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Lokales Schizophrenie – Ein Betroffener erzählt
Dresden Lokales Schizophrenie – Ein Betroffener erzählt
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13:17 03.05.2018
Inzwischen überwiegen die Tage, an denen Markus Fröhlich wieder lachen kann. Quelle: Anja Schneider
Dresden

 Bastei, Sächsische Schweiz, Oktober 2012: „Plötzlich sehe ich das Böse direkt vor mir. Es schaut mich durch die Augen der entgegenkommenden Menschen an. Ich kann nur ihnen nur entkommen, wenn ich von der Brücke in die Freiheit springe.“

Diese Situation könnte einem fiktiven Thriller entsprungen sein, spielte sich allerdings im Kopf von Markus Fröhlich* ab. In seiner Realität. Angekommen am Höhepunkt einer Psychose. Fröhlich leidet an einer schizo-affektiven Störung. Inzwischen ist er so stabil, dass er in Dresden mithilfe der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) eine eigene Gruppe für Betroffene gründen möchte. Denn seit über zehn Jahren ist er dabei, seine Krankheit in den Griff zu bekommen und womöglich sogar eine Heilung zu erlangen.

Stress und Liebeskummer treiben ihn zum Äußersten

Als Markus ein Teenager war und sich eigentlich mit seinen Klassenkameraden nach der Schule treffen, sich in Mädchen vergucken oder das erste Mal eine Disko besuchen sollte, dachte er stattdessen daran, sich aus dem Fenster zu stürzen. Das war im Oktober 1998. Aufgewachsen bei der leiblichen Mutter und einem Pflegevater, musste er oft umziehen. Der Job des Pflegevaters zwang die Familie dazu. „Gerade als ich mich einlebte und Freunde fand, wurde ich aus diesem Umfeld auch schon wieder herausgerissen“, erinnert sich der mittlerweile 34-Jährige. Auch in der Schule hatte er mit Beleidigungen und Demütigungen zu kämpfen: „Ich bin schleichend depressiv geworden“.

Markus zog sich immer mehr in seine eigene Welt zurück. Verantwortung für seine Zukunft übernehmen? Undenkbar. 2003 versuchte er zweimal, sich umzubringen. 2004 trieben ihn Liebeskummer und Stress erneut dazu. Drei Jahre später lernt er schließlich seine heutige Lebensgefährtin kennen und die Selbstmordversuche hören auf. Doch die bis dahin noch nicht erkannte Krankheit manifestiert sich weiter. „2009 erlebte ich mit 25 Jahren meine erste Psychose. Ich hatte die Eingebung, nach Radebeul fahren zu müssen, um etwas zu finden. Ich verabschiedete mich von meiner Frau und machte mich auf den Weg“, erzählt Markus. Es war eine vermeintlich harmlose erste Psychose und es sollte ihn noch viel schlimmer heimsuchen.

Diagnose nach über acht Jahren voller Wahnvorstellungen

2011 nahmen die Wahnvorstellungen weiter zu und entwickelten sich zu furchterregenden Psychosen: „Ich war sicher, die Welt geht unter und grausame Wesen sind unterwegs, um die Menschheit zu vernichten. Ich machte mich auf den Weg zu einem Schiff an der Elbe und wollte selbst Menschen angreifen. Vorher nahm ich 40 Schlaftabletten und spülte sie mit Alkohol runter“, erzählt Markus gefasst. Während dieser Zeit war er nicht Herr seiner Sinne. Im Wahn gefangen. Als er bei dem Schiff ankam, brach er auf dem Steg zusammen und Passanten riefen den Notarzt. Was folgte, war ein Jahr voller Antriebslosigkeit.

