Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Professor stößt in Debatte um Grenzwerte für Luftschadstoffe auf Widerspruch
Dresden Lokales Professor stößt in Debatte um Grenzwerte für Luftschadstoffe auf Widerspruch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:46 21.03.2018
Durch die Überschreitung von Grenzwerten drohen Autofahrern in verschiedenen Städten weiterhin Fahrverbote. Quelle: dpa
Dresden

Der Dresdner Verkehrswissenschaftler Professor Matthias Klingner stellte im DNN-Interview der Debatte über Schadstoffe im Autoverkehr ein vernichtendes Zeugnis aus. Seither reißt das öffentliche Interesse an den Aussagen nicht mehr ab. Umweltexperten aus Behörden des Bundes, des Landes und der Stadt Dresden erheben jetzt auf DNN-Anfrage massiven Widerspruch.

Das von Prof. Klingner gezeichnete Bild berücksichtigt nicht alle Aspekte, die „wir als Landesfachbehörde für die Bewertung der Luftqualität berücksichtigen müssen“, hieß es auf DNN-Anfrage im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG). „Beim Feinstaub (PM10) trägt der Verkehr mit 37 Prozent zum Schadstoffausstoß in Sachsen bei.“ Er sei die Verursachergruppe mit dem höchsten Anteil.

„Wichtigster lokal beeinflussbarer Verursacher“

Wie vielfältige Analysen des LfULG gezeigt hätten, trage der Verkehr bezogen auf das Jahresmittel an stark befahrenen Straßen zwischen 20 bis 30 Prozent zur Feinstaubkonzentration bei. Davon stammten etwa ein Drittel aus dem Motor, zwei Drittel seien Aufwirbelungen und Abriebe. „Der Straßenverkehr ist der wichtigste lokal beeinflussbare Verursacher an stark befahrenen Straßen“, betonte Karin Bernhardt, Sprecherin des Landesamtes.

Der emeritierte Prof. Heinz-Erich Wichmann, früher Lehrstuhlinhaber für Epidemologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München und Leiter des Instituts für Epidemologie am Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, habe 2011 eingeschätzt, dass zirka 20 Prozent des PM10-Ausstoßes durch den Straßenverkehr gesundheitsrelevant seien. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO sei im Jahr 2012 Dieselruß als krebserregend eingestuft worden.

„Hochtoxischer Feinstaubanteil deutlich gesenkt“

Mehrjährige Untersuchungen des LfULG gemeinsam mit TROPOS zur Wirksamkeit der Umweltzone Leipzig zeigten nach den Angaben aus dem Umwelt-Landesamt, dass durch die Durchsetzung des Diesel-Partikelfilters beispielsweise Ruß-Partikel – gemessen als schwarzer Kohlenstoff – um über die Hälfte (59 Prozent) gemindert werden konnten.

„Der hochtoxische Feinstaubanteil in der Außenluft und damit das Gesundheitsrisiko der Bevölkerung wurden dadurch sehr deutlich gesenkt“, konstatierte das Landesamt. Dieser Erfolg wäre ohne den PM10-Grenzwert kaum zu erreichen gewesen. PM10 steht dabei für Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von 10 Mikrometer und weniger.

Klingner: Feinstaub-Grenzwerte entschärfen

Professor Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden, hatte sich im DNN-Interview zum Umgang mit Schadstoff-Grenzwerten und dem Autoverkehr geäußert.

Nach seinen Angaben kommen fünf bis acht Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft vom Autoverkehr. Ein großer Teil der gemessenen Feinstaub-Immissionen sei natürlich verursacht und durch den Tagesgang der Sonne geprägt.

Während der Feinstaub damit so gut wie nicht vom Verkehr abhänge, sei der Zusammenhang zwischen Stickoxiden und Verkehrsaufkommen durch den Verbrennungsprozess wirklich gegeben. Klingner erklärte im Interview: „Dazu gibt es eine einfache technische Erklärung: Bei hohen Motortemperaturen wird auch Stickstoff, zu 70 Prozent in der Luft enthalten, verbrannt. Bei höher Motortemperatur verringere ich zwar den Ausstoß von Feinstaub, indem der Kraftstoff besser verbrannt wird. Wenn ich die Motortemperatur aber hochsetze, verbrenne ich auch mehr Stickstoff und damit erhöhen sich die Stickoxidwerte im Abgas. Es ist also ein antagonistischer Widerspruch, Feinstaub und Stickoxidwerte durch eine geschickte Motorsteuerung gleichzeitig reduzieren zu wollen. (...)

