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Auto & Verkehr Ohne Umstieg zweimal über die Elbe: Die Linie 6

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Ohne Umstieg zweimal über die Elbe: Die Linie 6

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute: Linie 6.

Großer Passagierwechsel: Am Schillerplatz in Blasewitz, wo es Anschluss an den Regionalverkehr gibt, ist immer viel los.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. An diesem Tag wirken die Hochhäuser von Gorbitz besonders trist. Trotz des miesen Wetters muss Cristina Ruseva zur Arbeit. Dazu steigt sie an der Haltestelle Wölfnitz in die „6“. Sie hat ein Job-Ticket und ist zufrieden mit dem Nahverkehr. „Das klappt alles ganz gut“, sagt sie. Dann rollt die Bahn mit ein paar Passagieren los. Ein Fahrer schätzt, dass er auf der Strecke nicht so sehr aufs Tempo drücken müsse wie bei anderen Linien. „Der Zeitplan ist relativ entspannt.“

DNN-Serie "Auf Linie": Unterwegs mit der 6

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An der Kesselsdorfer Straße wird es voller, der Nieselregen scheint den Leuten aufs Gemüt zu schlagen. Einsteigen, Kapuze runter, Handy an. Kesselsdorfer Straße, Löbtauer Brücke, Löbtauer Straße. Das Sprachgewirr in der Bahn ist bunter als die Architektur vor den Fenstern. Von der Weißeritzstraße schwenkt die Bahn über die Jahnstraße auf die Könneritzstraße und nimmt Fahrt auf in Richtung Marienbrücke. Die „6“ überquert als einzige Straßenbahnlinie bei einer Fahrt zweimal die Elbe. Brückenschläge hat sie gleich mehrere in petto. Yenidze und Kongresszentrum ziehen vorbei, dann bietet sich auf der Brücke erstmals ein schöner Blick auf die Altstadt. Die neue Ballsporthalle am Eingang zum Ostragehege und das Kulturkraftwerk liegen nur einen Steinwurf von der Straßenbahntrasse entfernt. Inzwischen müssen die ersten Leute stehen. Am Neustädter Bahnhof vorbei geht es Richtung Albertplatz. Hier kann der aufmerksame Fahrgast das Kästner-Denkmal erspähen, die Ansage informiert über das dazugehörige Kästner-Museum. Der in Dresden geborene Schriftsteller, der seinen berühmten Emil in der Berliner Straßenbahn Diebe verfolgen ließ, hat einmal gedichtet, wer als Straßenbahn geboren ist, braucht Gleise.

Die unzufriedene Straßenbahn

Sie hasste die gewohnte Strecke,

sprang aus dem Schienenstrang heraus

und wollte endlich einmal gradeaus,

statt um die Ecke.

Ein Unglück gab’s. Und keine Reise.

Erinnert euch, bis ihr es wisst:

Wenn man als Straßenbahn geboren ist,

dann braucht man Gleise.

Da mag sich jeder seinen Teil denken. Klassenunterschiede, wie sie Kästner an anderer Stelle Anfang der 30er Jahre beschrieb, gibt es in der Straßenbahn nicht. Und die Passagiere wissen auch, wohin sie wollen. Frau Ruseva muss an der Rothenburger Straße aussteigen, verabschiedet sich mit einem Lächeln und kann nun auf die „11“ warten oder ein Stück zu Fuß gehen. Ein Dienstleister hat sie im Diakonissenkrankenhaus als Raumpflegerin eingesetzt.

Die etwas andere "Linie 6"

