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Lokales Poetry Slammerin Bonny Lycen im Gespräch
Dresden Lokales Poetry Slammerin Bonny Lycen im Gespräch
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15:01 18.09.2015
Bonnie Lycen Quelle: Toni Petraschk
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„Kennst du die anhaltende Stille der Sterne? Mein Leben findet in und an und mit dir statt. Meine ruhig fließend Erwählte der Ferne kühlst mir die Stirn, stillst den Hunger und machst mich satt. Ach Elbe, du bist das Beste hier.“ Mit diesen Worten hat sie die Menge gefesselt. Wenn die Poetry Slammerin Bonny Lycen vor dem Publikum steht und ihren Text über die Elbe vorträgt, klebt man an ihren Lippen. So leidenschaftlich, emotional und bedacht sind ihre Worte, so eindringlich ihre Stimme und Ausstrahlung. Mit diesem Text startete ihre Karriere als Poetry Slammerin in Dresden. Im Januar trug sie ihn in der Scheune bei den „livelyrix“ vor – und gewann prompt. „Damit hätte ich nie gerechnet“, gibt sie zu. Aber das Publikum war eben anderer Meinung.

Ab da ging es für sie steil nach oben. Der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere war die Sächsische Meisterschaft im Poetry Slam, die vor einer Woche in der Saloppe stattgefunden hat. Das Ergebnis: Stolze Vizemeisterin. Und das nach nur wenigen Monaten in der Szene. Erst Tagebuch, dann Gedichte. Geschrieben hat Bonny eigentlich schon immer. Ihr großes Vorbild dabei: Friedrich Schiller. Von ihm hat sie sicher auch ihre Vorliebe für Metrum, Rhythmus und Form. Wer jetzt an angestaubte Poetik denkt, liegt allerdings komplett daneben. Bonny besitzt das Talent, mit den Worten zu spielen und sie lebendig werden zu lassen.

Aber ein Text ist nicht gleich Text. Hinter jedem Slam-Beitrag steckt viel Arbeit. Sobald sie ein Motiv im Kopf hat, beginnen ihre Recherchearbeit. Bis zu zwei Wochen liest sie viel oder schaut sich Videos zur entsprechenden Thematik an. „Die reine Schreibzeit beträgt dann ungefähr vier bis fünf Stunden“, so Bonny. Aber damit – frei nach Nietzsches Zitat „Die Ketten, in denen der Dichter tanzt, darf man nicht klirren hören“ – ist es noch nicht getan. Bonny feilt lange an den geschriebenen Zeilen, ist selbstkritisch. Sobald sie mit einer Fassung zufrieden ist, lernt sie die Zeilen auswendig. Ihre Texte sind intelligent, beherzt und mehr als bloßes Entertainment. „Authentisch bleiben“ lautete die oberste Priorität. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Um sich mit seinen eigenen Texten vor ein großes Publikum zu stellen, bedarf es viel Mut. Um ihre Aufregung in den Griff zu bekommen, hat Bonny bei kleinen Lesebühnen geübt. So war sie beispielsweise zu Gast in der „Phrase IV“ oder bei der „Offenen Bühne“ in der Wanne. Was ihr ebenso bei der Vorbereitung hilft, ist ihr Beruf. Erst im Sommer hat sie ihre Ausbildung zur Logopädin abgeschlossen. Dadurch ist sie vertraut mit Atemtechnik, Haltung und sicherem Auftreten. Ein weiterer guter Tipp: Während sie ihre Texte zu Hause auswendig lernt, nimmt sie sich auf Video auf. „Die Idee kommt aus der Ausbildung“, erklärt Bonny. „Bei der Performance auf der Bühne lege ich viel Wert auf die Stimme, Pausen und die Nuancen der Lautstärke. Mit dem Video kann ich mich besser mit meiner Vortragsweise auseinandersetzen.“

Die Ideen zu den Texten kommen ihr auf unterschiedliche Weise. „Auch ein einzelnes Wort kann Inspiration sein“, so die Slammerin. Oft ist es aber auch so, dass sie zunächst von Vereinen, Organisationen oder Veranstaltern Anfragen erhält. Dann weiß sie, in welche Richtung ihre Recherchen gehen. Tabus in der Themenauswahl gibt es für Bonny nicht. „Es ist die Verantwortung der Kunst, Themen anzusprechen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen“, betont die 23-Jährige. „Dinge konkret in Worte fassen und nichts beschönigen – Kunst darf alles.“ So verfasste sie beispielsweise für einen Poetry Slam gegen Sexismus, veranstaltet durch die Frauenrechtsorganisation „Terre des femmes“, einen Text über eine Vergewaltigung. Auch einen über Kindesmissbrauch hat sie geschrieben.

Mit ihrer Kunst erreicht sie viele Menschen – was für sie erst recht ein Anlass ist, das Schweigen zu brechen und auch Unbequemes zum Thema zu machen. All die Mühe zahlt sich aus: Seit ihrem ersten großen Auftritt in der Scheune wird sie viel gebucht – was sich nach ihrer Zweitplatzierung bei den Sächsischen Meisterschaften bestimmt nicht ändern wird. Im Oktober geht Bonny auf eine deutschlandweite Tour. Doch für die gebürtige Brandenburgerin ist das alles nicht genug: Gemeinsam mit dem Gitarristen Richard Holzmann und der Sängerin Marie Antoinette hat sie das Kleinkunst-Konzept „Vorwärts, Herz!“, eine Mischung aus Musik und Lyrik, ins Leben gerufen. Und mit dem Musiker Jacob Richter ist ein Projekt geplant, eine Auswahl ihrer Texte samt Musikuntermalung aufzunehmen und auf Vinyl zu verewigen.

Doch bevor sie all dies in Angriff nimmt, wird sie den Jakobsweg gehen. Inspiration findet sie schließlich überall. Wer den nächsten Slam mit Bonny Lycen auf keinen Fall verpassen möchte, dem sei folgender Link ans Herz gelegt: www.facebook.com/herzeigen.#

Annette Thoma

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