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Straßenmusik in Zeiten neuer Regeln

Ordnungsamt kontrolliert Straßenmusik in Zeiten neuer Regeln

Seit einer Woche brauchen Sängerinnen, Gitarristen und Akkordeonspieler eine Genehmigung, wenn sie auf der Straße auftreten wollen. Der städtische IT-Betrieb hat eine App für die Künstler programmiert.

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Pjotr Svirdovitch zeigt Mirko Kappelt (Mitte) und Dirk König vor dem Schloss seine Genehmigung.

Quelle: Baumann-Hartwig

Dresden. „Wir sind schon an zehn Standplätzen vorbeigelaufen“, sagt Mirko Kappelt, amtierender Gruppenleiter des Stadtordnungsdienstes im Ordnungsamt. Straßenmusiker haben die Plätze nicht gebucht, es ist ruhig am Freitagvormittag. 19 Anmeldungen liegen für das Gebiet vom Dr.-Külz-Ring bis zum Albertplatz vor. Kappelt kontrolliert mit seinem Kollgen Dirk König, dass sich alle Straßenkünstler an die neuen Spielregeln halten.

Seit einer Woche brauchen Sängerinnen, Gitarristen und Akkordeonspieler eine Genehmigung, wenn sie auf der Straße auftreten wollen. Der städtische IT-Betrieb hat eine App programmiert, so dass die Künstler nur zum Mobiltelefon oder Tabletcomputer greifen müssen. Neu ist, dass ein Künstler nur noch eine halbe Stunde pro Standplatz spielen darf. Danach muss er den Ort wechseln.

„Es hat sich eingespielt“, schätzt Kappelt die Lage ein. Am vergangenen Freitag waren viele Künstler noch von der Neuregelung überrascht. Aber schon am Sonnabend konnten sie die erforderlichen Dokumente vorweisen. Die Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes zeigen sich kulant. Noch. „Wir erfassen von jedem Straßenmusiker die Personalien. Wenn jemand mehrfach gegen die Regeln verstößt, hat die Kulanz ihr Ende.“

40 Verstöße gegen die neue Satzung hat das Ordnungsamt in der vergangenen Woche festgestellt, wobei es Mehrfachverstöße gab. 30 Künstler wurden von den Kontrolleuren ohne Erlaubnis angetroffen, 25 hatten sich ein Plätzchen außerhalb der festgelegten Spielbereiche gesucht, zwölf gegen die Spielzeit von der halben auf die volle Stunde verstoßen. Die Mitarbeiter sprachen 38 Verwarnungen oder Belehrungen aus, erteilten einen Platzverweis und erstatteten in einem Fall Anzeige bei der Bußgeldstelle.

Allmählich strömen Touristen auf den Neumarkt, doch Musiker lassen sich noch nicht blicken. Die Spielstelle vor dem Taschenbergpalais ist gebucht, ein Künstler aber nicht zu sehen. „Es kommt durchaus vor, dass sich Interessenten für einen bestimmten Platz eingetragen haben, dann aber nicht kommen“, erklärt Kappelt. Dass von Straßenmusik genervte Anwohner oder Anlieger die Standplätze blockieren, sei ihm noch nicht aufgefallen. „Es gibt bis auf die begehrten Plätze rund um den Neumarkt jeden Tag genügend freie Auftrittsmöglichkeiten.“

Am Schloss bereitet sich Pjotr Svirdovitch auf seinen Auftritt vor. Der 60-Jährige aus Rostow am Don ist früher bei den Donkasaken aufgetreten, erklärt er. Jetzt bessert er die schmale Renten mit Auftritten in Dresden auf und zeigt ein Bündel an Papieren vor. Für Sonnabend und Sonntag hat er die Genehmigung am Schlossplatz, sieht Kappelt, schließlich taucht auch das Blatt für den Freitag auf. Alles in Ordnung, Pjotr darf mit Soldatenmütze singen.

„Die Organisation klappt. Mir gefallen die Regeln. Disziplin ist gut“, sagt der Sänger. Dass Leute ohne musikalische Bildung auftreten, ist dem diplomierten Künstler ein Dorn im Auge. „Das geht nicht. Sie nehmen uns die Plätze weg und verderben die Qualität.“ Jetzt gebe es keinen Streit mehr um die besten Plätze. Nur eines sei schlecht, findet Pjotr. „Es gibt zu viele Standplätze, an denen keine Leute vorbeikommen.“ Er selbst tritt fünf bis sechs Mal am Tag auf. „Das ist das gleiche Pensum wie in der Oper.“

Kappelt und König ziehen weiter. Am Georgentor spielt kein Musiker, was auch verboten ist, auch der Eingang zur Altmarkt Galerie an der Seestraße wird nicht verbotener Weise von Künstlern okkupiert. An der Prager Straße haben die Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes Schichtschluss, außerdem beginnt hier das Revier von Mario Girth von der Besonderen Einsatzgruppe des Ordnungsamtes. Girth trägt anders als seine Kollegen vom Stadtordnungsdienst Schutzweste und ist bewaffnet. Er läuft auf der Prager Straße und dem Wiener Platz Streife.

Zwischen Karstadt und Centrum Galerie dürfen keine Künstler auftreten, hier herrscht Ruhe. Dafür ist die gewaltige Stimme einer Opernsängerin in der Nähe des Vapiano zu hören. Irene kommt aus Polen und kann ihre Spielerlaubnis ohne zu Suchen vorzeigen. Die junge Frau ist unzufrieden: „Früher konnten wir vor den Geschäften spielen. Da war mehr los. Hier bleibt kaum jemand stehen“, meint sie. Die App funktioniere auch nicht richtig. Irene hat feste Engagements, sagt sie, trete aber im Urlaub auf der Straße auf. „Es gibt viele Leute, die noch nie in der Oper waren. Vielleicht kann ich sie mit meinen Auftritten umstimmen“, meint sie.

Wieder hallt eine Verdi-Arie über die Prager Straße, und nach dem letzten Satz klatschen Passanten Applaus. Sogar von einem Balkon der Prager Zeile wird applaudiert. „Früher“, meint Girth, „gab es viele Beschwerden von Anwohnern. Jetzt ist mir auf der Prager Straße noch nichts zu Ohren gekommen.“ Irene hat ihre halbe Stunde absolviert und zieht weiter. Am Dr.-Külz-Ring wird sie von den Passanten für ihren Auftritt gefeiert.

Noch sei es zu früh, eine Zwischenbilanz über die neuen Regeln zu ziehen, meint Nora Jantzen vom Ordnungsamt. Stadtordnungsdienst und Besondere Einsatzgruppe würden die Einhaltung der Satzung überwachen. Anwohner und Anlieger erklärten, dass es jetzt ruhiger sei als noch vor wenigen Tagen. Auch dass es jetzt Abwechslung gibt statt Dauerbeschallung, wurde gelobt. Negativ sei nach wie vor die Lautstärke. Besonders, wenn Musiker mit Verstärkern arbeiten würden, gebe es selbst bei geschlossenem Fenster kein Entrinnen vor der Straßenmusik.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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