Am 3. Oktober folgte die Psychose auf der Bastei. Im Beisein seiner Partnerin. Sie konnte Markus daran hindern, sich einen Stock ins Herz zu rammen und brachte ihn in die Psychatrie. Für drei Monate. Doch dort bekam er endlich eine erste Diagnose: „Herr Fröhlich, sie haben wohl Schizophrenie“, sagten die Ärzte. „Es war eine Erleichterung und Last zugleich. Endlich weißt du, was mit dir nicht stimmt. Doch gleichzeitig funktioniert man eben nicht mehr richtig“, sagt Fröhlich.

Alles begann mit „Star Trek – Next Generations“

Zwischenzeitlich erlebte er auch weniger negative Psychosen. Während dieser Phasen wollte er die Welt retten und befand sich stets auf der Suche nach Liebe. Die Ursachen seiner Erkrankung sieht Fröhlich in unterschiedlichen Aspekten. Einerseits sind es die Schwierigkeiten in der Familie. Kontakt gibt es heute kaum noch. Andererseits konnte er zunehmend schlechter mit Stress umgehen. Der gelernte Raumausstatter rutschte während stressigen Arbeitstagen immer wieder in „Gedankenrasen“, wie er es selbst nennt, ab und begann, sich alternative Realitäten zusammen zu spinnen.

Die nötigen Informationen dafür sammelte er seit Kindheitstagen. „Als ich das erste Mal Star Trek sah, war ich völlig fasziniert. Ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert und für alles eine Erklärung finden“, erinnert er sich. Fröhlich begann zu lesen. „Irgendwann war es einfach ein völliger Informations-Overkill“, sagt er heute. Verschwörungstheorien und Texte von radikalen Autoren gaben ihm das Futter für die Wahnvorstellungen.

Ohne Medikamente geht es im Alltag nicht

Nach Jahren des psychischen Wahnsinns ist Markus Fröhlich nun auf einem Weg der Heilung. „Ich bin derzeit bei etwa 55 Prozent“, sagt er. Dabei widmet er sich vor allem der Heilpraktik. Doch auch das Medikament Xeplion hält ihn stabil. Einmal im Monat wird es gespritzt. „Ich habe es im November 2016 um ein Drittel reduziert, um zu sehen, wie gut ich mit meiner Heilung vorankomme. Natürlich in Absprache mit meinem Psychiater. Doch ich habe schnell gemerkt, dass Angstzustände und Stressanfälligkeit zurückkehrten und erhöhte die Dosis sofort wieder“, sagt der gebürtige Leipziger.

Er weiß, dass viele Methoden der Heilpraktik umstritten sind. Auch das Familienstellen nach Hellinger, welches er seit vielen Jahren betreibt. „Mir hilft es, warum sollte ich es nicht nutzen?“, entgegnet er. Dennoch verzichtet Fröhlich nicht auf die Medikation, sondern sucht einen Mittelweg. Bei der Methode des Familienstellens geht es darum, die eigene seelische Ebene wahrzunehmen. Fröhlich erzählt seine Erfahrungen wie folgt: „Ein Aufsteller spricht heilende Sätze und ruft so unterbewusste Bewegungen hauptsächlich in Geist und Seele und sogar im Körper hervor. Letzteres kann sich in einer Körperreaktion bemerkbar machen z.B. als Wärmegefühl, Kribbeln oder eine heilsame Krankheit“. Damit soll die Position in der Familie herausgefunden und tiefsitzende Probleme erkannt werden. „Man kann sich gegen eine solche Methode sperren, dann wird es nicht helfen. Das gilt sicher für alle Naturheilverfahren. Ich bin offen dafür und erfahre positive Wirkungen“, sagt Fröhlich.

Erfahrungen weitergeben und anderen Betroffenen helfen

Aktuell hat er seine schizo-affektive Störung im Griff und dem Leben gegenüber eine zugewandte Haltung eingenommen, wie er selbst sagt. Fröhlich arbeitet inzwischen wieder drei Stunden am Tag als Gebäudereiniger. Außerdem macht er in Berlin eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter. Er hofft, Menschen zu finden, die sich in seiner Selbsthilfegruppe über das Krankheitsbild austauschen, gemeinsame Erlebnisse teilen können und sich gegenseitig auf dem Weg der Heilung unterstützen können.

