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Uniklinikum kämpft mit Ambulanz-Defiziten und sinkenden Landeszuschüssen

Uniklinikum kämpft mit Ambulanz-Defiziten und sinkenden Landeszuschüssen

Der Wettbewerb unter den Krankenhäusern ist in Dresden massiv. Allein in der Stadt versorgen sieben Kliniken die Bevölkerung. In der umliegenden Region decken neun Krankenhäuser den Bedarf.

Von Katrin Tominski

Der Wettbewerb unter den Krankenhäusern ist in Dresden massiv. Allein in der Stadt versorgen sieben Kliniken die Bevölkerung. In der umliegenden Region decken neun Krankenhäuser den Bedarf. Mit modernen Konzepten versuchen die Einrichtungen, Leistungen zu bündeln und ihre Einnahmen zu sichern. Das genügt jedoch nicht immer, um die Kosten zu decken. "Der Fehler liegt auch im System", erklärt Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Das Universitätsklinikum wird nach langer Zeit in diesem Jahr erstmals keine schwarze Null schreiben.

Frage: Professor Albrecht, wie betriebswirtschaftlich muss ein Krankenhaus arbeiten?

Michael Albrecht: Ein Krankenhaus sollte in der Lage sein, seine Kosten zu decken. Das bedeutet jedoch auch, Gelder für Investitionen zu erwirtschaften. Das Universitätsklinikum braucht jährlich allein 30 Millionen Euro, um seine Ausstattung auf gleicher Höhe zu halten. Uns geht es nicht darum, Geld zu verdienen. Wir sind keinen Aktionären verpflichtet. Trotzdem müssen die Investitionen erwirtschaftet werden. Das wird oft vermengt. Geld bleibt nicht übrig - im vergangenen Jahr haben die Einnahmen nicht gereicht, um alle Investitionen zu tätigen. Wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, beginnt eine Abwärtsspirale nach unten.

Wie kommt es zu der Schieflage?

Wenn die Personalkosten jährlich um vier bis fünf Prozent steigen, die Erlöse jedoch nicht, wird der wirtschaftliche Druck immer stärker. Von 2000 bis 2011 sind die Personalkosten um 69 Prozent gestiegen. Das ist ein Problem, das alle Krankenhäuser haben.

Ein Problem vieler Krankenhäuser sind auch die Defizite im ambulanten Bereich. Schaffen Sie es, hier ohne Verluste zu arbeiten?

Diese Frage muss ich mit einem ganz klaren "Nein" beantworten. Wir dürfen laut unserem Poliklinikvertrag mit den Krankenkassen im Jahr 135 000 Patienten behandeln. Für jeden von ihnen zahlen die Kassen 50 Euro im Quartal. Gekommen sind jedoch über 200 000 Patienten. Und wie Sie sich sicherlich vorstellen können, hat eine Untersuchung nur in den seltensten Fällen ausgereicht. Von Jahr zu Jahr steigern sich die ambulanten Fallzahlen. Diese Entwicklung führt dazu, dass die Defizite immer größer werden.

Die niedergelassenen Ärzte sollen also weniger Menschen zu Ihnen schicken?

Viele Patienten kommen aus Eigeninitiative, weil sie in das spezialisierte Klinikum großes Vertrauen haben. Dazu kommen die Überweisungen der niedergelassenen Ärzte. Ich mache den Ärzten keinen Vorwurf. Das Problem der begrenzten Budgets haben sie ebenso wie wir. Doch an dieser Stelle muss man sich schon besorgt fragen, ob das System noch funktioniert.

Sie attestieren einen Systemfehler?

Viele Patienten bekommen bei Fachärzten erst einen Termin in sechs Monaten, die Uniklinik behandelt mehr Patienten, als per Vertrag erlaubt. Offensichtlich ist da eine Nachfrage, die nicht befriedigt wird. Auf der anderen Seite gehen die Deutschen so häufig zum Arzt wie niemand in Europa. Hier liegt ein Fehler im System. Doch das Gesundheitssystem schiebt die Verantwortung Ärzten und Krankenhäusern zu.

