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Lokales Stasi-Akten offenbaren Ulbrichts Haltung zum Düsen-Flugzeug 152
Dresden Lokales Stasi-Akten offenbaren Ulbrichts Haltung zum Düsen-Flugzeug 152
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12:38 31.08.2017
Das Flugzeug wurde beim Aufprall völlig zerstört, alle Insassen starben.  Quelle: BStU
Dresden

 Im März 1959 endete der Flugzeugbau der DDR in der Katastrophe: Das Düsen-Flugzeug „152“ stürzt bei einem Probeflug in der Nähe von Dresden ab, vier Menschen sterben. Bis heute sind die Hintergründe nicht restlos aufgeklärt. Ein Forscher im Dresdner Stasi-Aktenarchiv stellt am Donnerstag seine Erkenntnisse vor und zeigt anhand des Flugzeugunglücks die Arbeitsweise der Stasi.

Das Trümmerfeld ist größer als zehn Fußballfelder, die komplette Besatzung ist tot und es hätte noch viel schlimmer kommen können: Gerade einmal 600 Meter östlich vom Bahnhof Ottendorf-Süd ist die 152 V1 zerschellt und damit auch die Hoffnungen auf die DDR-Luftfahrtindustrie. Ein Team um Chefentwickler Brunolf Baade hatte jahrelang im VEB Flugzeugwerke Dresden an dem Passagier-Strahlflugzeug gearbeitet. Am 30. April 1958 war es in Dresden-Klotzsche präsentiert worden, im Beisein von SED-Chef Walther Ulbricht, dem mächtigsten Mann der DDR.

Schicksale beschreiben Stasi-System – Aktenbehörde legt Sachsen-Studie vor

Die Sowjetunion hatte wohl zunächst den Kauf der Maschinen in Aussicht gestellt, doch dann begannen Absetzbewegungen. Zur Leipziger Frühjahrsmesse ein knappes Jahr nach der Schauvorführung in Klotzsche sollte der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow mit einem Demonstrationsflug beeindruckt werden. Mit einer Einladung in die Messestadt hätte Ulbricht dafür den Weg bereitet, heißt es bislweilen in der Geschichtsschreibung. Doch dazu kam es nicht, am 4. März stürzt die Maschine knapp sechs Kilometer vom Dresdner Flughafen auf einen Acker. In Klotzsche war nur noch eine Rauchpilz zu sehen.

Am 30. April 1958 wurde das Flugzeug „152“ in Dresden-Klotzsche vorgeführt. Quelle: Archiv/dpa

Viel ist bis heute schon über das Unglück geschrieben worden. Akribisch hat beispielsweise Holger Lorenz („Die Absturzursachen des DDR-Jets Baade-152“) die Vorgänge nachgezeichnet. Er ist unter anderem auf Konstruktionsmängel bei der Tankanlage in den Flügeln gestoßen, die bei Tests lange nach dem Unglück zutage getreten sind. Im März 1959 stand die Ursachenforschung unter erheblichem Druck, Ulbricht soll den Ermittlern nur eine Woche Zeit gegeben haben. Doch auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit Erich Mielke an der Spitze wollte die Hintergründe klären. War die Absturzursache ein technischer Defekt, menschliches Versagen oder gar Sabotage? Der Untersuchungsbericht der Stasi blieb streng geheim. Erst seit der Wende mit der Öffnung der Stasi-Archive sind die Unterlagen zugänglich. Ulli Dienel von der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) in Dresden wird heute bei einem Vortrag in der Dresdner Behörde seine Erkenntnisse vorstellen.

Ein Rumpf des DDR-Düsenjets 152 blieb bis heute erhalten. Quelle: D. Flechtner/Archiv

Wie er gegenüber den DNN erklärte, wird er anhand des Flugzeugunglücks die Arbeitsweise der Staatssicherheit nachzeichnen. Dienel wird dabei auf deutliche Diskrepanz zwischen dem Bericht der staatlichen Untersuchungskommission und dem Urteil der Staatssicherheit eingehen. Die offiziellen Ermittler gaben vor allem dem Piloten die Schuld. Er sei viel zu tief geflogen und haben damit einen Strömungsabriss provoziert. Kommt es zu diesem Phänomen, verliert ein Flugzeug seinen Auftrieb und fällt praktisch vom Himmel. Die Stasi habe dagegen die Verantwortung viel stärker bei Chefentwickler Baade gesehen. Er habe den Tiefflug angeordnet, um mit schönen Fotos vom Überflug bei den Russen Eindruck schinden zu können. Die Stasi ging noch einen Schritt weiter und sprach von einer „Disziplinlosigkeit“, die zum Absturz geführt habe, erklärt Dienel.

Der mehrseitige Ermittlungsbericht der Stasi war zu DDR-Zeiten geheim. Quelle: BStU

Mit eventuellen Konstruktionsproblemen habe sich die Stasi kurz nach dem Unglück nicht befasst. Er habe auch keine Hinweise darauf gefunden, dass Ulbricht Baades Vorgehen angeordnet habe. Vielmehr hätte sich der Parteichef schon vor dem Absturz gegen die Fortsetzung der Arbeiten an der „152“ ausgesprochen. Bereits bei einer Aussprache am 14. Februar 1959 in Berlin hätte der Parteichef gegenüber dem Chefentwickler erklärt, dass die Maschine eine „Fehlkonstruktion“ und „unwirtschaftlich“ sei. Ulbricht habe das Ende der Entwicklung empfohlen, heißt es in den Stasi-Unterlagen. So kam es zwar schließlich auch, aber erst 1961. Mitte jenes Jahres beschloss die DDR-Führung die Einstellung der Flugzeugindustrie. Baade konnte seine Karriere dennoch fortsetzen, war Anfang der 60er Jahre auch Kandidat des Zentralkomitees der SED, dem kollektiven Führungsgremium der Staatspartei. Im November 1969 starb Baade.

Präsentation

Veranstaltung in der BStU-Außenstelle Dresden, Riesaer Straße 7 (Seiteneingang C), 01129, Donnerstag, 31. August, 16.30 Uhr Archivführung, 17 Uhr Präsentation der Länderstudie „Stasi in Sachsen“ mit Informationen zur Struktur und Arbeit der Stasi in den DDR-Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig, 18 Uhr Lesung und Gespräch zum „Flugzeugabsturz in der DDR“. Der Eintritt ist frei.

Dienel hat bei seiner Arbeit im Dresdner Aktenarchiv auch schon andere dramatische Ereignisse wie Bergwerksunglücke im Erzgebirge untersucht, die mit Todesopfern einher gingen. „Die Tragödien, die dahinter stehen, machen schon sehr betroffen.“ Beim Absturz der „152“ kommt noch ein Aspekt hinzu. „Die Schuld wurde damals offiziell bei den Toten gesucht, die sich nicht mehr wehren konnten. Chefentwickler Baade hätte bei den Untersuchungen auf seine Rolle hinweisen müssen.“

Von Ingolf Pleil

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