*Name von der Redaktion geändert

„Bei dieser Erkrankung erleiden die Patienten Psychosen, die sowohl schizophrene als auch affektive Symptome zeigen. Das bedeutet, sie haben Züge von Depression oder gehobener Stimmung und gleichzeitig wahnhafte Überzeugungen und Trugwahrnehmungen“, erklärt Dr. Burkhard Jabs, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Städtischen Klinikums Dresden am Weißen Hirsch.

Bevor es zu einer akuten Psychose kommt, deuten die Patienten oft harmlose Vorgänge als Zeichen für sich und entwickeln daraus Wahnvorstellungen. Bevor die Diagnose einer schizoaffektiven Psychose gestellt werden kann, müssen schizophrene und affektive Symptome mindestens 14 Tage lang zeitgleich auftreten. „Die Zeichen sind aber oft so auffällig, dass eine Diagnose in der Regel binnen 24 Stunden gestellt werden kann“, erklärt der Arzt. Verglichen mit schizophrenen Psychosen sei die schizoaffektive Störung besser zu behandeln und auch die Prognose sei günstiger, erklärt Jabs. „Eine Ausheilung ist zwar möglich, die Symptome können allerdings immer wiederkehren“, ergänzt Jabs.

Wird eine solche Störung diagnostiziert, muss der Patient zuerst vor sich selbst geschützt werden. „Ist der Betroffene bei uns in geschützter Umgebung angekommen, kümmern wir uns um die Symptome, die den Patienten am meisten belasten. Das können beispielsweise starke Angst, Schlafmangel oder Appetitlosigkeit sein“, erklärt der Chefarzt die Vorgehensweise. Außerdem werden Antidepressiva gegen die affektiven Symptome sowie Antipsychotika gegen die schizophrenen und manischen Symptome eingesetzt. Xeplion, welches auch bei Markus Fröhlich eingesetzt wird, ist ein Beispiel für so ein Antipsychotikum. „Ein Depot wird monatlich gespritzt, welches sich langsam freisetzt. Für den Patienten bedeutet das weniger Nebenwirkungen und ein normaleres Leben ohne Symptome und tägliche Einnahmen von Medikamenten“, erklärt Jabs. „Natürlich ist jede Behandlung individuell und wird auf die körperlichen Voraussetzungen des Patienten angepasst. Ist er beispielsweise ständig müde, werden keine zusätzlich müden machenden Medikamente eingesetzt, sofern es sich vermeiden lässt“, erklärt Jabs. Die Behandlung erfolgt zunächst stationär, ambulant wäre es zu gefährlich. Wichtig sei in vielen Fällen nach der Ausheilung eine Psychotherapie anzuschließen, um im normalen Leben wieder Fuß fassen zu können. Zur Therapie gehören auch Gespräche mit Angehörigen. „Zum einen kann erklärt werden, wie sie Anzeichen früh erkennen können. Zum anderen ist es auch wichtig, mit diesen ein Dokument aufzusetzen, in dem festgelegt wird, dass der Betroffene einverstanden ist, notfalls auch gegen seinen Willen in eine Klinik zu gehen“, sagt Jabs.

Die Methode des Familienaufstellens sieht Jabs sehr kritisch. „Es ist fraglich, ob allein die Vernachlässigung durch die Mutter Auslöser einer solchen Störung sein kann“, sagt der Arzt. Dennoch sei es legitim, wenn es Betroffenen helfe. Sobald jedoch intakte Beziehungen zu Angehörigen darunter leiden würden, würde er intervenieren. Denn eine schizoaffektive Störung kann oft auch genetisch vererbt worden sein.

Von Lisa-Marie Leuteritz

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