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Lokales Nach einem Jahr verlässt Jugendfrei-Kolumnistin Helena Kiess Indien – nicht ohne Wehmut
Dresden Lokales Nach einem Jahr verlässt Jugendfrei-Kolumnistin Helena Kiess Indien – nicht ohne Wehmut
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15:10 18.09.2015
Während ihres Aufenthalts hat Helena viele neue Freunde gefunden. Auf einer einen ganzen Tag währendenTour durch ihr Dorf verabschiedet sie sich von allen Menschen, die ihr wichtig sind. Quelle: Helena Kiess
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Den letzten Tag meines Freiwilligendienstes in Indien beginne ich mit einem südindischen Frühstück in meinem Lieblingsrestaurant, dessen familiärer Charakter davon lebt, dass neben Plastik-stühlen und -tischen, Bergen an Bananenblättern und großen Töpfen mit Selbstgekochtem auch Fernseher und Hausaltar der Familie ihren angestammten Platz in dem kleinen Raum haben. Mit dem wohligen Gefühl vier kleiner Reisdampfkuchen im Magen, die mit Tomaten- und Kokosnuss-Chutney gereicht werden, begebe ich mich auf eine Abschiedsrunde durch das Dorf, die zugleich auch eine gedankliche Reise durch die Höhen und Tiefen meines Jahres in Indien ist.

Wie immer werden meine Augen wie magisch von den bunten Mandalas aus Reismehl angezogen, die im Morgengrauen von den Frauen und Töchtern des Dorfes auf dem Stück Straße vor der Haustür erschaffen werden. Für mich sind die mit Bedeutung aufgeladenen vergänglichen Kunstwerke nicht nur Symbol für die überbordende Gastfreundschaft, der ich im Laufe des Jahres begegnete, sondern auch für alles andere, was das Dorfleben ausmacht: Familie, Nachbarschaft, die Nachhaltigkeit eines einfachen Lebens und die Schönheit von Tradition. Gleichzeitig muss ich an die anderen Gesichter Indiens denken – Verwestlichung, Konsum, IT-Hochburgen, Luxus und Megastädte – sie erscheinen mir im Lichte der Dorfidylle fast ein wenig kalt.

In den Räumlichkeiten des CSC angekommen, in denen ich eine kleine Abschiedsfeier mit beschriftetem klebrigen Kuchen, herzhaften Teigtaschen, Blumen, Fotos und Luftballons organisiert habe, labe ich mich an der Zärtlichkeit indischer Gesten: Zwei an der Seite zusammengenähte Teddybären, die ein herzförmiges Körbchen tragen, werden mir zum Abschied von meinen Kollegen überreicht. Mein Kuchenstück darf ich nicht selbst essen – ich werde gefüttert. Das Glück, das ich angesichts dieser kleinen Dinge empfinde, spiegelt das des letzten Jahres wider: Wenn meine Kollegen jegliche von zu Hause mitgebrachten Snacks und manchmal gar das Mittagessen mit mir teilten, wenn wir aufgrund von Stromausfall stundenlang zusammen Kokosnüsse schnippelten oder wenn mich ein jeder von ihnen zu sich nach Hause in den Kreis der Familie einlud, fühlte ich mich pudelwohl.

Als mich meine Kollegin auf der Rückbank ihres Mopeds mit zu den Menschen nimmt, mit denen ich in diesem Jahr zusammenarbeiten durfte, bin ich stolz, Teil einer NGO gewesen zu sein, die mit dem Ansatz der recht zähen, aber wirksamen Graswurzelarbeit seit Jahren unermüdlich versucht, die soziale und wirtschaftlich Situation des Dorfes zu verbessern. Mit Erfolg: Die anfänglich hohe Selbstmordrate ist dramatisch zurückgegangen, vor allem in der Stärkung der Rolle der Frauen scheint großes Potenzial zu schlummern. Ein Ereignis der besonderen Art rührt mich an: Obwohl sich meine NGO dem Kampf gegen das menschenfeindliche Kastensystem verschrieben hat, verbot mir meine Kollegin einst, in das Haus einer Dorffreundin zu gehen, ich könnte davon verunreinigt werden. Am Tag meines Abschiedes springt sie über ihren Schatten, zusammen trinken wir im Haus meiner Freundin, die erstaunliches Fremdsprachen- und Rhetoriktalent hat, ein Glas Milch. Meine Kollegin ermutigt sie, eine Partei zu gründen und für die Rechte von Kastenlosen zu kämpfen.

Zu guter Letzt verabschiede ich mich von allen Menschen im Dorf, zu denen ich im Laufe des Jahres Freundschaften geknüpft habe. Muthal, bei der ich wöchentlich zum Chai geladen war, macht mir dabei ein Geschenk der besonderen Art: Aus ihrem Hausaltar holt sie einen blauhäutigen Krishna aus Ton, den sie mir mit der Mahnung, ihn jeden Morgen zu waschen und für Ehemann, Eltern, Kinder und Geschwister zu beten, überreicht. Auch ein kleines Passfoto, von dem sie ernst in die Kamera blickt, überlässt sie mir der Erinnerung wegen. Mit meiner besten Freundin, die ebenfalls Christin ist, besuche ich ein letztes Mal die weiß-blaue Kirche im Dorf. Dem besonderen Tag huldigend hängen wir einer Jesus-Statue Blumenketten aus Jasmin um, berühren seine Füße und bitten um Segen.

Religion – ein menschliches Phänomen, das mir in Indien so oft begegnete und zu einem Herzensthema geworden ist. Nach einem langen Tag im Schoße des Dorfes stehe ich zum letzten Mal am Straßenrand neben der Mangofrau, die ihre Ware unter einem Sonnenschirm aufgebaut hat. Als sich mein bunt blinkender Bus nähert, dessen anhaltendes Hupen die Businsassen beschallende fetzige tamilische Musik nicht zu übertönen vermag, strecke ich flugs meine Hand dem Busfahrer zum Signal heraus. Eingequetscht zwischen Frauen in Saris, meinen Blick aus dem Fenster auf Reisfelder schweifen lassend, weiß ich, dass ich in Indien eine Familie und zweite Heimat gefunden habe.

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