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Auto & Verkehr Unterwegs mit der Shoppingbahn von Dresden-Kaditz nach Prohlis

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Unterwegs mit der Shoppingbahn von Dresden-Kaditz nach Prohlis

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute: Linie 9.

Nicht nur die großen Einkaufszentren, auch die großen Sehenswürdigkeiten in der Altstadt können Fahrgäste aus den Fenstern der Linie 9 sehen.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. „Willkommen in der Durchschnittslinie“, sagt eine Straßenbahnfahrerin, die am Riegelplatz in Kaditz ihre Arbeitspause verbringt, bevor sie die Linie 9 zurück Richtung Prohlis steuern wird. „Gibt es irgendwas besonderes auf der Strecke?“ „Nee, außer am Elbepark ist manchmal Halligalli, wenn die Leute ihre Kisten und Möbel versuchen in die Bahn zu wuchten. Da entscheide ich von Fall zu Fall, ob ich das Sofa als gepolsterte Alternative zu unseren Sitzen mitnehme“, berichtet die Straßenbahnführerin aus ihrem Berufsalltag.

Unterwegs mit der Linie 9

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Die durchschnittliche 16,9 Kilometer lange Strecke in rund 50 Minuten Fahrtzeit ist für Jean-Mark Linné hingegen heute etwas Besonderes. Eigentlich fährt der DVB-Mitarbeiter die Busse durch die Landeshauptstadt. Heute nimmt er ausnahmsweise im Führerstand der Linie 9 Platz. In seinen 27 Jahren Dienstzeit hat sich einiges getan. Körperlich muss er nur noch wenige Knöpfe drücken, doch geistig dafür umso fitter sein. „Was einen guten Straßenbahnführer ausmacht, ist ständiges Mitdenken für die anderen Verkehrsteilnehmer“, weiß Linné und stärkt seine Konzentration mit einem Becher Kaffee. Dann kann es ja losgehen.

Die 9 als Umzugshelfer

Ein oft beobachteter blinder Passagier an Bord der Linie 9 ist Billy. Man kennt ihn unter Straßenbahnführern. Stets greifen dem Schweden meist junge Leute unter den Arm und helfen ihm an der Haltestelle „Elbepark“ in die Bahn. „Wenn es nicht so voll ist, drück’ ich auch mal ein Auge zu und lass ihn gewähren, schließlich ist er relativ schlank“, sagt eine Straßenbahnführerin. Problematisch wird es nur, wenn nicht nur das Regal, sondern auch andere IKEA-Abkömmlinge die „9“ als Trittbrettfahrer auf dem Weg in ihr neues Zuhause nutzen. „Sofas müssen leider draußen bleiben“, sagt die DVB-Mitarbeiterin.

Gleich zu Fahrtbeginn ist das Durchschnittsalter der Fahrgäste besonders hoch. Das liegt nicht zuletzt an der gut gelaunten 80-Jährigen, die mit einem großen Paket bepackt am Riegelplatz einsteigt. Traudel Göll ist auf dem Weg zur Post und zum Einkaufen. „In Kaditz haben alle kleinen Läden zugemacht“, trauert Göll den alten Zeiten nach, in denen sie noch direkt um die Ecke einkaufen gehen konnte. Nun fährt sie häufig mit der „9“ zum Elbepark oder in ihren Garten.

Früher musste sie den Bus nehmen, denn dass die Linie 9 bis Kaditz fährt, war nicht immer so. Erst nachdem das Elbehochwasser 2002 die Flutrinnenbrücke zerstört hatte, folgte die DVB dem Wunsch vieler Kaditzer und verlängerte die ursprüngliche Streckenführung.

Steckbrief

Linienverlauf: Prohlis – Reick – Zoo – Lennéplatz – Hauptbahnhof – Prager Straße – Postplatz – Neustädter Markt – Neustadt – Mickten – Kaditz

Linienlänge: 16,9 Kilometer

Fahrzeit: 51 Minuten

Haltestellen: 40

Fahrgastzahlen: 27 400 Fahrgäste pro Werktag (2016)

Am Elbepark findet ein kompletter Fahrgästewechsel statt: Leere Taschen verlassen die 9, volle Taschen steigen in die Bahn. Bei durchschnittlichem Sonne-Wolken-Mix geht es ruhig über Trachau und Mickten nach Pieschen. Am Alexander-Puschkin-Platz steigt eine junge Frau mit einem großen Reiserucksack zu. Sie hat Glück. Im leeren Vierer ganz hinten ist genug Platz für sie und ihr schweres Gepäck. „Ich bin auf dem Weg zum Hauptbahnhof, um mit einer Schülergruppe auf eine Ferienfreizeit zu fahren“, sagt Ulrike Heller. Als die „9“ über die Baustellen geplagte Augustusbrücke Richtung Altstadt ruckelt, guckt sie gespannt aus dem Fenster. „Ich fahre nur ein bis zwei Mal im Jahr durch die Dresdner Altstadt – da kann ich jetzt mal schauen, was für Baustellen dazu gekommen sind“, schmunzelt Heller.

Theaterplatz, Semperoper – die „9“ nimmt einiges an Sehenswürdigkeiten mit. Doch besonders häufig trifft man hier kleine und große Schnäppchenjäger an. Die „Shopping-Linie“ verbindet den Elbepark sowie den Kaufpark Nickern mit der Prager Straße und der Altmarkt-Galerie. Wer dann noch nicht fündig geworden ist, findet am Ende der Linie 9 im Einkaufszentrum Prohlis vielleicht das Gesuchte.

Regelmäßige Tramfahrer wissen: Die Straßenbahn ist manchmal der reinste Zoo. Eitle Pfauen spiegeln sich im Handy-Display und checken, ob die Haare noch richtig sitzen, kleine Mädchen gackern wie die Hühner, einige hängen in den Sitzen wie schläfrige Koalas.

Von den manchmal komischen Gebärden der Mitfahrer kriegen die Kinder nur wenig mit, die aus dem Fenster schauen, denn es nähert sich die Haltestelle „Zoo“. Aufgeregt verlassen die Familienbanden die Straßenbahn.

Bis Prohlis bleibt die Bahn dann erstmal weitestgehend kinderlos. An der Haltestelle des Prohliser Einkaufszentrums schieben mehrere Väter ihre Kinderwagen in die Bahn, um bis zur Endhaltestation Gleisschleife Prohlis zu fahren. Es ist durchschnittlich ruhig geblieben heute. Gar nicht so schlecht für all die Fahrgäste, die ihre prallen Einkaufstüten auf, unter und neben den Sitzen verstauen müssen. An der Gleisschleife hat der Straßenbahnführer Linné diesmal keine Zeit für seinen geliebten Kaffee. Es geht gleich zurück Richtung Kaditz.

Von Tomke Giedigkeit

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