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Philip Morris will mit neuer Fabrik in Dresden weg vom Buhmann-Image

Millioneninvestition Philip Morris will mit neuer Fabrik in Dresden weg vom Buhmann-Image

Philip Morris will sein Image als Marlboro-Buhmann loswerden und feilt nach eigenem Bekunden an einer rauchfreien Zukunft. Ein Baustein dafür soll eine 285 Millionen Euro teure neue „Heets“-Fabrik sein, die der US-Tabakkonzern bis 2019 in Dresden bauen will. In Bologna rollen die „Heets“ genannten Zigaretten-Alternativen bereits vom Band.

So sieht die Fabrik in Bologna aus.

Quelle: Philip Morris

Dresden/Bologna. Wer sich von Bologna aus der Fabrik von Philip Morris International (PMI) nähert, stutzt unwillkürlich: Hier also entstehen jene „Heets“, die der „Marlboro“-Hersteller als neue, bessere, weil rauchfreie Alternative zu Zigaretten und E-Zigaretten anpreist. Wie ein Werkseingang sieht das riesige, blitzeblanke Entrée, das da mitten in der norditalienischen Ebene aufragt, allerdings gar nicht aus. Eher wie der Eingang zum Glaspalast einer Bank, die ein Architekt versehentlich neben eine Autobahn der Emilia Romagna gesetzt hat.

Was ebenfalls nicht zu einer Tabakfabrik zu passen scheint: An jeder Ecke prophezeien agitative Aufschriften eine nahende „rauchfreie Zukunft“. Auch der schwere Tabakgeruch, der Zigarettenfabriken wie das f6-Werk in Dresden-Striesen seit Jahrzehnten umwabert, fehlt hier völlig. Das mag auch am Standort nahe am Kilometerschild „128,5“ der Schnellstraße Via Emilia liegen: „Greenfield“ hat der US-Tabakkonzern das Areal genannt, frei übersetzt: „Auf der grünen Wiese“. So weit draußen vor den Toren Bolognas weht fast stets ein lindes Lüftchen und verjagt alle Düfte.

Vorbei an der Espresso-Phalanx

„Sorry, Fotografieren ist hier nicht erlaubt“, schüttelt Antonio Mirabella den Kopf, als einer der Besucher sein Smartphone zückt. „Wir wollen der Konkurrenz keine Details unserer Maschinen liefern.“ Wie zur Versöhnung kredenzt der PMI-Manager den Gästen Espressi an einer Phalanx aus Kaffeemaschinen – die gehören in italienischen Betrieben mutmaßlich zur Basisausstattung. Auch das Mittagessen ist hier für die Belegschaft gratis.

Gleich dahinter mündet das ausladende Glasfoyer direkt in eine halbkilometerlangen Hauptstraße. Wie eine Aorta versorgt diese Hauptschlagader die Fabrik mit „Nährstoffen“. Laut hupend schlängeln sich darauf Elektrokarren, überholen einander mit italienischer Geschmeidigkeit. Kaum ist einer dieser Transporter nach links abgeschwenkt, um irgendwelche Maschinen in einer der Hallen dahinter mit neuem Material zu füttern, da schnippt auch schon der nächste E-Wagen mit Ersatzteilen vom Lager in den Fahrzeug-Strom. „Bitte bleiben sie auf den gelben Wegen und queren sie die Trasse nur an den markierten Stellen“, ermahnt die junge Führerin unachtsame Gäste.

Was steckt hinter IQOS und Heets?

Philip Morris International (PMI) wurde mit der Zigarettenmarke „Marlboro“ weltweit bekannt. Nun preist der US-Tabakkonzern sein System aus IQOS-Erhitzern und Heets-Tabak als Alternative zum Zigaretten-Rauchen und auch zur chinesischen E-Zigarette an.

Die PMI-Manager wollen sich diesmal nicht den Mund verbrennen und nennen das IQOS-System gar nicht erst „gesund“. Gesünder sei es, mit dem Rauchen ganz aufzuhören, betont Simon Dowding, der Konzern-Kommunikationsbeauftragte für die „Smoke Free“-Kampagne. Auch sei unbestreitbar, dass Nikotin süchtig mache. Wer aber das Nikotin nicht aufgeben wolle, für den können IQOS eine Alternative sein. Nach bisherigen eigenen Forschungsergebnissen von Philip Morris sind die im Dampf von IQOS enthaltenen schädlichen Substanzen um durchschnittlich 90 bis 95 Prozent geringer als im Rauch einer Zigarette.

Das IQOS-System besteht aus mehreren Komponenten: Als Nikotinspender verbraucht werden die Heets. Sie sehen wie sehr kurze Zigaretten aus und werden in Bologna und demnächst auch in Dresden hergestellt. Um sie zu nutzen, braucht man das elektronische IQOS-System, das bisher ausschließlich in Malaysia hergestellt wird. IQOS besteht wiederum aus einem Mundstück und einem Ladegerät.

