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TU Dresden zeigt Sachsens Migrationsbewegungen in einer Ausstellung

Normalfall Migration? TU Dresden zeigt Sachsens Migrationsbewegungen in einer Ausstellung

Kriegsflüchtlinge, Vertragsarbeiter, religiöse Verfolgung: Migration scheint der Normalfall der Geschichte zu sein. Studierende der TU Dresden haben sich auf Spurensuche begeben und anhand persönlicher Schicksale die großen Migrationsbewegungen im Freistaat in einer Ausstellung zusammengetragen. Kann uns die Historie zeigen, wie Integration gelingt?

Der Historiker Dr. Swen Steinberg hat die Ausstellung unter anderem mit den Studentinnen Daniela Di Pinto und Anne Wietholz (v.l.) erarbeitet.
 

Quelle: Tomke Giedigkeit

Dresden.  Migration ein vergessenes Thema? In den aktuellen Debatten um Willkommenskultur, Einwanderung, Integration und Heimat ist Migration doch in aller Munde. „Im Angesicht der Diskussionen über die Flüchtlinge im Freistaat wird aber häufig vergessen, dass Migration der Normallfall der Geschichte ist. Auch der Sächsischen“, sagt Swen Steinberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte der TU Dresden. Das will er zusammen mit acht Studierenden in der Wanderausstallung „Kommen, Gehen, Bleiben“, zeigen, die am 6. Februar im Foyer der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibibliothek (SLUB) Eröffnung feiert.

Seit April des vergangenen Jahres recherchierten die Studierenden in Archiven, der SLUB, Heimatmuseen der Umgebung und befragten Zeitzeugen. Herausgekommen sind verschiedene Tafeln, die anhand von persönlichen Einzelschicksalen die Spuren der großen Migrationsbewegungen im Freistaat aufzeichnen. Der Glaube war und ist für viele Menschen der Grund ihre Heimat zu verlassen. So auch im 17. Jahrhundert, als ab 1620 Zehntausende, protestantische Flüchtlinge vor der habsburgischen Rekatholisierung in Böhmen nach Sachsen flüchteten. „Die Integration war schon damals ein großes Thema“, erklärt Steinberg. Einige Geflüchtete gründeten neue Siedlungen, wie das erzgebirgische Johanngeorgenstadt. In der Landeshauptstadt bauten die Exulanten aus Tschechien mit der St. Johanniskirche ihr religiöses Zentrum, deren böhmische Gemeinde bis 1986 bestand.

Die Industrialisierung brachte Wirtschaftsflüchtlinge hervor und zog gleichermaßen gut ausgebildete Menschen an. Am Beispiel von Gotthelf Willilg, der um 1850 von Werdau nach Chicago auswanderte, wird deutlich, was auch heute noch gilt. „Auch die Geschichte zeigt, die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, sagt der promovierte Historiker. Willigs fünf Kinder lernten rasch die englische Sprache und integrierten sich schneller als der Vater. Allein in den USA gibt es noch heute zehn Orte mit dem Namen Dresden. Umgekehrt folgten Techniker, wie der Engländer Evan Evans aus Manchester, der Anziehungskraft der Industrialisierung im Freistaat und brachten die Wirtschaft weiter voran. Der Maschinenbauer entwickelte in Harthau eine Feinspinnmaschine, die bis zu 1 000 Spulen gleichzeitig tragen konnte und gilt als Begründer der sächsischen Baumwollspinnerei. Damals warb der kurfürstliche Hof gezielt Techniker aus England ab, deren Expertise für die Bedienung der Maschinen und Ausbildung der sächsischen Arbeiter von Bedeutung war.

Integration erfordert mehr Geduld und mehr Sprachangebote

Ende des 19. Jahrhunderts erlangte Dresden den Ruf als „Schoolroom of Europe“. „Die Gymnasien und Hochschulen zogen die wohlhabende Elite aus anderen Teilen der Erde an“, erklärt Steinberg. „Migration wird häufig in einem negativen Kontext gesehen“, sagt die 25-jährige Studentin Anne Wietholz, die an der Ausstellung mitwirkt. „Aber die Migration war für Dresdens Kunst und Musikszene sehr bedeutend“.

Die Ausstellung soll das Allgemeine im Speziellen untersuchen. Dazu gehört auch das Schicksal der Juden in Sachsen und die zahlreichen Kriegsflüchtlinge sowie die Geschichten der Menschen, die einst versuchten die DDR zu verlassen. Die Geschichtsstudentin Daniela Di Pinto möchte in ihrem Ausstellungsbeitrag über die Rolle der Vertragsarbeiter in der DDR aufklären. 1989 lebten rund 191 000 Ausländer in Ostdeutschland, „über deren Situation besonders im Westen wenig bekannt ist“, sagt die 36-jährige Di Pinto, selbst Kind von Gastarbeitern. Sie hat bei ihren Recherchen überrascht, dass im Mauerfall-Jahr 699 Syrer in der DDR lebten. Besonders schwer hatten es Vertragsarbeiterinnen. Sie bekamen weniger Sprachunterricht und riskierten mit einer Schwangerschaft ihre Ausweisung.

„Jede Migrationsbewegung ist individuell. Doch bei der Integration gibt es Parallelen“, analysiert der 38-jährige Historiker. Die Geschichte zeige, wie wichtig der Spracherwerb für die gesellschaftliche Eingliederung sei. In der Hinsicht könne Sachsen noch mehr aus der Historie lernen, findet Steinberg. „Wir brauchen mehr Geduld im Umgang mit Geflüchteten und mehr Sprachangebote“.

Vom 6. bis zum 28. Februar wird die Ausstellung im Foyer der SLUB kostenlos zu sehen sein. Die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping (SPD) wird zur Eröffnung um 18 Uhr ein Grußwort sprechen. „Auch die Ausstellung ist eine Migrantin“, schmunzelt Steinberg. Sie Soll durch verschiedene öffentliche Räume, wie Rathäuser und Bibliotheken, im Freistaat wandern. Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit der TU Dresden, dem Geschäftsbereich der Sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration sowie der SLUB.

Von Tomke Giedigkeit

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