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Lokales Sächsische Jugendstiftung organisiert Pilgerreisen für perspektivlose junge Menschen
Dresden Lokales Sächsische Jugendstiftung organisiert Pilgerreisen für perspektivlose junge Menschen
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17:14 25.04.2018
Jugendliche Straftäter auf Pilgerreise durch Sachsen, hier am Bischoff-Benno-Haus in Schmochtitz bei Bautzen. Quelle: Sven Enger
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Dresden

Mit dem Zeigefinger fährt Sven Enger über die große Landkarte an der Wand des Büroflurs. „Wenn die Teilnehmer aus Dresden kommen, beginnen wir unseren Pilgermarsch zumeist in Görlitz und laufen dann etappenweise zurück“, erklärt der Sozialpädagoge. Enger ist Leiter von „Zwischen den Zeiten“, einem Programm mit ungewöhnlichem Konzept: Gemeinsam mit Pädagogen laufen Jugendliche und junge Erwachsene mehrere Tage auf einem Pilgerweg durch Sachsen, um neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

„Die Zielgruppe des Programms sind junge Sachsen zwischen 18 und 25, die sich in einer Übergangssituation befinden. Zumeist stehen die jungen Wanderer an der Schwelle zum Erwachsensein“, erklärt Enger. „Oft haben sie keinen Schulabschluss vorzuweisen, sind arbeitslos oder durch Jugendstraftaten aufgefallen. Nun müssen sie sich entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollen.“

An diesem Punkt kommt die Mitarbeiter der Jugendstiftung ins Spiel: Mit ihrem Programm unterstützen sie junge Menschen bei der Suche nach Identität. Seit 2013 bietet die Stiftung das Konzept an, seitdem sind die Betreuer mit mehr als 500 Jugendlichen auf über 50 Touren durch ganz Sachsen gepilgert. Bei den gemeinsamen Märschen legen die Gruppen binnen einer Woche zwischen 80 und 125 Kilometer zurück. Bevorzugte Routen sind die „Via Regia“ zwischen Görlitz und Leipzig sowie die „Frankenstraße“ von Bautzen nach Plauen.

„Pilger wollen mit ihrer Reise oft eine Veränderung einläuten“, meint Enger. „Sie begegnen fremden Menschen und fremden Lebensentwürfen. Beim Wandern werden die Pilger zudem ihrer ablenkenden Komfortzone beraubt. In der sich ständig ändernden Umgebung ist der Pilger die einzige Konstante. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf sich selbst.“ Gerade für junge Kriminelle sei das Programm eine letzte Chance, sich zu besinnen. Denn mit der Erreichen des 21. Lebensjahres ändert sich das Strafrecht dramatisch.

Kriminelle profitieren auch aus einem weiteren Grund vom Programm „Zwischen den Zeiten“: Es bietet den jungen Sachsen eine Alternative zu den herkömmlichen Jugendstrafen. So können die gemeinnützigen Arbeitsstunden in den Herbergsbetrieben entlang des Pilgerweges abgearbeitet werden.

Die Sächsische Jugendstiftung setzt sich das Ziel, die Pilger bei ihrer Entwicklung zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu unterstützen. Um die Verhaltensweisen zu ändern, bedarf es strenger Pilgerregeln. Kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt. Die Handynutzung schränken die Pädagogen ein. „Ohne Ausbildung ist bei den Jugendlichen jeder Tag Sonntag“, sagt Enger. „Nun sollen sie etwas leisten. Da ist Ablenkung kontraproduktiv.“

Die jungen Teilnehmer wandern gemeinsam mit acht bis zehn weiteren Jugendlichen und zwei Betreuern. Dadurch bilden die Wanderer einen „Solidaritätsrahmen“, wie der 47-jährige Programmleiter erläutert: „Die Person, die neben mir läuft, hat es genauso schwer. Sie schwitzt auch und trägt ebenfalls einen schweren Rucksack auf dem Rücken. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und motiviert.“ Tatsächlich liegt die Abbrecherquote der jugendlichen Pilger lediglich bei drei Prozent, so Enger.

Auch in Frankreich und Belgien ist man schon seit den 60er Jahren von dem sozialpädagogischen Wirkkraft des Laufens überzeugt. Von Paris und Brüssel aus laufen die Jugendlichen ganze drei Monate auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Nordwestspanien. Doch hat die Methode tatsächlich eine positive Langzeitwirkung auf die Teilnehmer? „Zumindest finden sich die meisten danach in einer gewissen Hochzeit wieder. Sie kommen nach Hause, haben etwas geschafft und wollen nun auch in ihrem Leben etwas anpacken.“ Engers Einschätzung kommt nicht von ungefähr, sowohl die jungen Ausflügler, als auch Mitarbeiter des Jobcenters und von Jugendhilfeträgern hätten ihm die beflügelnde Wirkung des Pilgerns bestätigt. „Der Effekt verebbt zwar mit der Zeit wieder, doch zumindest öffnet sich zuvor ein Gestaltungsfenster, in dem vieles erreicht werden kann.“ Und sollte die Methode tatsächlich dazu führen, dass die Jugendlichen ihr Verhalten ändern, ist auch der Staat am Ende Sieger, weiß Enger. Denn wenn auch nur einer der jungen Läufer nicht ins Gefängnis kommt, kann dadurch viel Geld gespart werden.

Bei der Sächsischen Jugendstiftung laufen bereits die Vorbereitungen für die kommende Pilgersaison. Ab Mai wird wieder gelaufen, erzählt Enger. Dann nimmt er die jungen Menschen wieder mit – auf den Weg der Besserung quer durch Sachsen.

Von Junes Semmoudi

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