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Lokales Ulrike Böhm leitet das neu gegründete Gymnasium Dresden-Tolkewitz
Dresden Lokales Ulrike Böhm leitet das neu gegründete Gymnasium Dresden-Tolkewitz
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12:27 15.08.2017
Ulrike Böhm hat u.a. das Landesgymnasium Sankt-Afra in Meißen mit aufgebaut und am Zentrum für Lehrerbildung der TU Dresden gearbeitet. Jetzt leitet sie das Gymnasium Tolkewitz.  Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

 Dr. Ulrike Böhm leitet das neu gegründete Gymnasium Tolkewitz mit zunächst 120 Fünftklässlern. Im DNN-Gespräch verrät die 47-Jährige, wann sie einen Glücksmoment hat, was einer ihrer schwärzesten Tage war und warum sie sich nicht mit Sätzen wie: „Das ist so“ zufrieden gibt.

Wieviele Schüler hatten sich denn beworben für das neue Gymnasium Tolkewitz?

Es waren 87 – genug, um an den Start gehen zu können. Weitere 30 haben unsere Schule als Zweit- und Drittwunsch genannt oder sind aus vollen Gymnasien umgelenkt worden. Knapp 120 Fünftklässler in fünf Klassen fangen jetzt also tatsächlich an. Der Wunsch nach Spanisch als zweiter Fremdsprache überwog dabei deutlich, so starten wir mit drei Spanisch-Klassen und zwei etwas kleineren Französisch-Klassen.

Sie waren stellvertretende Leiterin des St. Afra-Gymnasiums in Meißen und zuletzt des Gymnasiums Coswig. Wie ist es, eine Schule mit Fünftklässlern zu leiten, die langsam hochwächst?

Der Aufbau des Landesgymnasiums Sankt Afra hat ja auch klein begonnen. Es ist eine sehr spannende Zeit, gemeinsam mit den Kindern zu wachsen. Über viele Jahre werden neue Schüler und Lehrer zu uns kommen, die alle ihre Ideen einbringen wollen. Das erzeugt viele Reibungsflächen. Diesen Prozess zu leiten, ist auch für mich eine Herausforderung. Als Lehrerin ist es auch schon etwas anderes, in 5. Klassen Mathematik zu lehren. Viele Jahre hatte ich in der Sekundarstufe II den Leistungskurs. Mir liegt am Herzen, dass die Schüler Mathe verstehen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum so viele Kinder Angst davor haben und deshalb nur auswendig lernen.

Also ich verstehe das schon...

In dem wunderbaren Buch „Das Mathe-Gen“ argumentiert Keith Devlin, dass es keine angeborene Fähigkeit zum mathematischen Denken gibt. Für ihn ist das nur eine spezielle Form unseres Sprachvermögens. Und schon schmelzen die Gegensätze von sprachlichem und mathematischem Verständnis dahin.

Warum sind Sie Lehrerin geworden?

Ich habe immer schon Spaß daran, Dinge zu verstehen. Es ist doch schön zu wissen, wie ein Regenbogen entsteht, oder? Jedes Kind hat daran Freude, der festen Überzeugung bin ich. Wir trainieren sie ihm nur leider wieder ab. Wenn Menschen Dinge verstanden haben, ist der nächste Schritt, dass sie es allen erzählen müssen. Und so bin ich Lehrerin geworden. Ich möchte meine eigene Freude am Lernen weitergeben.

Warum sind Sie nicht Lehrerin geblieben?

Es war an der Zeit, mal die Perspektive zu wechseln und die Stelle zu finden, an der ich meine Erfahrungen am besten einbringen kann. Außerdem kann ich als Schulleiterin Spielräume definieren, die es Schülern erlauben, kreativ zu sein, mitzubestimmen, wie sie lernen wollen und Lehrern Möglichkeiten eröffnen, eigene Ideen und Projekte umzusetzen – kurz Vielfalt ermöglichen.

Bis zu den Winterferien soll das Gymnasium Tolkewitz fertig sein. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Eine neue Schule zu beziehen, ist immer spannend. Es gibt so ein paar Ideen, die ich sehr gut finde – die offenen Lernräume zum Beispiel, die sich an den Gangenden in jeder Etage befinden. Neben den Klassenzimmern wird es auch Gruppenarbeitsräume geben. Das passt sehr gut zu unserem Konzept des Selbstregulierten Lernens. Wir möchten eine offene Schule. Lernen kann man überall. Außerdem gibt es dieses Wäldchen, in dem Freiturngeräte gebaut werden sollen. Das Schulverwaltungsamt gibt sich wirklich alle Mühe, damit das eine schöne Schule wird. Ich darf bei der Ausgestaltung auch mitsprechen.

