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Lokales Orgelklang von Klotzsche in die Welt
Dresden Lokales Orgelklang von Klotzsche in die Welt
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13:02 15.05.2018
Orgelbauer Marcus Stahl setzt Holzpfeifen ein und überprüft den Klang der Orgel. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Wer bei Orgel direkt an große Kirchen denkt, irrt mitunter. Der Beweis ist der Dresdner Orgelbauer Marcus Stahl. Aus seinen Händen und verschiedenen Materialien, wie Tierhäuten und Fliederholz, entstehen ausgefallene Orgeln, aus deren Pfeifen nicht nur barocke Lieder erklingen sondern auch zeitgenössische Musik.

Seit 2005 baut Stahl als „Portativ“ bezeichnete tragbare Orgeln sowie spezielle historische Orgeln, die „Regale“, genannt werden und die sich der Spieler auf den Schoß stellen kann. Zudem fertigt er „Positive“ genannte Haus- oder Truhenorgeln her. Seine Kunden sind Musiker, Orgel-Enthusiasten sowie kleine Kirchen und Kapellen. Die kommen mitunter auch von der anderen Seite der Erde in die Werkstatt nach Klotzsche, um das Instrument in Empfang zu nehmen. Wie eine Kundin aus Japan, die ein nach historischem Vorbild gefertigtes Portativ persönlich abholen wird.

Höchste Handwerkskunst: Der Stempel der Orgelpfeife wird mit weichem Ziegenleder abgedichtet. Quelle: Anja Schneider

„Orgel bauen ist wie Kochen“, sagt der Handwerker schmunzelnd. „Es braucht Rezepte, Zutaten, Mut und Schwung“. Bei vielem, wie dem Klang, ist eine sehr feine Abstimmung nötig. „Die besten Zutaten bringen nichts, wenn ich nicht abschmecken kann“, sagt Stahl. Seine Instrumente orientieren sich an historischen Vorbildern. Das Orgelgehäuse fertigt Marcus Stahl aus Holz. Dazu kommen die Pfeifen aus einer Zinn-Bleilegierung. Der Balg der Orgel wird aus feinem Leder, Pergament und Warmleim hergestellt. „Die Tasten bestehen oft aus Rinderknochen, weil das tierische Material härter ist als Holz“, erklärt der Orgelbauer. Für die empfindlichen Tastengelenke wird tierisches Pergament genutzt. „Als Orgelbauer braucht man ein Interesse für verschiedenste Materialien und deren Beziehung zueinander“, fasst Stahl zusammen.

Auch die Arbeiten sind sehr verschieden. Einerseits müssen schwere Bretter zersägt werden, um das Orgelgehäuse herzustellen. Auf der anderen Seite braucht Stahl viel Fingerspitzengefühl wenn es um das Intonieren der Pfeifen geht.

Die Wartezeit für eine seiner handgefertigte Orgeln kann bis zu drei Jahren betragen. Stahl ist fest davon überzeugt, dass der hochwertige Orgelbau bestehen bleiben wird. „Aber man muss idealistisch sein“, ergänzt er. Neben Musikern und Enthusiasten sind die Auftraggeber oft Kirchen. Doch immer mehr Kirchen schließen. Dadurch gebe es eine deutlich geringere Nachfrage und ein beachtliches Angebot an Gebrauchtorgeln, berichtet Stahl.

Orgelpfeifen aus Holz in der Werkstatt in Klotzsche. Quelle: Anja Schneider

Seit 27 Jahren fertigt und restauriert der aus Nordrhein-Westfalen stammende Handwerker Orgeln. Dass er den selten gewordenen Beruf erlernte, war Zufall. „Nach dem Abitur hatte ich keine Ahnung, welcher Handwerksberuf zu mir passt“, erinnert sich Stahl. Er besuchte einen Orgelbauer, um sich auszuprobieren. Die Arbeit gefiel dem Hobby-Musiker und er begann die dreijährige Ausbildung. Nach einer mehr als achtjährigen Wanderschaft durch England und Spanien verschlug es ihn durch ein Stellenangebot in der Landeshauptstadt. „Orgelbau drückt sich in verschiedenen Sprachen und Dialekt aus“, beschreibt Stahl die regionalen Besonderheiten und Unterschiede in dem Handwerk. Viele sächsische Orgeln orientieren sich an historischen Instrumenten, denn der Freiberger Gottfried Silbermann ist als Großmeister des Orgelbaus bis heute nicht nur für Sachsen prägend.

Der Orgelbau in Deutschland hat eine lange Tradition. Das hat auch die Unesco erkannt und Orgelbau und -musik als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Stahl freut sich über die dadurch wachsende Aufmerksamkeit für den traditionellen Beruf, der auch durch den Gebrauch digitaler Orgeln bedroht wird. Im Petersdom im Vatikan erklang am Heiligabend erstmals ein digitales Instrument statt einer traditionellen Pfeifenorgel im größten Kirchraum der Welt.

Die hellen Tasten der Tastatur der Orgel für Waldheim in Mittelsachsen bestehen aus Fliederholz. Quelle: Anja Schneider

Ein neuer Trend sei zudem, moderne digitale Steuerungstechnik in den Orgeln zu verbauen. Einige Spieler versuchen, der Orgelmusik damit neuen Schwung zu geben. In anderer Hinsicht hilft die moderne Technik dem traditionellen Orgelbau. „Youtube hat für mich eine wichtige Bedeutung“, sagt Stahl. Er lädt Videos hoch, in denen der Jazzmusiker Andreas Scotty Böttcher auf seinen Instrumenten improvisiert – und macht dadurch potenzielle Kunden aus aller Welt für seine Werkstatt in Klotzsche aufmerksam.

„Zwar leben wir im Zeitalter der Virtualität, aber noch gibt es Dinge, die unter keinen Umständen digitalisierbar sind“, ist Stahl überzeugt. Dazu gehören für ihn auch seine Musikinstrumente, denn nur „real“ kann die Orgel mit allen Sinnen wahrgenommen und künstlerisch durchdrungen werden. Letztlich gewinnen kann der Orgelbauer seine Kunden daher nur im persönlichen Kontakt mit seinen Instrumenten – ob in seiner Werkstatt in Klotzsche oder in mittlerweile über neun Ländern, in denen seine Orgeln klingen.

Von Tomke Giedigkeit

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