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Lokales Tod & Ritual in Chemnitz: Nudeln für die Toten
Dresden Lokales Tod & Ritual in Chemnitz: Nudeln für die Toten
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09:25 31.03.2018
Weisen auch manche Gefäß-Scherben eher einen spröden Charme auf, so ist die Schau nicht ohne visuelle Reize. Quelle: Foto: C. Ruf
Chemnitz

 „Nix Gwiss woass ma ned, außer dass ma sterba muss“, würde ein Bayer grammatikalisch eigenwillig, aber doch logisch sagen. In der Tat. Wir wissen, dass wir sterben müssen und wir wissen, dass geliebte Menschen sterben müssen. Nun haben Menschen – wohl seit es sie gibt – versucht, dem Tod einen Sinn zu geben und den Abschiedsschmerz zu lindern.

Ein Beispiel dafür ist das prähistorische Gräberfeld von Niederkaina östlich von Bautzen. Es wird seit Jahrzehnten archäologisch untersucht. In über 2000 Jahren fanden hier rund 2000 Menschen aus der Jungsteinzeit (um 2300 v. Chr.) bis zur frühen Eisenzeit (um 500 v. Chr.) ihre letzte Ruhestätte. Grab reiht sich an Grab. „Fides quaerens communionem“ („Glaube sucht Ge-meinschaft) hätten die alten Römer gesagt. Aber die tummelten sich viel später in ganz anderen Gefilden. Sachsens Archäologen ist es jedenfalls gelungen, Teile des aufwendigen Totenrituals zu rekonstruieren.

Die Ausstellung „Tod & Ritual“, die derzeit im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz zu sehen ist, nimmt diese Gräber von Niederkaina als Ausgangspunkt für eine Reise durch Bestattungs- und Gedenkrituale in der Welt, in der Vergangenheit wie auch heute. Die Heldenbestattungen in Homers „Ilias“ werden ebenso in den Blick genommen wie die Totenkulturen Altägyptens und Chinas oder auch Ausgrabungen auf dem Dresdner Neumarkt, wo früher der Frauenkirchhof auf „Kundschaft“ wartete.

Die Ausstellung erzählt uns, dass man in Niederkaina auf die Beigabe von Waffen verzichtete. Eine Ausnahme sind bronzezeitliche Pfeilspitzen. Aber auch Geräte wurden nur selten mitgeben. Sie können Hinweise auf spezielle Tätigkeiten des Verstorbenen im Leben oder im Jenseits sein. Webgewichte finden sich in Familiengräbern. Rasier- und sonstige Messer, teilweise mit den dazugehörigen Schleifsteinen, sowie Tüllenbeile und Tüllenmeißel sind typisch für Männergräber. Tüllenbeile, bei denen manchmal auch eine tönerne Nachbildung genügte, fanden sich vielerorts in Europa. Das Spektrum an Formen ist entsprechend variantenreich. Die Funktion der Beile lag wohl nicht allein in ihrer Brauchbarkeit als Gerät, sondern auch in ihrer Materialität als Metallgegenstand.

An sich finden sich in Gräbern der Lausitzer Kultur selten Metallbeigaben – und wenn, dann handelt es sich meist um Trachtzubehör wie Nadeln oder auf dem Scheiterhaufen bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Stücke. Diese kulturelle Eigenart erschwert es, die damalige Lebenswelt zu rekonstruieren. „Elitäre Statusrepräsentation durch aufwendige Grabbeigaben gehörte im Gegensatz zur südlich angrenzenden bronzezeitlichen Urnenfelder- und eisenzeitlichen Hallstattkultur nicht zu den Merkmalen der Lausitzer Kultur“, hält Carola Metzner-Nebelsick in einem Beitrag zu einem „Archäologie in Deutschland“-Heft fest, das Burgen der Lausitzer Kultur gewidmet ist.

In der Ausstellung wird darauf hingewiesen, dass die 300 Gewandnadeln aus den Niederkainaer Gräbern eine allmähliche Veränderung der Mode der Lausitzer wie auch der Billendorfer Kultur erkennen lassen. Für die Früheisenzeit lassen sich auf der Basis von 30 unterschiedlichen Nadeltypen sieben Nadelhorizonte herausarbeiten, die jeweils mehrere Nadeltypen beinhalten. Anscheinend änderte sich über einen Zeitraum von 280 Jahren alle ein bis zwei Generationen die Nadelmode.

An sich war eine Verbrennung ein beeindruckender Akt. Allerdings zerstörte so ein Feuer auch das inszenierte Bild. Keramik färbte sich rot und zersprang. Sonst blieben nur Asche, verbrannte Knochen sowie verkohlte Holz- und Speisereste übrig. Die Brandbestattung war ein zentraler Akt im Totenritual und eine Möglichkeit, mit anderen Sphären in Kontakt zu treten. Vielleicht sollte der Verstorbene oder seine Seele auf diese Weise transformiert werden und in eine göttliche Sphäre gelangen. Denkbar ist auch, dass die Inszenierung des Scheiterhaufens als Opfer gedacht war – als Anerkennung der göttlichen Ordnung.

Gefunden wurden auch „die ältesten Nudeln der Welt“, wie eine Inschrift ohne falsche Bescheidenheit vorgibt. Speisen wurden den Toten in Niederkaina mitgegeben, außer Brot und Brei fanden sich Nudeln, jedenfalls die Reste davon. Bei der Leichenverbrennung in Keramikgefäßen geschützt, verkohlten sie statt zu verbrennen und blieben so in den Gräbern erhalten. Vor allem Frauen und Männer mittleren Alters wurden mit Speisen „repräsentativ aufgebahrt“. Vielleicht war der Verlust dieser leistungsstarken und sozial eingebundenen Menschen im biologisch reproduktiven Alter für die Gemeinschaft besonders schwer zu verkraften. Die Nudeln sind einzigartig, wird versichert. Zubereitet wurden sie aus qualitätvollen Weizenvollkornmehl, wohl Emmer. Man nimmt an, dass der Teig zwischen den Handflächen zu Würsten gerollt wurde.

Interessant die Rückschlüsse, die sich aus einem Männergrab ziehen lassen. Hier konnte eine Zahnwurzelentzündung als eindeutige Todesursache eines etwa 45jährigen Mannes ausgemacht werden. Außerdem litt der Mann an Sehnenverknöcherungen am Oberschenkel, die auf Überbelastung bei schwerer körperlicher Arbeit zurückgehen. Bestattet wurde er zwischen 780 und 620 v. Chr. in einem gut ausgestatteten Kammergrab mit männerspezifischen Beigaben wie einem Eisenmesser und zwei schlesischen Schälchen. Eine Schälchenkopfnadel verschloss das Leichenbrandsäckchen in der Urne.

Die in Niederkaina gefundenen Schälchen belegen, dass nicht nur im Mittelmeerraum Keramik kunstvoll bemalt wurde. Aus reich ausgestatteten Gräbern stammen bunt bemalte, rot- und gelbgrundierte Schälchen und Tassen, die mit teils sehr filigranen Mustern verziert sind. In der Regel stammen die kostbaren Kleinodien aus Werkstätten in Mittelschlesien und Nordostböhmen, wo sie um 600 v. Chr. hergestellt wurden.

„Tod & Ritual“, Museum für Archäologie in Chemnitz, Stefan-Heym-Platz 1, bis 21. Mai 2018, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr), smac.sachsen.de

Von Christian Ruf

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