Jahrzehntelang hatte die Straßenbahnlinie 6 eine bekannte Doppelgängerin. Die legendäre „Linie 6“ hieß zu DDR-Zeiten lange „Maygarten“ und war über all die Jahre eine Gaststätte an der Ecke Maystraße/Schaufußstraße mit Kultstatus. Schauspieler, Dynamo-Fußballer und andere Prominente gaben sich die Klinke in die Hand. Seit Mitte der 80er Jahre hieß die Lokalität „Linie 6“, in Anlehnung an die Trasse in der Nähe. Die Gaststätte war im Straßenbahnstil eingerichtet. Es gab Auftritte von Entertainerin Dorit Gäbler, der Ehefrau des Betreibers Karl-Heinz Bellmann. Vor dem Gebäude stand eine alte Straßenbahn, die nach der Jahrtausendwende fliegen lernte. Die Gaststätte hatte inzwischen geschlossen, die Räume wurden zu Wohnungen umgebaut. Die Straßenbahn-Idylle ging aber nicht verloren. Der Straßenbahnwagen „Helene“, der 1898 gebaut wurde und jahrzehntelang an der Schaufußstraße vor dem Lokal stand, kam nach der Restaurierung durch BMS-Stahlbau Ostritz in die Museumsgaststätte „Dresden 1900“ am Neumarkt. Vor ziemlich genau zehn Jahren, im August 2007, schwebte sie an einem Kran in ihr neues Domizil. Auch Karl-Heinz Bellmann und Dorit Gäbler sind dort noch heute zu erleben.

Für die Bahn-Passagiere geht es weiter mit dem nächsten Altstadtblick von der Albertbrücke aus. Ein freundlicher älterer Herr will keine Fragen beantworten, sondern die Fahrt genießen. Eine Frau am Fahrkartenautomaten in der Bahn lobt die Hilfsbereitschaft der Fahrer und den Nahverkehr überhaupt. Das sieht eine junge Frau etwas anders. Ein kritischer Blick aufs Handy verrät ihr, dass die Bahn eine Minute im Verzug ist. „Ich muss doch meinen Bus bekommen“, sagt die Schülerin, die auf dem Weg nach Hause ist.

Es geht durch die Johannstadt, vorbei an der Trinitatiskirche. An der Uniklinik wird es noch mal richtig voll. Junge Menschen werten die letzten Party-Erfahrungen aus und schmieden Dienstpläne fürs Wochenende. Einer nimmt einen ganz besonderen Brückenschlag ins Visier. „Mit 30 lasse ich mich einfrieren“, meint er. Bis dahin geht das bestimmt, pflichtet ihm eine Begleiterin bei. Die Bahn schaukelt durch das Blasewitzer Villengebiet. Inzwischen sind auch Brigitte Greiner und Horst Bukowski zugestiegen. Sie wohnen am Fetscherplatz und sind am Stadtrand zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. „Die Verbindungen mit dem öffentlichen Nahverkehr sind vollkommen in Ordnung“, meint Frau Greiner. „Mit dem Handy-Ticket ist das alles ganz einfach“, ergänzt Herr Bukowski. „Noch eine Haltestelle“, ruft ein kleines Mädchen und schon ist der Schillerplatz und die nächste Brücke erreicht. Das Blaue Wunder bleibt links liegen. Im Normalfall geht es später in Tolkewitz zwischen Johannisfriedhof und Schul-Campus hindurch. Aktuell laufen auf der Wehlener Straße gerade Bauarbeiten, deswegen liegen die Dinge für die „6“ derzeit etwas anders.

Steckbrief Linie 6

Linienverlauf: Niedersedlitz - Tolkewitz - Schillerplatz (Blaues Wunder) - Sachsenallee - Bahnhof Neustadt - Bahnhof Mitte - Cottaer Straße - Löbtau - Wölfnitz

Linienlänge: 19,1 Kilometer

Fahrzeit: 62 Minuten

Haltestellen: 48

Fahrgastzahlen: 34.700 Fahrgäste pro Werktag (2016)

Neuralgischer Punkt für den Bahnfahrer ist die Engstelle auf der Alttolkewitzer Straße. „Man muss immer konzentriert sein“, erklärt Fahrerin Beate Plath nach der Ankunft an der Endhaltestelle am Niedersedlitzer Bahnhof. Um die nächste Ecke herum kann schon etwas passieren. Diese ständige Aufmerksamkeit und die Schichtdienste zählt Frau Plath zu den Herausforderungen des Jobs. Sie ist früher in Cottbus Straßenbahn gefahren, seit sieben Jahren ist sie in Dresden unterwegs. Viel Zeit zum Schwatzen hat sie nicht. Für sie geht es wieder zurück nach Gorbitz.

Von Ingolf Pleil

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