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Lokales "Suizid ist keine freie Entscheidung"
Dresden Lokales "Suizid ist keine freie Entscheidung"
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11:00 28.04.2018
Psychiaterin Uta Lewitzka vom Uniklinikum betreut Kinder und Jugendliche.

Von Katrin Tominski

In Deutschland nehmen sich jeden Tag zwei Heranwachsende das Leben. Wie können junge Menschen schon so verzweifelt sein?

Ute Lewitzka: Zur pubertären Reifungskrise gehören alle Facetten menschlicher Emotionen, Wut, Trauer, Ärger und Zweifel. Diese Gefühle können Anzeichen einer pubertären Krise sein, aber auch die Symptome einer psychischen Krankheit. Die Herausforderung ist zu unterscheiden. Pubertäre Krisen gehen in der Regel schneller vorbei und erreichen nicht die Intensität, dass der Alltag deutlich beeinträchtigt ist. Ziehen sich Heranwachsende jedoch längerfristig zurück, gehen ihren Interessen nicht mehr nach und kommunizieren nicht mehr wie üblich, sollte man genauer hinsehen.

Welche psychischen Störungen können Heranwachsende in ihrem jungen Alter überhaupt bekommen?

Die Jugendlichen erkranken an Depressionen, aber auch Schlafstörungen und Angststörungen spielen in der Jugend eine Rolle. Auffallend ist der Anstieg des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom, des ADHS. Das liegt einerseits an einem größeren Bewusstsein für die Krankheit, gleichzeitig ist diese Tendenz ein Indiz für gesellschaftliche Veränderungen.

Das würde ja heißen, dass unsere Gesellschaft unsere Kinder krank macht?

Die Gesellschaft verändert sich, das geht auch an den Menschen nicht spurlos vorbei. Besonders Kinder aus sozial schwachen Familien sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Umgekehrt leiden auch Jugendliche, die zwar in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwachsen, deren Eltern jedoch wenig Zeit haben.

Zwischen Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und Suizid liegen doch große Unterschiede.

Ja. Ob sich eine vorübergehende Störung zu einer tiefen Depression entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. Sowohl die eigene Persönlichkeit, die Umwelt, die Genetik und die Neurobiologie spielen eine Rolle. Ebenso relevant ist, über welche Bewältigungsstrategien die Jugendlichen verfügen.

Diese sind anscheinend bei Borderline-Patienten, die sich selbst verletzen, destruktiv angelegt?

Verletzen sich Borderline-Patienten, wollen sie mit dem körperlichen Schmerz ihre inneren Spannungen lösen. Das gelingt ihnen oft, ist aber auch sehr schädlich für den Körper. Wir wissen heute, dass diese Art der Selbstverletzungen mit einem erhöhten Suizid-Risiko verbunden und keinesfalls als harmlos anzusehen ist. Generell ist ein Suizid niemals ein Freitod - also ein aus freiem Willen gewählter Tod. Ich kenne niemanden, bei dem der Suizid eine freie Entscheidung war.

Anlässlich des Welt-Suizid-Präventionstages haben Forscher auf einer Tagung über die Situation in Dresden diskutiert. Sind die Menschen hier gut versorgt?

In Dresden gibt es ein relativ gutes Netz an Beratungstellen. Allerdings fehlen aus meiner Sicht Fachärzte, auch wenn dies politisch nicht so gesehen wird. Viele Eltern müssen mit den Kindern zu lange auf einen Termin warten. Hier könnte die Versorgung verbessert werden. Kinder sind unser größtes Gut. Kümmern wir uns nicht um sie, werden wir später die Folgen tragen.

Einen Film zum Thema "Suizidalität bei Jugendlichen" zeigt das Programmkino Ost heute um 18 Uhr. Der Dokumentarfilm "Todtraurig" erzählt die Geschichte von fünf Mädchen, deren Wunsch, ihr Leben zu beenden, immer stärker wird. Die jugendlichen Filmemacher des Medienprojekts Wuppertal kommen ihren Protagonisten dabei so nah, dass der Zuschauer ungewöhnliche "Innenaufnahmen" erhält.

Der Krisenwegweiser der Stadt Dresden ist im Internet unter folgender Adresse zu finden: www.dresden.de/ krisenwegweiser

Bei Notfällen können folgende Telefonnummern gewählt werden: Uniklinikum 4582662 (Erwachsene), 4584789 (Kinder); Anonyme Mädchenzuflucht: 2519988; Babyklappe/Mütternotruf: 01804/232323; Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222.

Nachdem die Zahlen stagnierten, sind die Selbsttötungen in Sachsen im vergangenen Jahr wieder angestiegen. Allein in Dresden haben sich 67 Menschen das Leben genommen. Gefährdet sind vor allem ältere Männer, aber auch Jugendliche gehören zu den großen Risikogruppen. Nach Verkehrsunfällen sind Suizide die häufigste Todesursache bei jungen Erwachsenen. Die Dresdner Psychiaterin Ute Lewitzka erklärt, warum Jugendliche verzweifelt sind.

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