Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Stadtarchiv befragt Sachsens und Dresdens politisches Spitzenpersonal
Dresden Lokales Stadtarchiv befragt Sachsens und Dresdens politisches Spitzenpersonal
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:39 01.09.2017
Markus Ulbig, Sachsens aktueller CDU-Innenminister, hat im Zeitzeugenprojekt des Dresdner Stadtarchivs nur seine Zeit von der Wende bis 2012 resümiert. Für die Jahre danach war der Abstand noch zu gering. Quelle: dpa
Anzeige
Dresden

Politiker leben in Zeiten allgegenwärtiger Beobachtung ein nach außen möglichst erregungsarmes Leben. Sie haben sich von den Stammtischen emporgearbeitet in die Lufthoheit über Kinderbetten, trinken vor Kameras Wasser und nur in Ausnahmefällen mal ein – natürlich regionales – Bier, sie essen, was der Wähler isst, wohnen, wie eben jener, in verklinkerten Spießerhäuschen, kleiden sich so korrekt wie unauffällig und sagen selten etwas, was abseits der Parteitagsbeschlüsse – oh Gott - falsch zu deuten wäre. Und die Verwaltungsbeamten? Die, so das Dauer-Klischee, schlafen sowieso den ganzen Tag.

Für die Mehrheit auch der Dresdner gehören Establishment-Stereotype zum persönlichen Repertoire – täglich neu bedient mit Medienbildern aus der bierernsten, selbstoptimierten Führungsriege in Stadt und Land. Wie nur, fragt man sich, sollen spätere Generationen herausfinden, wie das heutige hiesige politische Personal wirklich tickt? Wie es wurde, was es ist, was es an- und umtreibt, wie es selber die Kluft zwischen Präsentation und Privatleben wahrnimmt?

Das Dresdner Stadtarchiv hat sich um dieses Problem verdient gemacht. In seinem umfangreichen Zeitzeugenprojekt finden sich nun auch Antworten von einigen Vertretern des politischen Spitzenpersonals aus Sachsen und der Landeshauptstadt sowie maßgeblichen Personen aus der Bürgerbewegung (Gruppe der 20, frühe Antiatombewegung,) und der Verwaltung. Immer ging es dabei auch darum, wie sie alle in Dresden gelebt haben, was sie prägte, was die Stadt für sie bedeutet, warum sie einst her- oder wiedergekommen sind, was von ihren Zielen sich erfüllt hat.

In Zusammenarbeit mit Alexander von Plato, dem „Guru der Testimony-Technik“, und mit Promovenden der TU Dresden hat Stadtarchivar Thomas Kübler für Teil 5 des seit 2005 laufenden Zeitzeugenprojekts erneut die Aufnahmegeräte angeworfen und unter anderem Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), dessen Vize und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) oder Innenminister Markus Ulbig, aber auch die früheren Oberbürgermeister Herbert Wagner und Helma Orosz „geführt befragt“. „Wir haben nur dann eingegriffen, wenn zu sehr vom Anliegen abgewichen oder bei bestimmten Themen zu politischen Statements gewechselt wurde“, erklärt Kübler das Vorgehen. Manche, sagt er, haben nicht komplett über alle Jahre von 1989 bis heute erzählt, Markus Ulbig zum Beispiel beendete seinen Erinnerungsbericht 2012. „Erinnern braucht auch Abstand“, meint der Historiker. Auch deshalb spiele zum Beispiel die Flüchtlingsfrage in keinem der bisherigen Interviews eine Rolle.

In vielen Berichten zeichne sich eindrucksvoll ab, wie sehr sich die Stadt in den 25 Jahren verändert hat. Und spannend gewesen sei, wie sehr sich bestimmte Ereignisse prägend in die Biografien geschrieben haben: die Weihe der wiederaufgebauten Frauenkirche, der zumeist sehr emotionale Streit um die Waldschlösschenbrücke.

