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Lokales So kriminell war Dresden im 16. Jahrhundert
Dresden Lokales So kriminell war Dresden im 16. Jahrhundert
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13:05 01.12.2018
Mandy Ettelt hat den zweiten Band des Dresdner Kriminalregisters (aufgeschlagenes Buch in der Vitrine) transkribiert und in einer kritischen Edition zugänglich gemacht. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Elias Glaser wollte ja nicht hören. Mehrfach war der Freiberger wegen Diebstahls verurteilt worden, wurde deshalb seiner Heimatstadt verwiesen und mit Rutenschlägen ausgepeitscht. Als der notorische Langfinger in Dresden erneut ertappt wurde, ließ ihm das Stadtgericht ein Ohr abschneiden und ans Tor des steinernen Galgens nageln. Vermutlich 1562 wurde diese Strafe aus der Kategorie „Wer nicht hören will, muss fühlen“ verhängt. Zu lesen ist von ihr im zweiten Band des Dresdner Kriminalregisters, das Stadtarchivmitarbeiterin Mandy Ettelt in den vergangenen zwei Jahren transkribiert und editiert hat. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist nun als achter Band der Stadtbuchreihe vom Stadtarchiv herausgegeben worden.

Bei den 1556 bis 1580 von Stadt- und Gerichtsschreibern verfassten Einträgen geht es vor allem um Diebstähle. Aber auch Gotteslästerei, Unzucht, Mord und Totschlag beschäftigten die Dresdner Stadtrichter – vor dem Leser entfaltet sich im umständlichen Deutsch der damaligen Zeit ein Panoptikum des 16. Jahrhunderts. Einer Zeit, in der Dresden zwar Residenz des mächtigen Kurfürstentum Sachsens, aber mit gerade mal 7000 Einwohnern kleiner als Freiberg, Meißen oder Pirna war, wie Stadtarchivleiter Thomas Kübler betont. „Und die 7000 kannten sich“, sagt Kübler. Was manchem zum Verhängnis wurde.

Etwa Georg Kern. Der Zimmermann wurde 1563 von Danziger Zimmermannsleuten in einem Brief der Bigamie angeschwärzt. Neben seiner Frau in Dresden habe er auch in Danzig geheiratet. Da half es auch nicht, dass Kern sich an eine Trauung in der Ostseestadt nicht so recht erinnern wollte. Einen Tag nach Eintreffen des Briefes wurde er verurteilt und kurz darauf geköpft.

Das sei eine der wenigen Todesstrafen, die auch vollstreckt wurden, sagt die 37-jährige Ettelt. „Anders als im ersten Band sind viele Urteile humaner, weniger blutig“, sagt sie. Womöglich Folge eines Einstellungswandels durch Humanismus und Reformation, die 1539 auch in Dresden Einzug erhielt. Die neue Milde jedenfalls zeigt sich schon an der Spitze: Als drei Männer ihn beleidigten, bestand Kurfürst August nicht auf der eigentlich üblichen Todesstrafe. Ihm genügte es, wenn die Missetäter gestäupt, also öffentlich ausgepeitscht werden. Oft kommen selbst Totschläger davon, etwa Anthonius Marschalk, der 1563 Günther von Bünau – einen Adeligen – erschlagen hatte. Der Mann fand hohe Fürsprecher, kurfürstliche Räte setzen sich für ihn ein und so kam er mit einer Verbannung aus Sachsen und der Auflage, sich der Familie von Bünau nicht mehr zu nähern, davon. „Verbannung ist überhaupt die häufigste Strafe“, sagt Ettelt. Was allerdings meistens nur das Verbot meint, Dresden zu betreten. Im Zweifelsfall genügte es also, sich in Pieschen oder Blasewitz niederzulassen.

Das Buch zeichnet ein buntes Bild der damaligen Verhältnisse. Wer weiß schon, dass damalige Trickbetrüger sich darauf verlegten, Steine in mit Tierfett gefüllte Fässer zu legen, die so mehr Gewicht wogen und mehr Geld erlösten. Immer wieder befassten sich die Dresdner Richter mit solchen Fällen. Ihre Urteile sind manchmal schwer zu verstehen, wie Ettelt sagt. Etwa im Fall von Clementt Wagner, der 1580 Hans Burckhardtt erstochen hat. Wagner wurde zwar hingerichtet, sein Leichnam aber mit dem seines Opfers in ein Grab gelegt. „Das bedeutet doch eine Bestrafung des Opfers noch im Tode“, wundert sich Ettelt.

Was gleich am Anfang des Registers zu lesen ist, wäre heute wohl ein Justizskandal: Die Magd Prisca aus Klotzsche wird unehelich schwanger und gibt an, dass Andres Zschirmer, ihr Dienstherr, der Vater sei. Dieser habe sie mehrfach im Weinberg und im Haus vergewaltigt. Beide stehen vor Gericht und werden als Ehebrecher zu öffentlicher Auspeitschung verurteilt. Weil Zschirmers Ehefrau ihm verzeiht und für ihn spricht, bekommt er die Strafe aber erlassen. Prisca hat niemanden, der für sie Fürbitte leistet – sie trifft das Gesetz mit voller Härte.

Der zweite Registerband ist deutlich wuchtiger als der erste. Während die die Jahre 1517 bis 1562 umfassende erste Registratur bis ins Letzte vollgeschrieben ist, machen die 183 Einträge im zweiten Band nur ein Viertel der Seiten aus. Ettelt vermutet, dass zunehmende bürokratische Arbeit die Schreiber damals so eingespannt hat, dass sie die Arbeit am Register auf die lange Bank schoben und schließlich einstellten. „Vielfach finden sich Verweise auf Gerichtsakten und Konvolute“, sagt die 37-Jährige. Diese sind jedoch meist nicht erhalten, womöglich weil sie 1830 von aufständischen Dresdnern verbrannt wurden, die am 9. November ins Rathaus eingedrungen waren. Diese Quellen fehlten nun. Es gebe aber auch so noch genügend Material im Archiv, um die Stadtbuchreihe fortzusetzen, sagt Archivleiter Kübler.

Das zweite edierte Kriminalregister wird am Montag, 19 Uhr, im Stadtarchiv vorgestellt. Der Eintritt ist frei.

Von Uwe Hofmann

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