Sie könnten die Feinstaub-Grenzwerte für Abgase entschärfen oder ganz darauf verzichten. In dem Fall könnten die Motortemperaturen auch wieder herabgesetzt werden und die Stickoxid-Belastungen gingen zurück. Die wirklichen Emissionen aus dem Verkehr würden wirksam reduziert, unsinnige Grenzwerte hätte man über Bord geworfen. Diese großzügigeren Vorschriften für die Partikelemissionen der Autos würde keinerlei Einfluss haben auf das, was in der Umwelt derzeit gemessen wird, aber das Stickoxid-Problem hätte sich damit geklärt.“

Politisch sei das Thema „natürlich völlig verbrannt“ und die umweltpolitischen Debatten „sind überaus polemisch“. So werde sich auch die Autoindustrie nicht trauen zu sagen, „technisch ist das ziemlicher Schwachsinn“. Eine Umrüstung auf Elektro-Antriebe beispielsweise bei Diesel-Bussen habe in Größenordnungen mehr Einfluss, als das Aussperren einer mehr oder minder großen Zahl an Diesel-Pkw. „Um politischen Druck aufzubauen, wird heute von 38 000 Stickoxid-Toten im Jahr geredet. In der Feinstaub-Debatte, wo von 80 000 Toten im Jahr die Rede war, hatten wir ausgerechnet, dass der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub am Tag, der nur 35 mal im Jahr überschritten werden darf, den eingeatmeten Partikeln einer halben nikotinfreien Zigarette entspricht.“ An der großen Gruppe der Raucher statistisch nachgewiesen sind laut Klingner gesundheitliche Folgen erst nach einem sehr, sehr viel höherem Zigarettenkonsum.

„Der Zusammenhang zwischen Stickoxiden und Verkehrsaufkommen ist ausgeprägter“, stellte das Landesamt gleichzeitig fest. Zum Vergleich: 40 Prozent des Stickoxidausstoßes in Sachsen stammen vom Verkehr, der damit auch die Verursachergruppe mit dem höchsten Anteil bilde. An stark befahrenen Straßen seien 60 bis über 80 Prozent der Stickoxidkonzentrationen aus dem vorbeifahrenden Verkehr. Bei hohen Motortemperaturen werde mehr Stickstoff oxidiert, der zu 78 Prozent in der Luft enthalten sei.

Mit fortschrittlicher Technik Grenzwerte erreichbar

Grundsätzlich sei durch eine fortschrittliche Abgasreinigungstechnik (Harnstoffeindüsung, SCR-Katalysator) die Einhaltung der EURO 5 und 6-Normen auch für Diesel-Kfz möglich. Entsprechende Technik und Prüfvorschriften seien für neue schwere Nutzfahrzeuge bereits seit 2013 vorgeschrieben. Kürzlich habe der ADAC eine Untersuchung zur Wirksamkeit der Nachrüstung von EURO 5-Diesel-PKW mit entsprechender Technik veröffentlicht, die den Erfolg einer solchen Maßnahme gezeigt habe. Alle drei Größen – PM10, NOx und CO2 – gleichzeitig zu minimieren, gehe tatsächlich nicht.

Unabhängig davon seien die Grenzwerte für Feinstaub PM10 und Stickstoffdioxid (NO2) in der gesamten EU gültig. „Es ist nicht einzusehen, dass in Deutschland lebende Menschen eines geringeren Gesundheitsschutzes bedürften als andere.“ Änderungen bei den Grenzwerte für die Luftqualität wären in einem EU-weiten Abstimmungsprozess zu entwickeln.

Ähnlich äußerte sich das Umweltamt der Dresdner Stadtverwaltung. Was Prof. Klingner erkläre, sei grundsätzlich richtig. „Er beschreibt bestehende Zielkonflikte, die sich jedoch nicht so einfach auflösen lassen, wie im Interview dargestellt“, hieß es aus der Stadt. Weil es nicht möglich sei, alles mit motorischen Maßnahmen gleichzeitig zu erledigen, gebe es Abgasreinigungssysteme. Die Partikel (Dieselruß) würden mit Filtern eigentlich gut beherrscht.

Fahrzeuge mit Benzinmotoren einfacher zu beherrschen

Stickoxide fielen bei Dieselmotoren immer an, da die Verbrennungstemperaturen bei Selbstzündern immer höher liegen. Höhere Temperaturen steigern allerdings nicht nur den Stickoxidausstoß sondern auch die Effektivität und senken damit den Kraftstoffverbrauch, was auch gewollt sei, um einen niedrigen Kohlendioxidausstoß zu erreichen. Es gibt also nicht nur den Zielkonflikt zwischen dem Partikel- und dem Stickstoffoxidausstoß sondern mindestens noch als dritten Parameter die Effektivität.

