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Lokales Professor Melzer: Deshalb sind Gemeinschaftsschulen ein „Garant für den Bildungserfolg“
Dresden Lokales Professor Melzer: Deshalb sind Gemeinschaftsschulen ein „Garant für den Bildungserfolg“
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16:22 27.10.2018
Professor Wolfgang Melzer. Quelle: privat
Dresden

Das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ will Schulen entstehen lassen, in denen nicht mehr frühzeitig nach Leistung getrennt wird, sondern von Anfang an bis zum Schulabschluss gemeinsam gelernt werden kann. 40.000 Namenszüge müssen insgesamt gesammelt werden, um den Antrag zusammen mit einem Gesetzesentwurf in den Landtag zu bringen. Wir haben Seniorprofessor Wolfgang Melzer von der TU Dresden getroffen.

Sie sind Mitinitiator des Volksantrags. Können Sie sich kurz vorstellen und Informationen zu der Initiative geben?

Seit über zwanzig Jahren bin ich Professor für Schulforschung an der Technischen Universität Dresden. Wir haben viele Schulen national und international evaluiert und beraten. Davor war ich in der wissenschaftlichen Begleitung der Laborschule an der Universität Bielefeld tätig. In den Dresdner Jahren konnte ich auch einen Überblick über die Schullandschaft in Sachsen gewinnen. Wir haben Anhaltspunkte dafür gefunden, was eine gute Schule ist. In den Evaluierungen der Schulen in Thüringen und Sachsen hat sich gezeigt, dass es ein guter Weg sein kann, neben einem bewährten Zwei-Wege-System [Oberschule und Gymnasium, Anmerkung der Redaktion] für ländliche Regionen und auch in den Städten Gemeinschaftsschulen zu implementieren. In Thüringen sind in den letzten sechs oder sieben Jahren 68 Gemeinschaftsschulen entstanden, die sich mit 15.000 Schülerinnen und Schülern gut etabliert haben. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht – und das ist auch eine Devise für unser Bündnis – der Schulfrieden wurde gewahrt. Es wurden an den Standorten eine neue Gemeinschaftsschulen errichtet, an denen alle Beteiligten es wünschten inklusive der Schulträger und der Schulen selbst.

Eigenständig und parteiunabhängig

Das sind die Thüringer Erfahrungen. Der zweite Forschungsbezug ist die wissenschaftliche Begleitung eines Schulversuchs in Sachsen gewesen. Dieser wurde von der ersten CDU/SPD-Regierung ausgelobt und von unserer Forschungsgruppe wissenschaftlich begleitet. Beteiligt waren neun Gemeinschafts­schulen, dazu gab es zehn Vergleichsschulen, darunter Oberschulen und Gymnasien. Im Ergebnis dieser Evaluation zeigte sich, dass sich zwei Schulen in besonderer Weise bewährt haben: Das waren beides Gemeinschaftsschulen, das Chemnitzer Schulmodell und die Nachbarschaftsschule in Leipzig. Beide Schulen unterrichten ihre Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse. Dieses Ergebnis und die Thüringer Erfahrungen haben mich seinerzeit veranlasst, als Sachverständiger bei der Novellierung des Schulgesetzes für das „Optionale Modell Gemeinschaftsschule“ zu plädieren. Es ist eine sanfte Reform und sie berücksichtigt den Bürgerwillen. Die Mehrheit der Eltern ist dafür. Das zeigen repräsentative Studien im Bund, wie die JAKO-O-Elternstudie oder auch die EMNID-Studie hier in Sachsen. Es sind immer ungefähr zwei Drittel der Befragten, die das wünschen, darunter überdurch­schnitt­lich viele junge Menschen.

Können Sie kurz sagen, wer sie u. a. unterstützt?

Es sind etwa zwanzig Institutionen, Organisationen und Interessenverbände. Am wichtigsten finde ich, dass der Landeselternrat, also die Vertretung aller gewählten Elternvertretungen, das Bündnis unterstützt. Der Landesschülerrat ist dabei, aber auch die Volkssolidarität, der Paritätische Wohlfahrtsverband, Interessenvertreter der Lehrer, Gewerkschaften und der Verein „Gemeinsam länger lernen e. V.“. Der Vorsitzende des Landesbildungsrates ist einer der Erstunterzeichner des Volksantrages. Uns ist es wichtig, dass das Bündnis, dem auch verschiedene Parteien angehören, eine eigenständige und parteiunabhängige Forderung vertritt, die wir in einem Positionspapier formuliert haben. Mehrere Parteien tragen den Volksantrag mit, nicht nur Oppositionsparteien, sondern auch eine der Regierungsparteien, die SPD. Unser Modell ist ein Konsensmodell, das andernorts auch durch die CDU mit eingeführt worden ist und mit großem Erfolg umgesetzt wurde, wie beispielsweise in Jena. Wissenschaftler und Bildungsexperten gehören dem sächsischen Bündnis natürlich auch an und stellen ihre Erfahrungen mit zur Verfügung.