Gibt es eine Lösung?

Für diese Ansicht werde ich oft kritisiert, doch ich bleibe dabei: Deutschland muss sich überlegen, ob es sich weiter ein System leisten will, das Fachärzte von Krankenhäusern abschottet. Uns als Uniklinikum ist es per Hochschulpoliklinikvertrag als einzigem Dresdner Krankenhaus erlaubt, Patienten ambulant zu behandeln. Andere Einrichtungen müssen Medizinische Versorgungszentren gründen, die sie als Tochterunternehmen an das Krankenhaus anlagern.

Sie plädieren dafür, die strikte Trennung zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten aufzuheben?

Ja. Pro Kopf haben wir die größte Arzt-Dichte in Europa. Es gibt keinen Ärztemangel, aber ein Verteilungsproblem. Den Provinzen schwinden die Ärzte, während die Städte gut aufgestellt sind. Für keine Förderung der Welt lässt sich ein Arzt lebenslang in Niesky oder Hoyerswerda verpflichten. Das Ideal vom ansässigen Landarzt stammt aus den 1950ern, ist sozialromantisch und überholt. Wir brauchen neue Konzepte. Warum kann das Krankenhaus in Hoyerswerda seine Patienten nicht auch ambulant versorgen? Ein Festhalten an alten Modellen ist der Absturz.

Eine Zukunft ohne Landarzt?

Die Zukunft liegt auch in der mobilen ambulanten Versorgung. Wir testen das in mehreren erfolgreichen Projekten. Zum Beispiel fahren Spezialisten der Uniklinik nach Bedarf in die Region von Görlitz und unterstützen bei der Diagnostik, Mitarbeiter helfen in Freiberg und in Rothenburg. Wir bauen ein Netzwerk auf, das mit vielen kleinen Projekten die Versorgung verbessert.

Eine bessere Versorgung bedeutet nicht bessere Zahlen. Wie reagieren Sie als Uniklinikum auf die Verluste?

Wir sind im Zwiespalt. Einerseits wollen wir für unsere Patienten da sein, andererseits dürfen wir nicht zulassen, dass die Defizite weiter steigen. Der Systemfehler kostet viel Geld. Wenn ich insgesamt kein ausgeglichenes Ergebnis mehr habe, muss etwas passieren.

Sie rutschen also ins Minus?

Laut Prognose werden wir 2012 keine schwarze Null schreiben. Damit sind wir nicht allein - etwa 88 Prozent aller Unikliniken in Deutschland schreiben rote Zahlen. Während 2011 noch ein Drittel der Uni-Krankenhäuser positive Ergebnisse erwirtschaftet hat, schaffen es in diesem Jahr maximal zwölf Prozent.

Sind die Defizite der ambulanten Versorgung der einzige Grund?

Sie verschärfen die Situation. Das Problem ist, dass wir neben der Krankenversorgung auch Forschung und Lehre finanzieren müssen. Was die medizinische Fakultät dafür vom Wissenschaftsministerium bekommt, liegt weit unter dem Bundesdurchschnitt. Zum Vergleich: Die Uni Göttingen bekommt einen Zuschuss von 129 Millionen Euro. Wir hingegen müssen mit 46 Millionen Euro auskommen. Überall in Deutschland sind die Beträge gestiegen. Wir sind der einzige Standort, an dem die Zuschüsse gesunken sind. Diese Schere hat jetzt ein Ausmaß angenommen, das sich auch auf das Uniklinikum auswirkt.

Wie geht es weiter?

Die Zeiten werden härter und ungemütlicher. Wie jedes Krankenhaus müssen wir neue Einnahmequellen finden und unsere Erlösstrukturen optimieren. Das Thema brennt uns auf den Nägeln und wird uns schwer beschäftigen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.05.2012

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