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Mit Arbeitsplatte unterm Arm nach Dresden-Seidnitz

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Mit Arbeitsplatte unterm Arm nach Dresden-Seidnitz

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute: Linie 1.

Staffelübergabe an der Wendeschleife in Prohlis. Während eine Bahn einfährt, rückt die andere schon wieder aus.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Hildegard und Paul Angerer aus München sind sich etwas unsicher, an welcher Haltestelle sie nun eigentlich aussteigen müssen. Das Rentnerpaar ist nach einem Ausflug ins Zentrum wieder auf dem Weg zurück in das Hotel an der Hamburger Straße. „Selbstverständlich nehmen wir die Straßenbahn. Die guten Verbindungen in Dresden sind wir gewohnt, wir kommen seit vielen Jahren hier her zum Urlaub“, erklären die Süddeutschen. Dann muss es aber auf einmal ganz schnell gehen: An der Haltestelle „Flügelweg“ steigen die beiden aus der Linie 1 aus. Mit ihnen auch eine Gruppe Jugendlicher, die zuvor mit ihren Smartphones ein Selfie nach dem anderen in der Straßenbahn geknipst haben.

Auf den letzten zwei Kilometern Richtung Endhaltestelle und Gleisschleife Leutewitz passiert dann nicht mehr so viel, die Abteile leeren sich rasch. Auch bei den Bahnführern gilt die Linie 1 nicht gerade als die aufregendste und spannendste, wohlwissend aber als eine ruhige Linie, die Brennpunkte wie etwa Bautzner, Kesselsdorfer oder Schandauer Straße umschifft. „Auf solchen Straßen herrscht teilweise regelrecht Krieg“, meint Bahnführer Wolfgang Knauber, der nach 41 Jahren bei den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) in Rente geht und an seinem vorletzten Arbeitstag heute noch einmal die Linie mit der Nummer 1 fahren darf.

Der Fahrer

Quelle: Dietrich Flechtner

Wolfgang Knauber (links) sagt „adieu“ zu den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) und seinem Kollegen Ralf Luther. Der 63-Jährige verabschiedet sich nach 41 Jahren als Straßenbahnführer in den wohlverdienten Ruhestand und kann zukünftig selbst in den hinteren Abteilen Platz nehmen. An seinem vorletzten Arbeitstag chauffierte der im Betriebsbahnhof Gorbitz stationierte Knauber noch einmal die Linie 1 von Leutewitz nach Prohlis. Zur Pause gab es an der Wendeschleife Kaffee und ein Plausch mit dem Kollegen. „Zwischenzeitlich hatte ich an einen Jobwechsel gedacht. Aber seit der Wende hat sich alles sehr gut entwickelt“, erzählt der 63-Jährige. In den kommenden Monaten wird er seinen Kollegen aber als Aushilfe auf Stundenbasis erhalten bleiben.

Laut dem 63-Jährigen ist die Verbindung zwischen Leutewitz und Prohlis vor allem wegen der guten Anschlussmöglichkeiten beispielsweise am Bahnhof Mitte oder im Zentrum sehr beliebt. „Ich fahre mit der 1 immer zum Bummeln in die Altstadt“, erzählt die 77-jährige Hildegard Hänsch aus Briesnitz. Am Fahrkartenautomaten fühlen sich zwei junge Männer aus dem arabischen Raum leicht überfordert und schauen hilflos in die Runde. Hildegard Hänsch steht auf und löst gemeinsam mit den beiden Herren die Tickets. „Abstempeln brauchen Sie nicht mehr“, erklärt die 77-Jährige und setzt sich mit einem Lächeln im Gesicht wieder an ihren Fensterplatz.

Während die Bahn gerade an der Kreuzung Jahnstraße/Könneritzstraße an einer roten Ampel wartet, wandern plötzlich alle Blicke in eine Richtung. Was ist denn da los? Vor einem Bürogebäude stehen Hunderte Menschen, Polizei und Feuerwehr sind auch vor Ort. „Sieht wohl nach einer Evakuierung aus“, sagt eine junge Frau. Als die Bahn wieder anfährt, ist das Rätselraten noch nicht vorbei, doch die Augen der meisten Fahrgäste wandern wieder gelangweilt in Richtung Smartphone.

DNN-Serie „Auf Linie“: Unterwegs mit der 1

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Voll ist die Bahn auf dem ersten Abschnitt der West-Ost-Verbindung meistens nicht. „Ich bekomme eigentlich immer einen Sitzplatz“, sagt Hildegard Hänsch. Dafür macht sich ab der Stübel-allee bemerkbar, dass die Linie 1 die einzige Direktverbindung aus Gruna und Seidnitz nach Prohlis ist. An der Haltestelle „Zwinglistraße“ schieben sich Dutzende Menschen, Kinderwagen und Fahrräder in die Abteile.

Unter kritischen Blicken und unqualifizierten Kommentaren

Während sich im hinteren Teil der Bahn ein Musikerpärchen – mit Kontrabass und Gitarre bewaffnet – Sitzplätze ergattert, versucht Siegfried Schneider mit einer drei Meter langen Arbeitsplatte sein Glück. „Ich habe ein Jahresabo, also warum soll ich das Teil bis nach Seidnitz schleppen?“, erklärt der 52-Jährige. Trotzdem erntet er viele kritische Blicke. Von weiter hinten tönen sogar einige unqualifizierte Kommentare – die gehen aber im Getümmel unter, an der nächsten Haltestelle gibt es schon wieder ganz andere Gesprächsthemen.

Etwa warum Dynamo-Ultras eventuell bald nicht mehr zu Auswärtsspielen dürfen und wie wohl der Bullenkopf damals ins Stadion gekommen sei. „Eingerollt in einem Spruchbanner“, ist sich ein junger Mann sicher. Je näher die Bahn dem Stadtteil Prohlis kommt, umso voller, bunter und lauter wird es. Während eine ältere Dame mit ihrem Handy und Lautsprecherfunktion auf Russisch telefoniert und der ein oder andere Fahrgast seinen Wunsch halblaut äußert, die Dame möge das Telefon ja bitte ans Ohr nehmen, diskutieren weniger Meter weiter einige junge Männer hektisch auf arabisch. In aller Seelenruhe und vom Geschehen unbeeindruckt blättern zwei Jungs derweil in ihren Manga-Comics.

An der Endhaltestelle Prohlis stürzen die Fahrgäste dann aus der Bahn und verteilen sich flott in alle Himmelsrichtungen. Wolfgang Knauber steigt kurz aus seinem Fahrerhaus und vertritt sich die Beine bei einem Becher Kaffee in der Hand – in wenigen Minuten geht es wieder weiter, zurück nach Leutewitz.

Von Sebastian Burkhardt

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