„Das Dokument bleibt ihr Eigentum, ist 30 Jahre lang nur mit ihrer Einwilligung nutzbar“, erklärt Kübler, warum sich die Befragten wirklich frei von öffentlicher Beobachtung äußern können und es auch taten. Die meisten übrigens geben ihr Okay zur Nutzung schon nach eher kurzer Zeit, sagt er. „Es war spannend, was die Leute, die zur Wende herkamen, alles auf sich genommen haben: Leben in Interimswohnungen, getrennt von den Familien, die oft erst spät nachkamen. Wenn überhaupt.“ Hat es jemand bereut, nach Dresden gegangen zu sein? „Kein einziger“, so Kübler.

2025, wenn Dresden dann tatsächlich Kulturhauptstadt geworden sein sollte, plant Kübler mit einem virtuell akustischen Archiv. „Wie wurde in der Stadt gelebt?“ Das sollen Besucher anhand persönlicher Aufnahmen erfahren. Wenn vom Zeitzeugen gewollt, kann man dann sogar mit ihm in Verbindung treten.

Das Dresdner Zeitzeugenarchiv

Das Zeitzeugenarchiv in Dresden wird seit dem Stadtratsbeschluss 2005 aufgebaut und gilt inzwischen als eines der größten in Deutschland. Es gliedert sich bislang in bislang fünf Abschnitte.

1. Erlebnis-Dokumente aus der Zeit der Bombardierungen Dresdens 1944/45

2. Der 17. Juni 1953 in Dresden – mit einer „recht dissonanten Einschätzung der Präsenz russischer Truppen“, wie Stadtarchivar Thomas Kübler anmerkt.

3. Der ab 1984 verstärkt einsetzende Exodus aus der Landeshauptstadt, bei dem bis zu 90 000 Menschen die Stadt Richtung Westen verlassen haben. „1990 gab’s nochmal einen Riesen-Schub“, so Kübler. In dem Komplex aber geht es auch um die Zurückgebliebenen und um Menschen, die – spätestens mit dem Renteneintritt – verstärkt ab dem Jahr 2000 wiederkamen. Der große Bogen über allem: Was ist Heimat? Was bewirkt sie?

4. Die friedliche Revolution 1989/90 – hier wurden bislang 150 Leute befragt. 1999 gab es in Dresden eine erste große Ausstellung zur Wende. „Damals wollten noch nicht viele darüber reden“, erklärt der Stadtarchivar, „das war alles noch zu nah dran.“ Inzwischen gebe es viele eindrucksvolle Zeitzeugen-Dokumente.

5. Politiker aus Sachsen und Dresden erzählen ebenso wie Verwaltungsbeamte und Bürgerrechtler über ihr Leben von 1989 bis heute – immer im Kontext zu Dresden. Nach der Kontaktaufnahme mit den Interviewpartnern 2015 ist das Teilprojekt jetzt beendet.

6. Das nächste Projekt wird sich mit Investoren befassen.

Von Barbara Stock

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Lokales Autos werden von der Mündung der Kesselsdorfer Strasse verbannt - Dresden-Löbtau bekommt neuen Boulevard

Die Einmündung der Kesselsdorfer in die Tharandter Straße in Dresden wird spätestens im Frühjahr 2018 dauerhaft für Autos gesperrt. Dort entstehen dann für zehn Millionen euro eine neue Zentralhaltestelle und ein Fußgänger-Areal.

Lokales Neue Kolleginnen und Kollegen begrüßt - Stadtverwaltung läutet Ausbildungsjahr ein

Die Stadtverwaltung Dresden hat am 01. September das Ausbildungsjahr 2017/2018 im Rathaus eingeläutet. Lucia Wecker eröffnete die Veranstaltung, bevor der Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) die Möglichkeit nutze, um die neuen „Kollegen und Kolleginnen“ zu begrüßen.

01.09.2017

Die zweizügige 90. Grundschule in Luga ist laut Elternberichten seit Schuljahresbeginn von einem drastischen Lehrermangel betroffen.

01.09.2017
Anzeige