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Menschlichkeit im Minutentakt

Tag der Pflege Menschlichkeit im Minutentakt

Das neue Pflegegesetz soll für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Die Arbeit der Pfleger ist dadurch zwar professioneller geworden, doch Zeit für Zwischenmenschliches bleibt kaum. Grund genug, einer erfahrenen Pflegerin über die Schulter zu schauen.

Die Auszubildende Peggy Hoffmann (l.) will nach ihrer Lehre beim ASB bleiben. Bis dahin kann sie noch viel von Schwester Steffi lernen.
 

Quelle: Sbu

Dresden. „Hallo Frau Quester, sind Sie schon wach?“ Schwester Steffi schließt hinter sich die Tür des großen Einfamilienhauses. Es ist kurz nach sechs, die Pflegerin ist heute ein kleines Bisschen später dran als sonst. Aus einem kleinen Zimmer ertönt eine zarte und freundliche Stimme: „Guten Morgen, Schwester Steffi. Kommen Sie rein, ich habe schon auf Sie gewartet.“ Steffi legt die Zeitung auf den Rollator, zieht sich Gummihandschuhe an und bereitet die Waschschüssel vor. Im Bett liegt die 86-jährige Ingrid Quester, die seit einiger Zeit verwitwet ist.

Die Seniorin ist zwar geistig noch topfit, beim Waschen, bei der Wundversorgung und beim Anziehen der Hose hingegen benötigt die ehemalige Lehrerin Hilfe. Ihr Sohn besucht sie zwar regelmäßig und kümmert sich um Haus und Hof, doch für die tägliche Unterstützung nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen ist der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) aus Cossebaude zuständig. Fünf Pflegerinnen, vier Pfleger und eine Auszubildende betreuen dort derzeit 146 „Klienten“ – die meisten im Stadtteil. „Wir sind sozusagen der Platzhirsch hier“, sagt Schwester Heike, seit 1991 stellvertretende Pflegedienstleiterin beim ASB in Cossebaude.

Ingrid Quester ist die erste von 28 Patienten in Schwester Steffis Frühschicht. „Auf der Oberlandtour sind es etwas weniger Patienten als üblich, weil die Wege länger sind“, sagt die Pflegerin. Doch das ist nicht der Grund, warum sie die Tour durch die grünen Hügellandschaften von Merbitz, Brabschütz und Podemus so schätzt. „Man kommt mal weg von der B 6 und dem ganzen Beton und Lärm da unten.“ Auch die Leute auf dem Dorf seien etwas anders, offener und herzlicher.

Die 86-jährige Ingrid Quester bekommt täglich kurz nach 6 Uhr Hilfe beim Waschen und Einkleiden

Die 86-jährige Ingrid Quester bekommt täglich kurz nach 6 Uhr Hilfe beim Waschen und Einkleiden.

Quelle: Sbu

Obwohl Schwester Steffis Umgang mit den Klienten immer noch warm und persönlich ist, hat sich das Dienstleistungsprodukt Pflege mittlerweile eiskalt professionalisiert. „Zeitung aus dem Briefkasten holen, Duschen, Baden, Kompressionen anlegen, Medikamentengabe, Anziehen, Rasieren – alles sind separate Leistungen und kosten extra“, erklärt die Pflegerin.

Früher sei das anders gewesen. „Da ist man hin zu den Klienten und hat getan, was nötig war – mal mehr, mal weniger.“ Dennoch erleichtere das neue Pflegesystem die Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Es können mehr Patienten versorgt werden. Bei einer normalen Schicht bleiben den Pflegern des ASB durchschnittlich zehn Minuten Betreuungszeit pro Klient. Für die Medikamentengabe oder das Wickeln von Kompressionen reicht das aus, für das Zwischenmenschliche bleibt da aber kaum Zeit.

