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Natur- und Umweltschule Dresden vor dem Aus

Verhandlung am Oberverwaltungsgericht Bautzen Natur- und Umweltschule Dresden vor dem Aus

Die Natur- und Umweltschule Dresden muss um ihre Existenz bangen. Bisher gibt es noch keine Duldung für das Schuljahr 2017/2018, das am Montag beginnt. Die Sächsische Bildungsagentur, das Sächsische Oberverwaltungsgericht oder das Bundesverfassungsgericht könnten das noch ändern.

Wie weiter mit dem Unterricht im Wald?

Quelle: Julia Vollmer

Dresden. Haben die 64 Schüler der Natur- und Umweltschule in Klotzsche am Montag ihren ersten Schultag? Das ist ungewiss. Der Schulstart wird zur Hängepartie. Das wurde vor dem Sächsischen Oberverwaltungsgericht in Bautzen deutlich: Die Schule in Trägerschaft des Verbunds Sozialpädagogischer Projekte e.V. ist vom Wohlwollen der Sächsischen Bildungsagentur (SBA), Regionalstelle Dresden, abhängig. Die mit der Thematik befassten SBA-Mitarbeiter zeigen indes wenig Wohlwollen für die freie Schule. „Das Vorgehen der Verantwortlichen hat uns den letzten Nerv geraubt. Oder die Geduld“, erklärte Regierungsdirektor Gotthard Dorzok.

Die Situation ist paradox: Vor dem OVG streiten SBA und Trägerverband um die Frage, ob die Schule einen Anspruch auf Genehmigung ihres pädagogischen Konzeptes hat. Oder juristisch formuliert: Ob nach Artikel 7 Absatz 5 des Grundgesetzes ein besonderes pädagogisches Interesse an der Errichtung und dem Betrieb der Natur- und Umweltschule als Ersatzschule vorliegt. Gleichzeitig läuft der Schule, über deren Konzept gestritten wird, die Zeit davon. Denn die Einrichtung wird nur mit Duldung der SBA betrieben. Diese liegt für das neue Schuljahr nicht vor, so dass das Aus für die Schule besiegelt sein könnte.

Letzter Ausweg: Der Gang nach Karlsruhe

Drei Hoffnungsschimmer gibt es noch: Die SBA könnte sich dazu durchringen, die Schule ein weiteres Jahr zu dulden, um keine vollendeten Tatsachen vor Abschluss des Prozesses zu schaffen. „Ich sehe mich außerstande, die Entscheidung alleine zu treffen“, erklärte der Regierungsdirektor, „dazu muss ich Rücksprache mit dem Ministerium nehmen.“ Sollte sich der Daumen senken, könnte der 2. Senat des OVG unter Vorsitz von Matthias Grünberg per einstweiliger Anordnung die staatlichen Behörden dazu verpflichten, die Schule noch ein Jahr zu dulden. Geschieht das nicht, könnte der Trägerverein Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe einreichen, wie Rechtsanwalt Martin Sträßer erklärte.

„Es wäre katastrophal, wenn die Schule jetzt schließen müsste“, wies der Anwalt auf die Folgen hin. Sollte der Senat nämlich später zu der Auffassung kommen, dass die Schule genehmigungsfähig ist, wäre irreparabler Schaden entstanden. „Nach einem Jahr Pause kommt man nicht mehr auf die Füße“, so Sträßer. Grünberg hatte mehrfach durchblicken lassen, dass der Senat die Sache noch nicht für entscheidungsreif hält, sondern externen Sachverstand durch einen Gutachter hinzuziehen will. „Wir beantworten juristische Fragen, aber bewerten keine pädagogischen Konzepte“, erklärte der Vorsitzende.

