden.

Ozonreiche Waldluft

Die Werbung unserer Großeltern für „Erholung in ozonreicher Waldluft“ fand damals eine späte Erklärung und in Deutschland wurde das Ozongesetz zu den Akten gelegt, obwohl die EU noch heute eisern an diesen Grenzwerten festhält, die in waldreicher Gegend Jahr für Jahr mehrfach überschritten werden.

Wie das Ozon ist auch der Feinstaub, der seit Millionen Jahren die Wolkenbildung stimuliert, ein ganz natürliches Phänomen der unteren Erdatmosphärenschicht.

Faszinierender Blutregen

Wenn in diesen Tagen die Zeitungen fasziniert über den Blutregen in Mitteldeutschland berichten – ein Wetterereignis, das Millionen Tonnen Saharastaub verursachen – wird uns anschaulich vor Augen geführt, wie marginal verkehrsbedingte Feinstaubemissionen im Vergleich zu natürlichen Staubquellen ausfallen.

Doch heute ist Vorsicht geboten, solche Erkenntnisse öffentlich zu äußern. Denn wer will dafür verantwortlich zeigen, dass der Mutigste der Sieben Schwaben im Schutz europäischer Gesetze und deutscher Gerichtsbarkeit sowie im Angesicht begeisterter Presse nicht nur tapfer ein Dieselverbotsschild dem erschrocken Hasen entgegenreckt, sondern auch noch das Verbot zum Betreten der Felder, Wälder und Auen oder die Bannbulle wider den Kerzenqualm und die Weihrauchverpestung aus dem Köcher zieht. Aber das mag eine andere Geschichte sein, die nicht ins Land der Lalen gehört und die auch wenig zur Lösung der derzeitigen Probleme beiträgt.

Hunderte Zuschriften nach DNN-Interview

Was in Deutschland, insbesondere jedoch der Europäischen Union mit ihren bürokratischen Gesetzgebungsmechanismen fehlt, ist eine unabhängige Institution mit wissenschaftlicher Reputation, die nicht nur die Umweltpolitik kritisch begleitet. Es sollte uns allen zu denken geben, wenn nach einem Interview in der DNN weit über hundert Zuschriften im Institut eingehen, in denen gedankt wird, dass man den Mut aufgebracht habe, die Sinnhaftigkeit der Luftreinhaltegesetze anhand plausibler Erkenntnisse in Frage zu stellen. Sind wir nach achtundzwanzig Jahren wirklich schon wieder da angekommen?

Ein vernünftiger Beitrag, die Brüche in unserer Gesellschaft zu heilen, wäre ein Aussetzen der unsäglichen Diesel-Diskussion für eine Zeit, in der einem Expertenteam, bestehend aus Meteorologen, Informatikern, Medizinern, Fahrzeugingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern Zugang zu den Messdaten aus den Luftmessnetzen, Verkehrs- und Wetterdaten sowie zu allen Studien einschließlich derer, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt gemacht wurden, gewährt wird.

Ein Jahr sollte für fundiertes Gutachten reichen

Etwa ein Jahr sollte ausreichen, um nicht nur der Bundesregierung, sondern auch der Bevölkerung ein fundiertes Gutachten zu den Grenzwerten der geltenden Luftreinhaltegesetze, zu Abgasnormen, zur Wirkung von Luftreinhaltemaßnahmen, zu Möglichkeiten und Grenzen der Abgasnachbehandlung in modernen Motoren, zu den wirtschaftlichen Konsequenzen bis hin zu nachvollziehbaren Abschätzungen der bestehenden Gesundheitsrisiken vorlegen zu können.

Ob die Argumentation dann ausreicht, eine Novellierung der europäischen Luftreinhaltgesetze anzustreben, in der nationalen Umsetzung der Richtlinien repressive Maßnahmen wie Dieselfahrverbote auszuschließen oder die kostspielige Umrüstungen von Teilen der Fahrzeugflotten anzuordnen, läge im Ermessensspielraum der Bundesregierung.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Einsicht endlich reift, dass unsere globalisierte, spannungsgeladene Welt zu fragil ist, sie mit sich selbstbewahrheitenden Prophezeiungen schadlos verändern zu können.

Von Prof. Matthias Klingner

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