Die Heets werden auf dieses Mundstück mit Heizzunge gesteckt. Während eine herkömmliche Zigarette bei 800 Grad schlichtweg verbrennt, erwärmt die elektronisch gesteuerte Zunge die Heets auf 350 bis maximal 400 Grad. Dadurch soll der spezialverarbeitete Tabak dann Nikotindampf absondern. Damit bedient PMI die Nikotinsucht seiner Kunden – aber ohne die Tabak-Verbrennungsprodukte zu erzeugen, die als besonders gesundheitsgefährdend gelten.

„Bisher sind schon rund drei Millionen Raucher weltweit zu IQOS gewechselt“, sagt Simon Dowding. Schon jetzt verdiene das Unternehmen jeden zehnten Dollar beziehungsweise Euro Umsatz mit „rauchfreien“ Produkten wie dem IQOS-System. Bis 2025 soll der Anteil dieser neuen Produkte 30 Prozent erreichen. hw

Wer den gelben Flitzern in die Heets-Kernproduktion folgen will, muss sich zuvor in weiße Gaze-Overalls einmummeln, wie man sie von den Intensivstationen in Krankenhäusern kennt: Wo „Genussmittel“ entstehen, sind die allgegenwärtigen Keime des Alltags tabu. Hier sieht man auch rasch, wohin ein Großteil der Milliarden-Investition geflossen ist, die PMI getätigt hat: Maschinen, Maschinen, Maschinen... Automatische Mühlen zermalmen die angelieferten Tabakblätter zu feinem Puder. Diesen Tabakstaub benetzen die nächsten Maschinen mit Wasser und allerlei Zutaten, die Antonio Mirabella partout nicht verraten will. Der angerührte Brei wird dann glattgewalzt und durch Dutzende Meter lange glänzende Öfen geschoben. Aus deren heißen Mäulern quillt ein endloser Teppich aus Tabakfasern. Hier kommen ausnahmeweise auch mal Menschen zum Zuge und schieben die Wellen mit dem aufgerollten Tabakteppich zu den Konfektionierautomaten. Dort hieven Roboter die Rollen in Fertigungsmodule, in denen die Tabakbänder gerollt, gefaltet und wieder zugeschnitten werden. Lichtblitze zählen die sich formenden Heets, wieder andere Maschinen packen sie in Boxen und kleben die Steuer-Banderolen drauf.

Bolognas Uni-Tradition beeinflusste Standort-Wahl

Menschenleer wie in machen „Industrie 4.0“-Visionen ist diese hochtechnologische Heets-Fabrik nicht. Rund 1000 Beschäftigte arbeiten inzwischen in dem Werk, weitere 200 Jobs sollen demnächst folgen. Allerdings: Anders als in klassischen Zigarettenfabriken haben Ungelernte hier kaum noch Job-Chancen – zu anspruchsvoll sind das Fertigungsregime und die installierte Technik. Nahezu alle hier sind Facharbeiter, Techniker oder Ingenieure, versichert Antonio Mirabella auf Nachfrage. „Wir stellen hier ein komplexes Produkt her und dafür brauchen wir gut ausgebildete Leute“, betont er. Insofern sei es auch kein Zufall gewesen, dass PMI sein Heets-Werk nahe der Hochschulstadt Bologna gebaut habe, in der die älteste Uni Europas residiert.

Subventionen haben bei der Standortwahl anscheinend keine Rolle gespielt: Ähnlich wie in Dresden hat Philip Morris auch in Bologna gar nicht erst versucht, staatliche Beihilfen für die Fabrik zu bekommen. Bestanden hat das Management allerdings darauf, das neue Werk an einem neuen Standort zu errichten – und gar nicht erst zu versuchen, die Heets-Produktion in die alte Zigarettenfilter-Fabrik von Bologna hineinzupressen.

Ähnliche Architektur in Sachsen geplant

Denn das Konzept einer „neuen“ Fabrik auf der grünen Wiese mit „neuen“ Produkten steht für PMI sowohl technologisch wie auch symbolisch für einen Neuanfang: Einerseits ringt der US-Tabakkonzern um ein neues Image. Konsumenten sollen beim Anblick des PMI-Logos nicht mehr an den Krebstod des Marlboro-Manns denken. Sondern an ein Unternehmen, das „verstanden hat“, das viele Millionen Dollar und Mannjahre investiert, um Alternativen zur Zigarette zu entwickeln.

Die technologischen Gründe für die Standortwahl auf freiem Feld erschließen sich durch die Fabrikstruktur: Sie ist im altrömischen Stil ganz geometrisch in viereckigen Komplexen strukturiert. Diese Module muss der Konzern nur spiegeln, um die Produktion zu erweitern. Eben dies geschieht gerade auf dem „Greenfield“ in Bologna, in das PMI nun eine weitere halbe Milliarde Euro investiert.

Dieses Spiegelbaukonzept wäre weder im angestammten Zigarettenfilterwerk von Bologna umsetzbar gewesen noch auf dem Gelände der Dresdner f6-Fabrik, die zwischen Glashütter und Kipsdorfer Straße eingezwängt ist. Deshalb will PMI seine neue Heets-Fabrik in Dresden auch nicht am Altstandort hochziehen, sondern in Flughafennähe. „Die Architektur in Dresden wird ähnlich sein wie in Bologna“, erklärte PMI-Sprecherin Elfriede Buben

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Von Heiko Weckbrodt

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