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Lokales Tief verwurzelt in der Geschichte: Dresdner Gedenkbäume
Dresden Lokales Tief verwurzelt in der Geschichte: Dresdner Gedenkbäume
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12:00 27.02.2018
Die drei Eichen am Moreau-Denkmal unterhalb der Räcknitzer Bismarcksäule stehen für Preußen, Österreich und Russland. Quelle: Stefan Schramm
Dresden

Das Moreau-Denkmal in Räcknitz erinnert an die tödliche Verwundung des französischen Generals Jean-Victor Moreau am 27.  August 1813 während der Schlacht von Dresden im Kampf gegen das napoleonische Frankreich. Um das Denkmal herum gruppieren sich drei im November 1814 gepflanzte Eichen mit ineinander verwachsenen Kronen und Stammumfängen zwischen 2,5 und 5 Metern. Sie stehen für die drei Alliierten in den Befreiungskriegen: Preußen, Österreich und Russland. Doch das ist so gut wie unbekannt.

Der grüne Zweig der Dresdner Erinnerungskultur

Es ist das übliche Schicksal vieler Gedenkbäume in Dresden, die alle eine interessante Geschichte erzählen könnten. Doch ein großer Teil dieser Bäume weist keine Beschilderung auf, bleibt dadurch unbeachtet. Rainer Pfannkuchen, von 1990 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2006 Leiter der städtischen Naturschutzbehörde, ärgert sich darüber selbst am meisten. „Leider habe ich das versäumt. Ich hätte es als Amtsleiter einfädeln können“, sagt der 76-Jährige, der seit 1975 ehrenamtlicher Naturschützer war und heute als der wohl größte Kenner der Dresdner Gedenkbaum-Landschaft gilt.

Rainer Pfannkuchen Quelle: Stefan Schramm

Als Verbindung seines Berufs mit seinem eigenen heimatkundlichen Interesse widmete er sich seit den 1990ern diesem grünen Zweig der Dresdner Erinnerungskultur und forschte zunächst zur schönen, mächtigen König-Albert-Eiche Kauscha. „Ein älterer Herr, der dort in einer Bauernfamilie aufgewachsen war, erzählte mir über den Baum, den er seit der Kindheit kannte“, berichtet Rainer Pfannkuchen. Bald widmete er sich der Luthereiche in der Dresdner Heide und der Cossebauder Bismarckeiche. Spätestens damit war seine Begeisterung geweckt.

Seine erste Publikation zum Thema ist 1998 erschienen – anlässlich der Pflanzung der Alberteichen genau 100 Jahre zuvor. Weitere Artikel in Zeitungen und Stadtgeschichtsbüchern sowie Volkshochschulvorträge folgten. Neben den Moreau-Eichen, die der Zschertnitzer als seine „Heimatbäume“ bezeichnet, hat es ihm auch die Alberteiche auf dem Strehlener Wasaplatz angetan.

Ein Stadtgeschichtsbuch ist kein Bestseller

Seit dem 10. Juni 1999 ist die Eiche, die schon vor zehn Jahren mit einem Stammumfang von 3,85 Metern, einer Höhe von 21 Metern und einem Kronendurchmesser von 24 Metern glänzen konnte, als ein Naturdenkmal geschützt. „Damals haben wir dieses fünfeckige gelbe Schild mit der Eule angebracht, das alle Leute mit dem Naturschutz verbinden“, erinnert sich Rainer Pfannkuchen, „nur eben nichts weiter darunter. Dort würde ein Zusatzschild mit dem Namen des Baums und seinem Pflanzdatum gut passen.“

Eine einheitliche Beschilderung für alle öffentlichen Gedenkbäume Dresdens sei wünschenswert. Die Stadt müsse mehr für diesen interessanten Teil der Stadtgeschichte tun, sagt er. Die „Denkmäler“ sind schließlich schon da. Nur die passenden Hinweise darauf fehlen vor Ort. „Die Leute wissen viel zu wenig über diese Bäume. Man kann es ihnen auch nicht vorwerfen. So ein Stadtgeschichtsbuch ist ja auch kein Bestseller, den jeder in seinem Bücherschrank haben muss“, meint Rainer Pfannkuchen.

Heute sind im Dresdner Stadtgebiet rund 90 sogenannte Memorialbäume bekannt, die allesamt gemeinsam haben, im Gedenken an ein Ereignis oder eine Person gepflanzt worden zu sein – etwa 50 von ihnen stammen aus der Zeit vor 1900. Die Tradition ist jedenfalls mehr als zwei Jahrhunderte alt. Als sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Vereinswesen entwickelte, erlebten die Baumpflanzungen einen enormen Aufschwung, da sie oft von Kirch-, Gesangs-, Heimat-, Schul- oder Kriegervereinen initiiert worden waren.