Was ist das Besondere an Ihrer Schule?

Ach, da gibt es vieles. Aber alles sind nur erste Schritte. Unser Fokus liegt im Moment auf der Schaffung von Phasen der Spannung und Entspannung durch ausgewogenen Wechsel im Schulalltag. Bei uns geht der Unterricht erst 8 Uhr los. Die Kinder dürfen die Zeit ab 7.30 Uhr dafür nutzen, um in Ruhe anzukommen. Sie können gemeinsam Aufgaben bearbeiten, ein Buch lesen oder Fragen an den Lehrer loswerden. Nach zwei Doppelstunden führen wir eine Unterrichtsphase ein, in der die Kinder selbst bestimmen, was sie lernen wollen, aber auch ihre Pause machen und essen gehen. Diese Phase heißt Selbstreguliertes Lernen. Zu viele Hausaufgaben wollen wir den Kindern auch nicht aufbürden.

Wann haben Sie einen dieser kleinen Glücksmomente in der Schule, die man so hat am Tag, wenn es gut läuft?

Vor zwei Jahren kamen Zwölfjährige nach dem Unterricht zu mir und wollten wissen, was Radioaktivität ist. Ich hätte jetzt natürlich den Erklärbär spielen oder ihnen sagen können, das habt ihr erst in ein paar Jahren in Physik. Aber ich hab’ gedacht, machen wir doch ein Forschungsprojekt daraus. Ich habe Gelder bei „Jugend forscht“ beantragt und den Schülern einen Geigerzähler besorgt. Sie sind dann früh immer vor mir dagewesen und haben in meinem Büro u.a. Mineralwasser vermessen. Am Ende wurden die Schüler mit dem zweiten Preis beim Landesfinale „Jugend forscht“ belohnt. Wichtig war mir, dass die Schüler die Fragen selbst stellen und dass sie auch scheitern dürfen.

Aus Fehlern lernt man...

Genau – und nicht nur aus dem, was man richtig macht. Jeder darf Fehler machen, und das ist gut so. Das Wesentliche ist doch, dass wir über unsere Fehler nachdenken, daraus Schlüsse ziehen und in einer ähnlichen Situation anders handeln. Diesen Prozess müssen die Kinder in der Schule durchleben dürfen und auch darüber sprechen. Wir vermitteln häufig, dass Fehler schlecht sind. Lehrer sollten den Mut zum Scheitern auch mal belohnen. Das ist eine Grundüberzeugung von mir.

Worüber können Sie sich richtig ärgern?

Immer dann, wenn jemand sagt: „Das ist so“, ohne seine Ansicht erklären oder begründen zu können – oder zu wollen. Dann bin sehr verärgert, weil es mir keine Möglichkeit gibt zu verstehen oder eigene Fehler einsehen zu können. Dabei kann ich nichts lernen. Ich möchte eine Schule haben, in der Entscheidungen begründet werden. Das ist mein Herzenswunsch.

Was ist Ihre Lebensmaxime?

Man sollte immer versuchen, seine Anlagen auszuschöpfen und an seinen Defiziten arbeiten. Ich habe das auch erst lernen müssen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich bin Naturwissenschaftlerin und sollte auf einer internationalen Konferenz in Wien einen Vortrag in englischer Sprache halten. Obwohl ich keine Erkältung hatte, war meine Stimme eine Woche vor Beginn der Konferenz weg – ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich hatte schlicht Angst. Auf der Konferenz erlebte ich einen Forscher aus Japan bei seinem englischsprachigen Vortrag. Er sprach kein Englisch und versuchte, den Text vom Blatt abzulesen, man konnte ihn nicht verstehen. Trotzdem waren alle nett im Konferenzraum, denn die Power-Point-Folien waren ja aussagekräftig genug. Als ich das sah, dachte ich: Dir kann nichts passieren. Ich hielt meinen Vortrag und war total stolz, dass ich mich überwunden hatte. Ich hab es dann wieder und wieder gemacht. Zu guter Letzt sprach ich auf einer Mathe-Konferenz in Seoul völlig frei. Das gilt aber nur für mich. Ich würde nie jemanden zwingen, über seine Grenzen zu gehen.

Von Katrin Richter

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