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Lokales Nach Amputation beider Beine: Dresdner kann wieder laufen
Dresden Lokales Nach Amputation beider Beine: Dresdner kann wieder laufen
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09:20 09.11.2018
Ein Dresdner lernt mit zwei Prothesen noch einmal das Laufen. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Hagen Lehmann hat mit 63 Jahren noch einmal Laufen gelernt – mit zwei neuen Beinen. Mittlerweile tragen seine Prothesen ihn bis in den dritten Stock seiner Wohnung. Bis dahin war es allerdings ein steiniger Weg. „Dass beide Beine amputiert werden müssen, ist selten“, sagt Sven Kaufer. Er ist Chefarzt der Geriatrischen Rehabilitationsklinik und der Abteilung Akutgeriatrie am Städtischen Klinikum Dresden an den Standorten Löbtau und Neustadt/Trachau.

Aufgrund von Diabetes mellitus kommt es 2016 zu schweren Durchblutungsstörungen im linken Fuß von Lehmann. Umgangssprachlich wird diese Störung oft als „Verkalkung der Gefäße“ bezeichnet. „Außerdem führt die chronische Zuckerkrankheit dazu, dass Nerven geschädigt werden“, erklärt Kaufer.

Das bedeutet, die Schmerzempfindlichkeit und das Berührungsempfinden lassen nach. Ein zu heißes Fußbad, Stoßen an der Tür oder beispielsweise ein Stein im Schuh werden beim diabetischen Fußsyndrom nicht bemerkt. „Es kam schon vor, dass ein scharfkantiger Kronkorken im Schuh nicht bemerkt wird und in die Verletzungen in der Folge ein Geschwür verursachten“, berichtet Kaufer.

Etwas mehr Männer betroffen

„Von einem Diabetischem Fuß sind etwas mehr Männer als Frauen betroffen“, sagt Kaufer. Weil das natürliche Schmerzempfinden gestört ist, kommt es schneller zu Verletzungen am Fuß. Gleichzeitig führt die Mangeldurchblutung der Gefäße dazu, dass auch kleine Wunden nicht mehr richtig heilen. Das Risiko, schlecht heilende Wunden an den Füßen zu entwickeln, ist beim Diabetiker bis zu 50 Mal höher als beim Nichtdiabetiker.

„Wir wollen mit möglichst wenig einschränkenden Maßnahmen helfen“, sagt Kaufer. Dazu zählen das Abtragen des zerstörten Gewebes, die Verbesserung der Durchblutungssituation, die Behandlung von Infektionen und das Anwenden spezieller Wundauflagen, um die Wundheilung zu verbessern.„Aber manchmal lässt sich die Amputation nicht vermeiden“. Das betrifft rund zehn Prozent der Fälle. Von den circa 40 000 Amputationen in Deutschland pro Jahr als Folge des diabetischen Fußsyndroms erfolgen ungefähr die Hälfte oberhalb des Sprunggelenkes.

Der zweite Fuß wird amputiert

Weil die Wunden trotz der umfangreichen Behandlung nicht heilen, müssen Lehmanns linker Fuß und Unterschenkel amputiert werden Er lernt mit einer Prothese wieder das Laufen. Doch schon ein Jahr später bereitet der rechte Fuß mit infizierten Wunden starke Probleme. Zunächst versuchen die Ärzte in der spezialisierten Abteilung für Diabetisches Fußsyndrom und Stoffwechselerkrankungen am Standort Neustadt/Trachau mit gefäßerweiternden Maßnahmen die Durchblutung zu fördern. „In diesem Fall waren die Gefäße am Unterschenkel aber komplett zu“, berichtet der Chefarzt: „Eine Operation oder ein Ballonkatheter waren nicht mehr möglich“.

Auf Grund einer schweren Infektion am Fuß musste Lehmanns linker Fuß ab dem Knie im Dezember des vergangenen Jahres amputiert werden. Nicht heilende Wunden verursachten ein hohes Risiko für eine Blutvergiftung. „Die Wunde nach der Amputation ist gut verheilt“, erklärt Kaufer. Orthopädietechnik-Spezialisten fertigten eine Übergangsprothese an. Wie eine Art Socke wird die Prothese angezogen und mit einem Gewinde am Stumpf verbunden. „Weil sich der Unterschenkel-Stumpf in den folgenden Monaten noch verändert, muss auch die Interimsprothese regelmäßig neu angepasst werden“, berichtet Kaufer.

Angst, nicht mehr selbstständig laufen zu können

Mit zwei Prothesen hat Lehmann Angst, nie wieder selbstständig laufen zu können und auf den Rollstuhl angewiesen zu sein.

Das Ziel, weiterhin trotz der zwei Prothesen, ein selbstständiges Leben zu führen, motiviert ihn. Seine Muskeln sind sehr geschwächt und er leidet an Phantomschmerzen. Das heißt, er spürt Schmerzen in seinem Fuß – obwohl er diesen verloren hat. „Wie ein Messer, das in das Bein sticht“, beschreibt Lehman. Mit einem strikten Trainingsprogramm will er in der Geriatrischen Rehaklinik das Laufen wieder lernen und steckt sich selbst ein ehrgeiziges Ziel: Freies Laufen mit zwei Prothesen ohne Hilfsmittel.

Der erste Schritt: Lernen, die Prothese richtig anzulegen. Jeden Morgen „zieht“ er sie an, abends vor dem Zubettgehen wieder aus. Zunächst beginnt er mit Kräftigungsübungen im Bett – zum Stehen ist er noch zu schwach. Mit einem Gehgestell macht er die ersten Schritte, dann kann er sich mit zwei Unterarmstützen fortbewegen.

Auf eigenen Wunsch die Reha verlängert

Die ausgeprägte Zuckerkrankheit beeinträchtig auch Lehmanns Wahrnehmung. Außerdem leidet er an einer Herzschwäche. Nach drei Wochen Reha überbringen ihm die Ärzte die Botschaft, dass er entlassen werden könne – doch Lehmann reicht sein Fortschritt noch nicht. Er will Treppenstufen gehen können und frei ohne Hilfsmittel laufen. Also wird die Reha verlängert und er trainiert er weiter. „Ich bin hart im Nehmen“, sagt Lehmann. „Zusammen wiegen beide Prothesen rund acht Kilogramm“.

Schließlich schafft er es, mit den Interimsprothesen aus Kunststoff und Metall Treppenstufen zu bewältigen. „Heute laufe ich mehr als 200 Meter am Stück mit den Prothesen“, sagt Lehmann. „Für die ungünstigen Ausgangsvoraussetzungen ist das ein optimales Ergebnis“, berichtet Chefarzt Kaufer. Auch wenn es noch nicht ganz ohne Unterarmstützen geht.

Aktuell werden individuelle Leichtbau-Carbon-Prothesen für Lehmann angefertigt. Mit den leichteren Prothesen soll das Laufen erleichtert werden. Lehmann hat sein Ziel noch nicht aus den Augen verloren: „Ich glaube, das wird“.

Von Tomke Giedigkeit

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