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Lokales Starverteidiger zieht nach Venedig
Dresden Lokales Starverteidiger zieht nach Venedig
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07:30 14.07.2018
Fenster auf für ein neues Leben in Venedig: Stefan Heinemann. Quelle: Lucia Ravagno
Dresden

„Ich habe nicht gezählt, wieviele Tage ich in Gericht und Gefängnis verbracht habe“, sagt Stefan Heinemann. „Ich bin jetzt 67 Jahre und will nicht im Gerichtssaal sterben. Das will ich mir und meinen Mandanten ersparen.“ Nach 40 Jahren anwaltlicher Tätigkeit und 27 Jahren als Strafverteidiger in Dresden ist es Zeit für eine Luftveränderung: Heinemann zieht nach Venedig.

Wobei sich der Rechtsanwalt eine Hintertür offenlässt: Er hat eine kleine Wohnung in Dresden gemietet und tritt bei seinem langjährigen Kollegen Michael Stephan in die Kanzlei ein. „Ich mache meine Fälle weiter, werde aber versuchen, die meisten außergerichtlich zu erledigen.“ Nach seinen gegenwärtigen Plänen werde er eine Woche im Monat in Dresden verbringen, seinen Lebensmittelpunkt aber nach Norditalien verlagern. Von dort sei es unkompliziert, kurzfristig nach Berlin-Schönefeld zu kommen. „Wenn es brennen sollte, bin ich am Abend da“, verspricht Heinemann.

Der Verkauf des Hauses an der Bautzner Straße ist auf den Weg gebracht, die Umzugskartons sind gepackt, die Wohnung im Haus einer adligen Familie ist gemietet. „Einen Plan habe ich erst mal noch nicht“, sagt Heinemann, „ich werde die Wohnung einrichten, Telefon, Strom, Gas und Wasser anmelden, ein Konto eröffnen. In Italien ist es ja nicht so einfach.“

Er wolle es genießen, zum Mittagessen ein Gläschen Wein trinken zu können, ohne an den gleich folgenden Termin denken zu müssen. „Die Italiener leben anders und ich denke, diese Lebensweise kommt mir entgegen“, sagt der Genussmensch Heinemann, der eine Schwachstelle in seiner neuen Wohnung schon ausgemacht hat: Die Küche ist für den passionierten Koch zu klein. „Das reicht nicht für intensives Kochen, da muss ich mir etwas einfallen lassen“, sagt er, der sich darauf freut, die frischen Zutaten aus der Lagune verarbeiten zu können.

Kammermusikalische Konzerte wird der Kunstkenner Heinemann in seiner Wohnung auch nicht veranstalten können, seiner Leidenschaft für Bildende Kunst und Musik will er aber weiter frönen. Kontakt zum Freundeskreis der Oper in Venedig hat er längst aufgenommen. „Ich habe viele Ideen, die ich mit meinen Freunden in Angriff nehmen werde“, kündigt er an.

Dresden, sagt der Strafverteidiger, ist eine herrliche Stadt. Er habe das Privileg genossen, hier arbeiten und ehrenamtlich in der Kunstszene aktiv sein zu dürfen. In den vergangenen Jahren habe er darunter gelitten, dass ein Bruch durch die Gesellschaft gehe, der auch nicht vor Intellektuellen haltmache. „Das Gute daran ist vielleicht, dass man jetzt weiß, wer auf welcher Seite steht“, sagt Heinemann und verweist auf seine frühere Lieblingsbuchhandlung Buchhaus Loschwitz. „Ich war entsetzt, dass Menschen, die ich sehr geschätzt habe, Sympathien für Pegida entwickeln konnten.“

Heinemann hat Zeit seiner anwaltlichen Tätigkeit in Dresden klare Haltung bezogen: „Ich habe nie Nazis verteidigt. Die habe ich weggeschickt. Von denen wollte ich kein Geld. Ich war immer der Auffassung, dass es unanständig ist, so etwas zu tun.“ Er habe für sich entschieden: „Das mache ich nicht!“ Diese Haltung habe sich herumgesprochen, es sei kaum jemand aus dem braunen Umfeld in seine Kanzlei gekommen.