Sie haben mit der Unterschriftensammlung am 29. September begonnen. Wie viele Unterschriften sind bislang ungefähr eingereicht worden?

Wir haben in der ersten Runde 30.000 Unterschriftbögen gedruckt, auf jedem Bogen können fünf Personen unterschreiben. Die Unterlagen sind auf 13 Bezirke im ganzen Land verteilt worden. Viele Ehrenamtliche sind unterwegs und sammeln die Unterschriften. Das heißt, wir haben momentan einen bestimmten Output. Wie der Rücklauf aussieht, wissen wir noch nicht genau. Die Resonanz ist aber sehr groß, das zeigte sich bereits beim ersten Aktionstag und das berichten uns die Sammler. Ich selbst bin auch als aktiver Sammler unterwegs und kann das nur bestätigen: Insbesondere junge Leute mit kleinen Kindern sagen, bitte beeilen Sie sich, damit unsere Kinder noch in eine Gemeinschaftsschule gehen können.

Gruppenlernen fördert Sozialkompetenz

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass es zu einem Gesetzentwurf im Landtag kommen wird?

Ich bin da optimistisch, da es sich um eine sanfte Reform handelt, die zuträglich für die Schulen ist. Der Wahlkampf hat schon begonnen und die Bewerber um ein Landtagsmandat werden im Gespräch mit den Bürgern vor Ort die Vorteile erkennen. Es ist ja kein kompletter Umbau und nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden. Zudem liegt ein ausgewogener Text zur Änderung des Schulgesetzes und des Gesetzes für die Schulen in freier Trägerschaft vor. Bei der Erstellung hatten wir professionelle Unterstützung von erfahrenen Mitgliedern der Landtagsfraktionen. Das Bündnis hat auch einen Rechtsanwalt mit der Normprüfung beauftragt, einen ehemaligen Staatssekretär aus dem Kultusministerium. Ein Hauptargument ist nicht wegzudiskutieren: Unser Modell hilft, auf dem Lande die Schulen zu erhalten. Außerdem sollte grundsätzlich nicht unterschätzt werden, dass der unterstützende Elternwille sehr stark ist, und zwar unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Ich verbinde das mit einem Appell an alle Entscheidungsträger, sich vorurteilsfrei mit dem Gesetz auseinanderzusetzen und den Schulfrieden zu bewahren!

Wie sieht es mit einer individuellen Schülerförderung aus? Sehen Sie bei Gemeinschaftsschulen die Gefahr, dass manche Schüler überfordert und manche unterfordert werden

In den Grundschulen gibt es meiner Ansicht nach ein hohes Potential an reformpädagogisch orientierten Lehrern, die mit individueller Förderung Erfahrung haben. Und das soll fortgeführt werden über die fünfte und sechste Klasse hinaus. Nach unserem Vorschlag kann eine Gemeinschaftsschule aber auch mit der fünften Klasse beginnen. Deswegen ist es sinnvoll, wenn sowohl Grund- als auch Gemeinschaftsschulen mit ähnlichen Methoden, mit offenem Unterricht und selbstbestimmtem Lernen arbeiten. Bei der individuellen Förderung wird häufig der Fehler gemacht, dass man sich lediglich auf die schwächeren Schüler besinnt. Die Kunst besteht darin, die Förderung im unteren Leistungsbereich mit einer Förderung im oberen Leistungsbereich zu verbinden.

Wenn z.B. beim Gruppenlernen Schüler zum „Chef einer Aufgabe“ gemacht werden – und jeder ist dann bei einer Aufgabe Chef – , hat man letztendlich eine ganz andere Art des Lernens. Man dringt in tiefere Schichten ein, übernimmt Verantwortung und erhält dafür Anerkennung – das ist auch ein Stück weit Demokratielernen. Es geht nicht nur darum, ob ein Schüler die besseren Kenntnisse in einem bestimmten Bereich hat, sondern generell darum, dass in einer Gesellschaft, die auseinander zu bersten droht, die Menschen wieder neu zusammenfinden können. Das mag eine Utopie sein, aber umgekehrt: Wenn man die Kinder sehr früh voneinander trennt, trägt man definitiv zu einer Separierung der Gesellschaft bei. Es ist also auch ein Auftrag gesellschaftlicher Art, der sich mit den Gemeinschaftsschulen verbindet. Es geht neben der Vermittlung fachlicher Kompetenzen um eine entwickelte und aufgeklärte Persönlichkeit sowie um das soziale Miteinander. Erst die Verbindung von Sozial- und Selbstkompetenz mit der Wissensdimension macht die Kompetenz insgesamt aus – alles zusammen ist ein Garant für den Bildungserfolg im Lebenslauf.

Von heh

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