Doch Schwester Steffi lässt sich nicht davon abhalten, ihren Senioren ein Gefühl von Wärme und Menschlichkeit zu vermitteln. Obwohl sie im Akkord zwischen Autositz und Wohnungen hin und her hetzt, zaubert sie mit guter Laune und ihrer herzlichen Art für einen kurzen Moment ein Lächeln auf die Lippen ihrer Kundschaft. „Jetzt muss ich wieder 24 Stunden auf Sie warten. Aber dafür freue ich mich schon auf morgen früh“, seufzt die 85-jährige Sonja Jahn, nachdem Schwester Steffi gemeinsam mit der Auszubildenden Peggy in kurzen, aber liebevollen fünf Minuten für einige Lacher und neue Kompressionen gesorgt haben.

Für den 80-jährigen Max Müller (Name geändert) steht drei mal wöchentlich Rasieren auf dem Programm

Für den 80-jährigen Max Müller (Name geändert) steht drei mal wöchentlich Rasieren auf dem Programm.

Quelle: Sbu

„Wir sind froh, dass wir unsere Steffi haben. Ein echter Sonnenschein“, sagt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Heike. Schwester Steffi ist seit fast 40 Jahren im Beruf, seit 1991 beim ASB in der ambulanten Pflege. Gesehen und erlebt hat sie fast alles, was die Branche so hergibt – Einsamkeit, Trauer, Freude, Dankbarkeit, Verzweiflung, Leid und Tod. Einen Klienten musste sie sogar mal vom Strick losscheiden. „Er war noch warm, Puls war keiner mehr da.“ Dennoch steht für die ehemalige Kinderkrankenschwester fest: „Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen, ich gehe jeden Tag sehr gerne auf Arbeit.“

Auch die psychische Belastung halte sich in Grenzen. „Das kommt sicher mit der Erfahrung.“ Hart arbeiten müsse man sowieso überall, sie kenne und wolle auch gar nichts anderes. Zudem sei die Pflege im Vergleich zu den 90er Jahren generell etwas einfacher geworden. Modernere Ausstattung und Hilfsmittel bei den Patienten sowie bessere Organisation durch Computer, Smartphones und moderne Fahrzeuge beim ASB sorgten dafür. Scharfe Kritik übt die Pflegerin aber an den Krankenkassen. So würde die Bereitstellung von Ausstattung für die Senioren wie etwa Hebekräne, Rollatoren oder Badewanneneinstiege ewig dauern. „Das ist ein schlechter Witz, dass beispielsweise ein 90-Jähriger bis zu zwei Jahre auf einen neuen Rollstuhl warten muss.“

Doch auch hier hilft Schwester Steffi ihren Klienten. Gespräche über Tipps und Tricks beim Umgang mit den Krankenkassen gehören genauso zur Kompetenz der 54-Jährigen wie die seelische Unterstützung der Angehörigen. „Einige sind einfach überfordert mit der Pflege, dort versuchen wir moralisch und fachlich zu helfen.“ Doch „Sonnenscheine“ wie Schwester Steffi gibt es immer weniger, händeringend sucht man regions- und einrichtungsübergreifend nach geeignetem Nachwuchs.

Für die 85-jährige Sonja Jahn ist der Besuch des Pflegedienstes das tägliche Highlight

Für die 85-jährige Sonja Jahn ist der Besuch des Pflegedienstes das tägliche Highlight.

Quelle: Sbu

Zwar stieg laut Freistaat die Zahl der Pflegekräfte in Sachsen zwischen 2013 und 1015 um fast 10 Prozent, doch im Angesicht des demographischen Wandels ist das nicht genug. Deshalb machen zum heutigen Tag der Pflege deutschlandweit Verbände und Politiker mobil, um auf den Personalmangel aufmerksam zu machen.

Beim ASB in Cossebaude hat sich die Lage Dank dem gelegentlichen Einsatz von Hilfskräften und Zeitarbeitern noch nicht so dramatisch zugespitzt. „Wir können derzeit kaum klagen. Wir haben sehr gute Leute und auch hoffnungsvollen Nachwuchs in unseren Reihen“, sagt Schwester Heike.

Von Sebastian Burkhardt

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