Erst nach den Winterferien könnte es weitergehen

Am Mittwoch will der Senat seine Entscheidung verkünden. Neben dem Beweisbeschluss, ein Gutachten in Auftrag zu geben, könnte aber auch eine Ablehnung des Schulkonzeptes stehen, erklärte Grünberg. „Vielleicht benötigen wir den Gutachter gar nicht“, stellte er in den Raum. Falls es aber zum Gutachten kommt, wird sich vor den Winterferien nichts mehr in der Sache tun, vermutete der Vorsitzende. Erst dann könne der Senat einschätzen, wie einmalig das pädagogische Konzept ist.

Die SBA hat sich längst ihr Urteil über das Konzept und den Träger gebildet, und das ist vernichtend. „Es liegt für uns auf der Hand, dass es völlig aussichtslos ist, das Konzept in unseren Breitengraden umzusetzen“, erklärte der Regierungsdirektor. Beim Unterricht im Wald, den die Schule postuliere, seien die Schüler unvorhersehbaren Gefahren ausgesetzt. Ein Waldplatz ohne Unterstand sei eine risikobelastete Umgebung, Bäume könnten umstürzen. Die Kinder seien der Gefahr von Zeckenbissen ausgesetzt und hätten keine Möglichkeit, ihre Unterlagen abzulegen, so Dorzok. „Die Einrichtungen der Schule sind unzulänglich.“

Konzept wird seit sechs Jahren praktiziert

Sträßer entgegnete: „Besser als dadurch, dass man das Konzept seit sechs Jahren praktiziert, kann man das Funktionieren nicht beweisen.“ Die Natur- und Umweltschule sei deutschlandweit einmalig und setze Maßstäbe. „Ersatzschulen müssen staatlichen Schulen nicht gleichartig sein, sie können und sollen anders sein“, so der Rechtsanwalt.

Unterricht im Wald bei strömendem Regen

Bei mehreren Besuchen seien katastrophale Zustände in der Schule festgestellt worden, so Dorzok. Eine Mitarbeiterin der SBA habe eine Schulklasse bei strömendem Regen im Wald angetroffen. Wasser sei in die Schulranzen getropft, die Schüler hätten nichts notieren können, weil die Tinte auf den nassen Blättern verlaufen sei. Beim Unterricht sei es um Äpfel gegangen. Wieso das Thema im Wald und nicht auf einer Obstplantage abgehandelt wurde, habe sich ihr nicht erschlossen, so die Mitarbeiterin.

Bei einem zweiten Besuch der SBA kurz nach einem Sturmtief hätten sich Schüler im Wald aufgehalten, obwohl vor dem Betreten gewarnt worden sei. Die Kinder seien von einer Waldpädagogin und einer Sozialpädagogin betreut worden, aber nicht von einer ausgebildeten Lehrkraft. Überhaupt: Bei Gründung der Schule 2011 habe nur eine Pädagogin die erforderliche Qualifikation besessen. Laut Sträßer sind mittlerweile vier examinierte Lehrkräfte angestellt.

„Wir fühlen uns vorgeführt“, so Dorzok. Es habe immer neue Versuche der SBA gegeben, die Schule zu einem Konzept hinzuführen. „Das wurde aber nie umgesetzt. Jetzt soll es so weitergehen“, vermutete er und verwies auf eine andere private Schule in Dresden, deren Konzept im ersten Anlauf auch abgelehnt worden sei. „Aber die Verantwortlichen dort haben uns gefragt, was sie tun können. Ein Jahr später konnte die Schule gegründet werden.“

Die Verhandlung auf der Ortenburg in Bautzen wurde von zahlreichen Eltern und Lehrern verfolgt, die einen Sticker mit der Aufschrift „NuS ist Muss“ trugen. Der kleine Verhandlungssaal platzte aus allen Nähten, zusätzliche Stühle mussten aufgestellt werden. Teilweise bekundeten die Zuhörer ihren Unmut, wenn sich Vertreter der SBA äußerten.

Sollte es keinen Ausweg für die Schule geben, müssten die Schüler kurz vor Schuljahresbeginn auf andere Schulen verteilt werden. Das wäre ein Kraftakt für das Schulverwaltungsamt der Landeshauptstadt Dresden.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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