In der DDR war das Pflanzen von Gedenkbäumen verpönt

Besonders oft gibt es heute Bäume im Gedenken an Martin Luther, meist Eichen oder Linden. Allein in Dresden erinnern über 30 an den Reformator. Mehrfach geehrt wurden auch Sachsens König Albert, Friedrich Schiller und Reichskanzler Otto von Bismarck. Nur wenige sind mit Hinweistafeln versehen, darunter erst seit Mai 2017 die Splittereiche im Großen Garten, deren Name übrigens in den 1990er Jahren zunächst als interner Arbeitstitel in der Naturschutzbehörde entstanden war, wie Rainer Pfannkuchen verrät.

Viele Dresdner Gedenkbäume stehen in alten Dorfkernen und in der Nachbarschaft von Kirchen. Und unter ihnen ist manche Besonderheit, so die fast 400-jährige Schulmeister-Schulze-Linde und die Meschwitzeiche, die als größte Schindel-Eiche Deutschlands gilt, außerdem die als Naturdenkmal geschützten Bäume, so die Dohna-Eiche in Weixdorf, die Luthereichen in Strehlen und Kleinluga sowie die Alberteichen in Strehlen und Kauscha.

Eine Besonderheit ist auch die im Zweiten Weltkrieg gepflanzte Gedenkfichte, die im Gelände der Diakonissenanstalt an der Bautzner Straße steht – am Eingang der Kirche. Vor dem Baum liegt eine Tafel, die den Anlass der Pflanzung verrät: „1844. 1944. Zum hundertjährigen Bestehen der ev.-luth. Diakonissen-Anstalt zu Dresden – 19. Mai 1944 – Gestiftet von der Gefolgschaft“. Es handelt sich um einen von wenigen Gedenkbäumen mit Nadeln – und um den letzten einer Ära. Denn in der Zeit der DDR war die Tradition des Pflanzens von Gedenkbäumen als bürgerlich verpönt, erst nach der Wende lebte es wieder auf.

Rote Bilderstürmer leisteten in den ersten Nachkriegsjahren ganze Arbeit, zerschlugen oder entfernten sämtliche Gedenksteine aus der Zeit von Monarchie und Militarismus. Die Bäume, die damit im Zusammenhang standen, gerieten folglich recht schnell in Vergessenheit. Nur in manchen Stadtteilen, so in Langebrück und Kaditz, haben fleißige Lokalhistoriker die Ortschroniken so weit ausgewertet, dass dort die Geschichte der Gedenkbäume zumindest zu einem guten Teil ergründet ist.

Die Wagnerlinde überlebte nur drei Wochen

Andere Denkmäler wurden umgewidmet. Ein klassisches Beispiel: Bismarck. Im Wachwitzgrund, kurz unterhalb der Einmündung des Eichendorffsteigs, steht ein ursprünglich dem Reichskanzler gewidmeter Gedenkstein, auf dem in der Zeit der DDR eine neue Inschrift angebracht wurde: „Freunde der Natur, schützet Wald u. Flur“. Der Baum dahinter ist daher ebenso nicht mehr als Bismarckeiche erkennbar wie jener unmittelbar westlich der Tennisplätze im Waldpark Blasewitz. Auch in seinem Schatten steht ein 1898 zu Ehren Bismarcks aufgestellter Sandsteinblock. Das bronzene Porträtmedaillon des Kanzlers ging nach dem Krieg verloren. Seit 1998 gibt es nun eine neue Bronzetafel mit der Aufschrift: „Zur Erinnerung an den Gestalter der Waldparkanlage, Hofgärtner H. S. Neumann 1829–1880“. Dessen Verdienste in allen Ehren, doch Hinweise auf die ursprüngliche Denkmalsfunktion für Bismarck? Fehlanzeige. Die beiden Bismarckeichen fristen deshalb ein verlorenes Dasein.

Einige Gedenkbäume sind nicht mehr vorhanden, weil sie beispielsweise gefällt werden mussten – zuletzt die beiden Bismarcklinden von 1895 an der Rochwitzer Schule, die vor zwei Jahren deren Neubau an der Hutbergstraße zum Opfer fielen. Ein hartes Schicksal hatte die Wagnerlinde vorm Haus des Buches an der Waisenhaus-/Ecke Prager Straße zu erleiden. Erst drei Wochen zuvor fraktionsübergreifend von Mitgliedern des Stadtrats in Erinnerung an Dresdens ersten Nachwende-Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU) gepflanzt, wurde sie am 5. Dezember 2001 von Unbekannten aus politischen Motiven gefällt. Nur ein kleiner „Abschiedsbrief“ baumelte an den kümmerlichen Resten des Gehölzes.

Von Stefan Schramm

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