Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Pegida-Demos: Viele Dresdner wähnen das Abendland in Gefahr - andere die Toleranz
Dresden Lokales Pegida-Demos: Viele Dresdner wähnen das Abendland in Gefahr - andere die Toleranz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:16 09.09.2015
Kreativer Protest gegen Pegida. Quelle: Stephan Lohse
Anzeige

Zumindest treibt eine imaginäre Angst seit Wochen Tausende auf die Straße. Was im Oktober mit 200 Sympathisanten noch übersichtlich begann, ist inzwischen stark angeschwollen. Am Montagabend kamen laut Polizei rund 7500 Menschen zum „Abendspaziergang“ des Bündnisses „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ - kurz Pegida.

Doch auch der Widerstand gegen die selbst ernannten Patrioten wächst. Mehr als 1200 bis 1500 Gegendemonstranten blockierten die Marschroute der Pegida-Leute und zwangen sie zur Umkehr. Damit ist das Problem freilich nicht gelöst. Seit Tagen bemühen Politiker in Sachsen die Weisheit, wonach man die Sorgen der Menschen ernst nehmen müsse.

Genau das ist der Punkt, an dem Pegida-Chef Lutz Bachmann ansetzt. Der 41-Jährige glaubt nicht mehr daran, dass Politiker den Menschen zuhören. Seither versucht er den zur Wende geprägten Ruf „Wir sind das Volk“ gegen die jetzigen Regierenden zu richten. Diskussionsangebote wie die Bürgerversammlung der Stadt laufen bei den Pegida-Unterstützern ins Leere. Auch offizielle Zahlen finden kaum Gehör.

Vieles klingt bei Pegida nach Verschwörungstheorie. Das Vertrauen in Medien geht gegen Null. „Die verdrehen einem doch nur das Wort im Munde“, sagt eine Frau am Montagabend, als sie von einem Kamerateam nach dem Grund ihrer Teilnahme gefragt wird.

Erstmals waren deutlich über 1000 Menschen bei einer Gegendemo dabei. Quelle: Stephan Lohse
Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden, sorgt sich nicht um die Islamisierung des Abendlandes, sondern vielmehr um den Ruf der Stadt Dresden. Die Pegida-Demonstrationen behinderten Aktivitäten für ein weltoffenes und tolerantes Dresden. In der Welt entstehe so ein Bild Dresdens, „das in erster Linie abschreckt, unsere Stadt als ausländerfeindlich darstellt und an die vergangen geglaubten Aufmärsche der Neonazis im Umfeld des 13. Februars erinnert“.
Pegida-Teilnehmer am Montag an der Lingnerallee. Quelle: Stephan Lohse
Die Forderungen von Pegida sind ein buntes Sammelsurium. Auch Pressefreiheit und Meinungsfreiheit werden eingefordert, als dürften die Demonstranten nicht seit Wochen durch die Stadt ziehen. Bachmann beteuert immer wieder, dass man nicht gegen Flüchtlinge oder gegen Ausländer im Allgemeinen sei. Auch am Asyl sei nichts auszusetzen - sofern es Menschen aus Kriegsregionen betrifft. Doch hier beginnen schon die Unterschiede. Denn „Wirtschaftsflüchtlinge“ will man nicht. Manche Sprüche der Pegida-Leute sagen viel über ihren Geist aus. „Bitte weiterflüchten“ heißt es zynisch auf einem Plakat. Auch die rechtsextreme NPD läuft bei den Aufmärschen mit, ohne dass die Menge dagegen rebelliert.
Nach einem Böllerwurf aus der Pegida-Menge umstellte die Polizei die Demonstranten. Quelle: Stephan Lohse
Wohin sich Pegida entwickelt, ist noch unklar. Bachmann verweist auf Nachahmer in Städten wie Kassel, Düsseldorf, Leipzig, München, Rostock, Magdeburg, Ostfriesland, Würzburg und Bonn. In den meisten Fällen hat sich das bisher auf einzelne Solidaritätsbekundungen oder Mahnwachen beschränkt. Zur ersten Kasseler Demo kamen am Montag lediglich 70 Teilnehmer bei rund 500 Gegendemonstranten.

Die am Dienstag öffentlich gemachte kriminelle Vergangenheit Bachmanns, der mehrfach vorbestraft ist und sich einst durch Flucht nach Südafrika vor dem Gefängnis drücken wollte, dürfte Bürger als Mitläufer künftig eher abschrecken. Schon auf der Abschlusskundgebung am Montag hatte er eingeräumt, in der Vergangenheit Mist gebaut zu haben. Besonders Paradox: Bachmann, der sich Woche für Woche für eine Abschiebung krimineller Ausländer ausspricht, lebte damals selbst mit falscher Identität in Südafrika, wie er inzwischen zugeben musste. Erst, als ihm die dortigen Behörden auf die Schliche zu kommen schienen, kam er nach Deutschland zurück.

Kreativer Protest gegen Pegida. Quelle: Stephan Lohse

Die Linken sprechen bei Pegida ohnehin von „rassistischer Stimmungsmache“ und sehen die sächsische Politik in der Pflicht. Der Widerstand gegen künftige Pegida-Demonstrationen soll weitergehen.

sl / Jörg Schurig, dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am Neustädter Markt sollen bald wieder Fahnen wehen. Das plant die Stadt und hat aus diesem Grunde vor einem halben Jahr die 121 Jahre alten bronzenen Fahnenmasten am Eingang der Hauptstraße auf ihre Einsatzbereitschaft prüfen lassen.

09.09.2015

Nur ein geringer Teil der insgesamt rund 294 000 Wohnungen in Dresden ist seniorengerecht. Das ergab jetzt eine regionale Untersuchung des Pestel- Instituts im Auftrag der staatlichen Förderbank KfW.

09.09.2015

"Lieblingsplätze für Dresden" - unter diesem Titel wurden 2014 insgesamt 14 Kleinprojekte gefördert, die sich der Barrierefreiheit verschrieben haben. 245 100 Euro hatte das Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz zur Verfügung gestellt, um punktuell, klein und effektiv Projekte in der Stadt mit maximal 25 000 Euro zu unterstützen.

09.09.2015
Anzeige