Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Nach der Fliegerbombe: In Dresden-Johannstadt kehrt wieder Ruhe ein
Dresden Lokales Nach der Fliegerbombe: In Dresden-Johannstadt kehrt wieder Ruhe ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:21 09.09.2015
Am Freitagmorgen gegen 8 Uhr ist bei Bauarbeiten in Dresden-Johannstadt eine Bombe gefunden worden. Quelle: dpa
Anzeige

Den erlösenden Funkspruch, das alles vorbei ist, setzte Klemig am Sonnabend, 4.13 Uhr, an das Einsatzzentrum der Polizei ab. Hinter den Johannstädtern lagen da bereits viele nervenaufreibende Stunden. „Das war auch für mich kein alltäglicher Einsatz“, sagt Holger Klemig.

Der Riesaer arbeitet schon lange für den sächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst und hat an der Gerokstraße seine 209. Bombe erfolgreich entschärft. Die Nacht von Freitag zu Sonnabend wurde für ihn zur Belastungsprobe. 17 Stunden lang musste Klemig warten, bis er den Aufschlagzünder der britischen Fliegerbombe unschädlich machen durfte. So lange zog sich die Evakuierung der Häuser in einem Umkreis von 400 Metern hin. „Irgendwie vergeht die Zeit. Man unterhält sich mit den Kollegen über dieses und jenes“, beschreibt Klemig. Doch als er dann endlich vom Einsatzzentrum auf dem Gelände des Elbeflohmarktes ausrücken darf, ist es bereits nach 3.30 Uhr. Und der Sprengmeister eine gefühlte Ewigkeit auf den Beinen. Trotzdem muss er nun von jetzt auf gleich absolut konzentriert sein. Ein einziger Fehler könnte sein letzter sein.

„Es handelte sich zum Glück um einen gängigen Zünder, der bei vielen englischen Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg verwendet wurde. Dennoch schwingt natürlich immer Anspannung mit, denn der Zünder war nach fast 70 Jahren immer noch scharf.“ Dass sich die Evakuierung derart in die Länge zog, hatte verschiedene Ursachen. Zunächst fehlten Polizisten, zusätzliche Kräfte mussten erst aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg anreisen. Insgesamt waren 300 Beamte im Einsatz. Dann stellten sich nicht wenige Mieter in den umliegenden Plattenbauten quer. Sie schlossen sich in ihren Wohnungen ein, so dass die Polizei erst mühsam die Türen aufbrechen musste. Auch nachts plötzlich aufflammende Lampen in eigentlich leeren Wohnungen riefen die Einsatzkräfte auf den Plan. „Es ist eben etwas anderes, ob man einen sozialen Brennpunkt evakuiert oder wie im Januar die Pirnaische Vorstadt“, meinte ein wütender Feuerwehrmann.

Im Rahmen der Evakuierung, die nicht wie erhofft gegen 23 Uhr, sondern erst um 3 Uhr abgeschlossen war, wurde an der Dürerstraße auch ein Hund erschossen. Das Tier hatte sich losgerissen, als die Polizeibeamten an der Tür des Halters klingelten. Der Hund rannte auf die Straße direkt auf eine Familie mit Kleinkind zu und attackierte deren Hund. Die Polizisten sahen sich gezwungen, das aggressive Tier zu töten, da Gefahr für Leib und Leben bestand.

Fast 500 Johannstädter verbrachten die Nacht in Notunterkünften. Hier schenkten Helfer Suppe und Tee aus, zudem standen zahlreiche Feldbetten bereit. „Die übrigen Anwohner aus dem Evakuierungsradius kamen offenbar bei Verwandten und Bekannten unter“, sagte Polizeisprecher Thomas Geithner. Bauarbeiter hatten die Fliegerbombe am Freitagvormittag auf der Baustelle für die neue Rettungswache Johannstadt entdeckt. Auf dem Grundstück zwischen Hopfgartenstraße und Stephanienweg befand sich früher ein Plattenwerk. Bei den Luftangriffen im Februar 1945 war die Johannstadt bis auf wenige Straßenzüge zerstört worden. Ungefähr drei Viertel aller Gebäude fielen Bomben und Feuersturm zum Opfer, etwa 2000 Johannstädter verloren laut Historikerkommission ihr Leben. Auf Blindgänger stoßen Bauarbeiter im Stadtgebiet immer wieder. „Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Bis Dresden hundertprozentig bombenfrei ist dauert es noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte“, ist sich Holger Klemig sicher.

Für ihn und seinen Assistenten Hans-Peter Schmidt ging es nach der Entschärfung nicht direkt ins Bett, sondern erst noch nach Zeithain ins Kampfmittelzerlegezentrum. Dort landete der Sprengkörper zunächst in einem Bunker, um irgendwann zersägt und verbrannt zu werden.

chs

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

56 % der Dresdner lehnen den Bau der Hafencity am Neustädter Hafen ab, 29 % votieren für den Bau. Das ist ein Ergebnis des DNN-Barometers des Instituts für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden.

09.09.2015

Geschneidert, gehäkelt, ausgesägt, gedrechselt, bedruckt, gefilzt, gestanzt, gebacken, getöpfert, recycelt – beim zweiten Dresdner DaWanda-Kreativmarkt gibt es Selbstgemachtes in schierer Unendlichkeit zu bestaunen.

09.09.2015

Mehr als 20 Stunden nach ihrer Entdeckung ist am frühen Sonnabendmorgen die Fliegerbombe in Dresden-Johannstadt entschärft worden. Sprengmeister Holger Klemig und sein Assistent Hans-Peter Schmidt vom Kampfmittelbeseitigungsdienst schraubten den Aufschlagzünder im Heck des Fünf-Zentner-Sprengkörpers heraus.

09.09.2015
Anzeige