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Lokales Nach einem Jahr in Indien kehrt Helena nach Deutschland zurück
Dresden Lokales Nach einem Jahr in Indien kehrt Helena nach Deutschland zurück
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14:28 18.09.2015
Helena Kiess Quelle: Helena Kiess
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Das erste, was ich von Deutschland sehe, ist ein Obi-Markt von oben, der sich gräulich in den bunt gemusterten Flickenteppich aus Wiesen und Feldern, Dörfern und Wäldern einfügt. Ein Vorbote der deutschen Seele? Am Flughafen Hamburg angekommen, ist es die überwiegend weiße Hautfarbe der Menschen, die mich verwundert – und die deutsche Sprache: plötzlich kann ich wieder jedes Wort meiner Mitmenschen verstehen.

Nachdem ich fast eine Stunde auf meinen großen Reiserucksack gewartet habe – diverse Pülverchen, Gewürzmischungen und traditionelle südindische Küchenmesser scheinen die Spürhunde der Zollaufsicht zu verwirren – liege ich meinem Papa gekleidet in Sari und Goldschmuck wie ein heulender Schlosshund in den Armen Auf der fünfstündigen Autofahrt nach Dresden wähne ich mich bestätigt in meiner spontanen These über die deutsche Seele: Ein ordentliches kleines Dorf liegt an der linealgeraden Autobahn neben dem anderen, die Sechs-Uhr-Glocken einer Kirche läuten, die Städte sind leer, oh so leer … Nichts hupt. Nichts kuht. Reiz- und Mülllosigkeit. Ordnung und Stille.

In den nächsten Tagen und Wochen befinde ich mich in einem Wechselbad der Gefühle. Euphorisch entdecke ich, dass es in Deutschland im Gegensatz zu den indischen Metropolen, die ihre Seele im Zuge der „McDonaldization“ verloren, noch vieles Traditionelles, Wahres, Echtes zu entdecken gilt: Fachwerkhäuser, an denen sich Wein entlanghangelt, sächsische Eierschecke in einer Traditionsbäckerei, Bier aus der Region im sommerlichen Garten, von Geranien gesäumte Fenster … Barockes Dresden, Dresden der Frühromantik, Dresden, das mit der „Bunten Republik Neustadt“ einen ganzen Stadtstaat umschließt: Die Identität meiner Stadt scheint komplex.

Im Rahmen meines Nebenjobs, Obst und Gemüse zu verkaufen, begegnen mir Menschen, die mit ihren Geschichten mein Bild von Dresden weiter verändern, es zu einem regelrechten Wimmelbild werden lassen: Mein Standnachbar, der Kornäpfel aus dem eigenen Garten verkauft, berichtet mir von seiner Jugend in der DDR und von der Verwirrung angesichts des neuen konsumorientierten Geistes nach der Wende. Ein iranischer Medizinstudent hat seinen Vater im Schlepptau, der ihn das erste Mal in Deutschland besucht und mir flugs eine grüne, zusammenklappbare Gemüsekiste abkauft, die später im Iran landen soll. Sein Sohn verspricht mir dafür, bald persisches Essen an den Stand zu bringen. Ein Mann kauft mir ein Erdbeeren ab.Für die Asylsuchenden in der Zeltstadt Dresdens fallen ihm nur Schimpfwörter und rassistische Bemerkungen ein. Ich wundere mich.

Auch sonst komme ich aus dem Staunen nicht heraus, wenn ich Deutschland plötzlich aus der „indischen“ Perspektive beobachte: Die ausgeprägte Freizeitorientierung der Deutschen – überall sieht man Menschen joggen, walken oder skaten – steht im extremen Kontrast zur dörflich-indischen Häuslichkeit. Die freizügige deutsche Körperkultur stößt sich stark an meiner Gewöhnung an luftige Schals und Beine und Schultern bedeckende Kleidung. Fahre ich mit meinem Fahrrad durch die Straßen werde ich aus für mich unerfindlichen Gründen ständig angehupt und des Aufwieglertums bezichtigt. Eine Art Schlüsselmoment erlebe ich in Frankfurt am Main, wo ich gefühlt vierzig Menschen ansprechen muss, um meinen 50-Euro-Schein klein zu wechseln: Ich beschließe der deutschen Rauheit und Argwohn gegenüber Fremden, die mir in dem Moment Tränen in die Augen treiben, mit großen Dosen indischer Herzlichkeit und Offenheit zu begegnen.

Auch sonst suche ich in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr nach Möglichkeiten, die in Indien aufgestöberten Herzensthemen in mein Leben in Deutschland zu integrieren: An einem Sonntag im August besuche ich einen christlichen Gottesdienst, der mich mit dem anwesenden diamantenen Hochzeitspaar, dem schwarzen Tallar der Pfarrerin, der schwelgerischen Tango-Musik, die durch den Bauch der Kirche hallt und einer mit philosophischen, theologischen und psychologischen Weisheiten gespickten Predigt zu begeistern mag. Vielleicht ist dies Aufgabe meiner in einer globalisierten Welt lebenden Generation: Angesichts aufeinanderprallender Realitäten die eigene Identität nicht zu verlieren, sich ein Heimatgefühl zu bewahren und dennoch die Schönheiten fremder Kulturen in die eigene Lebenswelt zu integrieren. An einer Brezel mümmelnd, ein blaues Wunder im Rücken und den Blick auf die Elbhänge gerichtet mache ich mir das innerliche Versprechen, die Herausforderung anzunehmen.

Helena Kiess

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