Eine ordentliche Lösung über das gesamte Leistungsspektrum eines Motors zu allen Jahreszeiten sei für die Hersteller sicherlich nicht einfach zu realisieren. Abschaltvorrichtungen (verboten) und Motorschutzstrategien (Thermofenster und ähnliches) führten dazu, dass Abgasreinigungseinrichtungen preiswerter ausgelegt werden können. Es gebe aber auch Fahrzeuge, die das Ganze recht gut beherrschen. Gute Abgasreinigungsanlagen seien jedoch oftmals teurer. Dagegen sind Fahrzeuge mit Benzinmotoren recht einfach und viel preiswerter zu beherrschen.

Stadt: Rußpartikelminderung nicht für andere Schadstoffe aufgeben

Festzustellen bleibe aus Sicht der Stadt: Die Grenzwerte für Fahrzeugemissionen seien vorgegeben und technisch beherrschbar. Dafür gibt es verschiedene technische Möglichkeiten. Wie der jeweilige Fahrzeughersteller dies realisiert und seine Systeme aufeinander abstimmt, müsse er selber entscheiden.

Die Landeshauptstadt Dresden vertrete nicht den Standpunkt, dass der erreichte Standard bei der Rußpartikelminderung zugunsten anderer Luftschadstoffe aufgegeben werden sollte, denn Rußpartikel seien krebserregend. „Es gibt keinen Schwellwert für deren Unschädlichkeit. Das heißt, Minimierung ist das, was erreicht werden muss“, stellte die städtische Behörde klar.

Grenzwerte auf EU-Ebene festgelegt

Auch das sächsische Umweltministerium verwies darauf, dass die Grenzwerte auf der Ebene der Europäischen Union festgelegt worden seien. „Auf deren Einhaltung haben der Freistaat Sachsen und die betroffenen Städte hinzuwirken“, stellte Frank Meyer, Sprecher von Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) fest. Diskussionen über den Sinn von Grenzwerten müssten somit auf Ebene der EU stattfinden.

Schließlich lässt auch das Bundesumweltamt in Dessau keinen Zweifel daran, dass die „Partikel und Stickstoffdioxidemissionen“ aus mobilen Verbrennungsmotoren „auf ein technisch mögliches und gesundheitlich notwendiges Maß zu reduzieren“ seien. „Für beide Schadstoffe gilt grundsätzlich ein Minimierungsgebot, weil es keine wissenschaftlich nachgewiesene untere Schwelle gibt, ab der keine gesundheitlichen Wirkungen entstehen“, erklärte Lars Mönch aus der Verkehrsabteilung des Bundesamtes. „In der Praxis heißt das aktuell, dass die Schadstoffemissionen aus den Fahrzeugen real die Grenzwerte einzuhalten haben und die Anforderungen an die Luftqualität einzuhalten sind.“

Falsche Schlussfolgerungen

Der angesprochene geringe Beitrag des Verkehrs zur Partikelemission ist durch den Einsatz der Partikelfilter in den letzten Jahren gesunken und dadurch leiste der Verkehr tendenziell hier einen geringeren Beitrag. Auch Mönch kommt zu dem Urteil, Klingners Einschätzungen zu den „thermodynmischen Prozessen sind prinzipiell richtig, aber die Schlussfolgerungen daraus nicht“.

Für Partikel und Stickoxide gebe es hochwirksame Minderungstechniken, die zu einer entscheidenden Minderung der Schadstoffe führen würden. Partikelfilter reduzieren die Anzahl der Partikel um etwa 99 Prozent und SCR-Anlagen können die Stickoxid-Emissionen unter optimalen Bedingungen ebenfalls um über 90 Prozent reduzieren. Mönch: „Das bedeutet, dass die Zusammenhänge aus der Thermodynamik heraus nicht entscheidend sind für die Festlegung von Grenzwerten, sondern die verfügbare Minderungstechnik und der Bedarf die Luftqualität zu verbessern.“

Von Ingolf Pleil

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Dresden kommen in einigen Tagen jahrhundertealte Kunstwerke unter den Hammer. Das Kunstauktionshaus Günther versteigert den Nachlass eines Antiquars.

26.03.2018
Lokales Beförderungskosten in Dresden - Gleiches Geld für alle Schüler

Eine Familie aus Klotzsche hat der Stadt Mehrkosten von rund 2,6 Millionen Euro beschert. Die Eltern klagten gegen die Schülerbeförderungssatzung und bekamen Recht. Bald werden Gymnasiasten und Berufsschüler von dem Urteil profitieren.

21.03.2018

Alles spricht derzeit über die Flüchtlingszahlen in Deutschland. Doch auch abseits der großen Krisendebatten gibt es schicksalhafte Geschichten an der Schnittstelle zwischen Europa und der Welt, wie sich an der Familie eines Dresdner Fahrlehrers zeigt.

21.03.2018