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Lokales Voller Körpereinsatz bei der Palais-Revue im Kurländer Palais
Dresden Lokales Voller Körpereinsatz bei der Palais-Revue im Kurländer Palais
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19:10 25.11.2018
Lea Roth und The Pearlettes bei der Dinner-Show. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Lange hatte Pole Dance mit einem extrem anrüchigen Ruf zu kämpfen. Fiel noch vor wenigen Jahren der Begriff, tauchte bei den meisten sofort das Bild von einer der letzten großen Bastionen des Mannes auf, wo man so etwas wie Frauenabende nicht kennt: Einer angeranzten Strip-Bar, in der Frauen vor Dumpfbacken mit Y-Chromoson an einer Stange (englisch: Pole) und von nicht allzu viel an Textilien eingehüllt „tanzen“.

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Pole Dance eine schweißtreibende Kreuzung aus Kraftsport, Akrobatik Modern Dance, Yoga und Pilates ist, die als Fitness-Trend zunächst vor allem in Australien und Großbritannien en vogue war, nun aber auch nach Deutschland übergeschwappt ist. Keine Ahnung, wie die Ansicht in der Redaktion der Emma über Pole-Dance ist, aber in der Brigitte war mal zu lesen: „Diese Frauen feiern sich und ihre Körper, sie sind stark wie Amazonen.“

“Wenn Pole Dance einfach wäre, würde es Fußball heißen“

Nun sind die Künste einer solchen Amazone in Dresden zu bewundern, nicht in einer einschlägigen Bar, sondern im Kurländer Palais, denn eine der Künstlerinnen, mit der die diesjährige Palais-Revue dort aufwartet, ist die Pole-Akrobatin Lea Roth, zweifache deutsche Meisterin in ihrer Disziplin. Roths Darbietung ist weit entfernt vom Gehampel eines Nummerngirls, stattdessen ist sie dank ihres durchtrainierten Körpers und entsprechender Muskeln in der Lage, überaus ambitionierte Figuren zu zeigen, ob nun das „Iron X“, bei dem sie mit beiden Hände an der Stange hängt und der Körper mit gespreizten Beinen waagerecht in der Luft zu schweben scheint, oder das „Knee hold“, bei dem die Artistin lediglich an einem Knie waagerecht an der Stange hängt, ohne die Hände zu benutzen. Tja, wenn „Pole Dance einfach wäre, würde es Fußball heißen“ lautet ein Spruch der Pole-Dance-Szene.

Palais-Revue im Kurländer Palais

Gänzlich ohne Stange kommt Handstandäquilibrist Andrey Spatar aus Kiew aus, bei dessen Darbietung man ebenfalls keine nennenswerten Abzüge in der A- und B-Note mache muss. Der Ukrainer hat einen Körper, der jeden Spargeltarzan im Saal „das Gefühl gibt, dass er unbedingt doch mal ins Fitness-Studio gehen sollte“, wie Sammy Tavalis zu Beginn der Revue, die von ihm als Regisseur in Szene gesetzt wurde, die Zuschauer wissen ließ. Tavalis, der in punkto Augen mit Kermit dem Frosch verwandt sein könnte, führt auch als Conférencier durch den Abend, ist überhaupt ein Allround-Künstler. Auf den bizarrsten selbstgebauten Instrumenten macht er Musik, auf einem weiterentwickelten Daumenklavier etwa bringt er ein Medley aus Sting, Bach und Norbert Schultze zu Gehör.

Luftakrobatik am Vertikalseil

Schultze? Nun, ist nicht so bekannt, wohl aber die von ihm komponierte Melodie, zu dem Lied Lili Marleen, das man kennen sollte, auch wenn man nicht zu jenen Jahrgängen gehört, die einst in dunklen NS-Zeiten dem Soldatensender Belgrad lauschten. Den meisten Beifall erntet Tavalis, als er eine Art „Howardine Carpendale“ im Kleid und mit piepsiger Mickey Mouse-Stimme zum immer schneller abgespielten Song „Dann geh doch“ bewegt. Manche Sprüche, die er klopft, sind nicht schlecht, andere sind ziemlich altbacken. Die Nummer, wo er als Inder drapiert allerlei Zauberei-Slapstick-Einlagen zeigt, könnte man als peinliche Lächerlichkeit abtun, andererseits habe ich mal in einem indischen Dorf einen „Magier“ gesehen, der ähnlich agierte, also würde ich sagen, die Sache geht in Ordnung.

Das musikalische Zepter schwingen weitgehend The Pearlettes. Das Damen-Trio begeistert das Publikum nicht nur mit Evergreens und mitreißenden Hits von den 30ern bis in die 50er, sondern zieht auch mit Tanzeinlagen und durchaus wunderbar femininer Ausstrahlung in den Bann. Hosen? Haben die Pearlettes vielleicht zu Hause an, aber definitiv nicht auf der Bühne! Jeder der schlichtweg hinreißend interpretierten Hit besticht durch hohen Schau- und Unterhaltungswert und das gilt auch für das, was Bianca Capri an Luftakrobatik am Vertikalseil zeigt. Verschiedene Handschlaufen ermöglichen bemerkenswerte Kombinationen und Variationen, einmal dreht sich mit derart atemberaubender Geschwindigkeit, dass sie an eine flirrende Spindel erinnert.

Alles in allem ist der Abend nicht schlecht, ja an sich sehenswert, aber der Neuigkeitsfaktor in Sachen Akrobatik und sonstiger „Kleinkunst“ hält sich in Grenzen. Die Künstler wechseln, aber die Form nicht. Man kann nicht umhin, die Macher der Shows im Kurländer Palais dazu zu ermuntern, doch mal neue Wege zu beschreiten, so beschränkt die Platzmöglichkeiten im „Dark Room“ des Kurländer Palais auch sein mögen.

Bis 6.1.2019, nicht tgl., Tickets je nach Wochentag und Platzgruppe inklusive Gourmet-Menü 58,50 Euro

www.palais-revue.de

Von Christian Ruf

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