Einen Namen hat sich Heinemann als Anwalt von prominenten Mandanten gemacht. Staatsminister, hohe Beamte, Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeister und Stadträte suchten seinen Rat ebenso wie Unternehmer oder Künstler, oft stand er im Rampenlicht. Oft aber auch nicht, verweist er darauf, dass es in vielen Fälle gar nicht erst zur Hauptverhandlung gekommen sei. „Da wurden die Verfahren anders erledigt“, schmunzelt er.

Die Stärke von Heinemann war sein Auftreten, das sich wohl am besten mit dem guten alten deutschen Wort „ritterlich“ beschreiben lässt. Der Anwalt ist höchst selten laut geworden im Gerichtssaal und hat Richter und Staatsanwälte fast nie mit dem Repertoire der Strafprozessordnung wie Befangenheitsanträge oder Besetzungsrügen überzogen. „Sie stellen selten Beweisanträge. Aber wenn einer von Ihnen kommt, müssen wir uns intensiv damit befassen“, habe einmal ein Richter des Landgerichts Dresden über ihn gesagt, so Heinemann.

Professionelle Distanz zum Mandanten habe es ihm auch möglich gemacht, Menschen zu verteidigen, die anderen Menschen das Leben genommen haben. „So wahnsinnig viele Mörder hatte ich nicht“, sagt Heinemann, „ich habe schon in München gelernt, dass es genauso falsch wäre, Mitleid mit einem Straftäter zu haben wie ihn zu verteufeln.“ Er finde es nicht falsch, wenn Kollegen anders auftreten als er. „Jeder muss seinen Stil finden.“

Seine Maxime sei es immer gewesen, ein vernünftiges Ergebnis für den Mandanten zu erzielen. Manchmal habe die Staatsanwaltschaft in einen sauren Apfel beißen müssen und manchmal auch der Angeklagte. „Ein akzeptables Ergebnis fliegt einem nicht zu. Da muss man vorher zeigen, was man hat und genau wissen, wo die Gefahren liegen.“ Ein Strafverfahren sei Kommunikation, und Kommunikation zählt zu Heinemanns Kernkompetenzen.

Mit dem Begriff „Staranwalt“ könne er nicht viel anfangen, sagt Heinemann. Er habe auch kleine Drogenhändler oder Unfallfahrer vertreten und nicht nur die „Großkopferten“. Sein erster großer Fall in Dresden sei der Überfall auf die Sächsische Landesbibliothek gewesen, als kurz nach der Wende fünf Glücksritter aus den alten Bundesländern gut 150 wertvolle Karten aus der Sammlung raubten. Eigentlich eine klare Sache, doch der Prozess wurde länger und länger. Er kulminierte in einem Beweisantrag, den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine als Zeuge zu hören. Einer der Angeklagten hatte als Alibi angegeben, sich zur gleichen Zeit mit Lafontaine in einem Bordell befunden zu haben, Jenny und Mary hätten sich um ihn gekümmert. Die Damen konnten nie ausfindig gemacht werden und auch der damals noch Sozialdemokrat kam selbstredend nicht vor Gericht.

In vielen Fällen ging es unspektakulärer, dafür aber zeitaufwendiger zu. Wirtschaftsstrafsachen kosten Zeit, im eben zu Ende gegangenen Infinus-Verfahren verbrachte nicht nur Heinemann 160 Verhandlungstage im Gericht, beim Sächsischen Wirtschaftsdienst waren es 99 Verhandlungstage und im Fall der Leipziger Wasserwerke 60. „Irgendwie scheine ich diese langen Verfahren anzuziehen“, meint der Anwalt.

Werden ihm Kanzlei, Gerichte und Gefängnisse, stundenlange Besprechungen und die vielen Kilometer auf der Autobahn – Heinemann war nicht nur in Dresden, sondern auch in Bautzen, Görlitz, Leipzig oder Cottbus tätig – eines Tages fehlen? „Ich weiß es nicht“, sagt der 67-Jährige, „ich kenne die Situation nicht.“ Einmal in den Jahren seiner Berufstätigkeit habe er sich vier Wochen Urlaub gegönnt, zwei Mal drei Wochen. „Ich war nie so richtig lange im Urlaub. Das übe ich jetzt mal.“

Von Thomas Baumann-Hartwig

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