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Lokales Schicksale beschreiben Stasi-System – Aktenbehörde legt Sachsen-Studie vor
Dresden Lokales Schicksale beschreiben Stasi-System – Aktenbehörde legt Sachsen-Studie vor
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10:49 31.08.2017
Irene Schreiber aus Radeburg musste für einen Fluchtversuch 1980 in Haft.
Dresden

 Am 21. August 1968 dringen Streitkräfte der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens auf das Gebiet der CSSR vor. Panzer der NVA halten sich im Süden der DDR bereit. Der neue Chef der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, sorgte im Nachbarland für einen frischen Reformwind. Drei Studenten der TU Dresden verteilten am Abend des 23. Augusts 1968 rund 1200 Flugblätter in Dresden und im Umland. Sie wurden verhaftet und saßen bis zu zwei Jahren in Haft. Der „Prager Frühling“, wie die Liberalisierungsversuche im Westen seinerzeit getauft werden, wird letztlich mit militärischer Gewalt niedergeschlagen.

Als die vierköpfige Familie Schreiber aus Radeburg am 26. August 1980 im Schutz der Dunkelheit die bulgarisch-türkische Grenze überwinden will, löst sie ohne es zu bemerken einen stillen Alarm aus, wird gefasst und letztlich vom bulgarischen Geheimdienst der Stasi übergeben. Sie werden nach Ost-Berlin ausgeflogen und schließlich nach Dresden gebracht. Hier trennten sich die Wege der Familienmitglieder. Irene Schreiber wurde am 28. August 1980 in die Stasi-Untersuchungshaft Dresden eingeliefert, ihr Mann und ihr volljähriger Sohn eine Woche später. Die Männer waren separiert voneinander eingesperrt. Der jüngere Sohn kam zunächst in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, bevor ein Onkel die Vormundschaft übernehmen konnte.

Beide Geschichten sind Teil der Länderstudie „Stasi in Sachsen“ (Hg.: Peter Boeger, Elise Catrain), die heute vom Chef der Dresdner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Konrad Felber, und beteiligten Autoren in Dresden vorgestellt wird. Auf knapp 180 Seiten beschreiben die Texte erschütternde Einzelschicksalen von DDR-Bürgern aus den Bezirken Dresden, Leipzig und dem damaligen Karl-Marx-Stadt, die Opfer des Überwachungsstaates waren.

In vier Kapiteln werden damit Schlaglichter auf die Ereignisse geworfen, die für die DDR-Geschichte prägend waren („Die Zäsuren“). In der DDR gab es 15 Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit, zu den drei im 1952 abgeschafften Land Sachsen gehörten 51 Kreisdienststellen mit tausenden hauptamtlichen Mitarbeitern und noch mehr inoffiziellen Zuträgern. Die Bezirksverwaltung Dresden hatte zuletzt 31 Abteilungen und 16 Kreisdienststellen mit insgesamt 3591 hauptamtlichen und rund 13000 inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Diesem „Apparat“ widmet sich ein weiteres Kapitel, genauso wie den „Methoden und ihrem Einsatz“ sowie dem „Ende“ mit den Demonstrationen in Plauen, Dresden und Leipzig und den legendären Sonderzügen für die Botschaftsflüchtlinge aus Prag, die über die DDR in die Bundesrepublik fuhren. Das gigantische Spitzelsystem konnte schon nicht mehr verhindern, dass am 1. Oktober 500 DDR-Bürger in Reichenbach bei einem Lokwechsel auf einen Zug nach Hof aufsprangen.

Zehn Jahre zuvor hatten die Schreibers aus Radeburg noch bitter für ihren Fluchtversuch bezahlt. Der Familienvater wurde als „Rädelsführer“ zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft, der Sohn zu zwei Jahren und vier Monaten verurteilt, das Strafmaß für Irene Schreiber betrug zweieinhalb Jahre.

Stasi in Sachsen – Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig. 176 Seiten. Berlin 2017. BStU. 5,00 Euro. ISBN 978-3-946572-01-5. www.bstu.bund.de

Von Ingolf Pleil

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