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08:54 16.03.2018
“Was hab ich?“-Geschäftsführer Ansgar Jonietz mit einem Stapel medizinischer Fachliteratur. Quelle: ANJA SCHNEIDER
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Dresden

„Ihr Befund ist pathologisch, Sie leiden vermutlich an Hyperhidrose“: Wer sich bei diesem Satz seines Arztes denkt „Häh?“ steht vermutlich nicht alleine da. Und wer bei der Aussage Angst bekommt, bald als Leiche in einem Krankenhauskeller zu liegen, kann erleichtert aufatmen. Lebensgefahr besteht nicht, es handelt sich um Fachsprache, die in diesem Fall nichts mit der Leichenmedizin zu tun hat.

Denn aus dem Ärztejargon übersetzt sagt der Mediziner: „Der Befund der Untersuchung ist krankhaft, sie leiden vermutlich an einer übermäßigen Schweißproduktion“. Der Versuch seinen eigenen Arztbericht nachzuvollziehen kann Patienten schonmal ins Schwitzen bringen – ganz ohne pathologischen Befund.

Über 35 000 Arztberichte übersetzt

Seit 2011 hilft die gemeinnützige GmbH „Was hab’ ich?“ Patienten kostenlos ihre Arztberichte und Befunde zu verstehen. Medizinstudenten ab dem achten Fachsemester und Ärzte übersetzen Fachwörter und Laborwerte in verständliche Sprache. Bereits rund 35 000 Patienten konnte das Team helfen.

Verschlüsselte Datenübertragung

Auf der Internetseite www.washabich.de können Patienten sich mit ihrer E-Mailadresse registrieren. Dann gelangen sie in das „Virtuelle Wartezimmer“ bis ein Übersetzer freie Kapazitäten hat.

Nun kann der Patient bis zu zwei DIN A4-Seiten Arztberichte und Laborergebnisse verschlüsselt hochladen. „Der eigene Name und der des Arztes sollten vorher geschwärzt werden“, empfiehlt der Geschäftsführer Ansgar Jonietz.

Wenige Stunden bis zu einigen Tagen dauert die Übersetzung. Rund 100 Medizinstudenten und Ärzte erledigen dies deutschlandweit aktuell in ihrer Freizeit. In der Projektzentrale in der Dresdner Altstadt arbeiten zehn Festangestellte Mediziner und Software-Entwickler.

Kleine Übersetzungshilfe

Großes und kleines Blutbild: Ob eine Erkrankung vorliegt kann häufig an verschiedenen Blutwerten abgelesen werden. „Man unterscheidet zwischen großem und kleinen Blutbild“, erklärt die Ärztin Johanna Bendas, die für „Was hab ich’?“ arbeitet. Das kleine Blutbild untersucht unter anderem die roten Blutkörperchen für den Sauerstofftransport, die weißen Blutkörperchen für die Krankheitsabwehr und die Blutplättchen für die Blutgerinnung. In einem großen Blutbild werden die Werte differenzierter dargestellt. Zum Beispiel kann der Arzt nicht nur sehen, wie viele weiße Blutkörperchen insgesamt vorhanden sind, sondern auch in welche verschiedene Untergruppen sich dieses aufteilen.

Hb-Wert: Bestimmt den Hämoglobin-Wert. Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff. Es ist der Sauerstofftransorter in den roten Blutkörperchen.

Leukozyten: Als Leukozyten werden die weißten Blutkörperchen bezeichnet. Sie sind für die Krankheitsabwehr zuständig und treten zum Beispiel bei Entzündungen und Infektionen vermehrt auf.

Ery: Die Erythrozyten sind die roten Blutkörperchen. Sie sind für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich. Gibt es von hnen zu wenig, spricht man von einer Blutarmut.

Referenzbereich: Referenzbereiche sind Intervalle für bestimmte Blutwerte, die angeben welche Werte als „normal“ gelten. Diese können von Labor zu Labor variieren. Nicht jeder Wert, der nach Angabe im Befund erhöht ist, muss auf eine Krankheit hindeuten.

Der Patient ist mehr als nur Briefträger

„Sehr häufig erhalten wir Anfragen zu bildgebenden Verfahren, wie MRT“, sagt Jonietz. Eher selten kommen Befunde vom Zahnarzt. Der Umgang der Patienten mit dem Arztbrief hat sich geändert. „Der Patient ist nicht mehr Briefträger, der Umschläge ungeöffnet von einem Arzt zum anderen trägt“, sagt der Mitgründer.

Patienten werden mündiger und kritischer. Das Bild vom Halbgott in Weiß verblasst. „Allerdings wurden die Ärzte in der Vergangenheit nicht in patientengerechter Kommunikation geschult“, weiß Jonietz.

Das Bewusstsein der Ärzte dafür nimmt aktuell zu und das Medizincurriculum wird überarbeitet. Künftig sollen die Studenten lernen, wie sie in einfacher Sprache ihren Patienten die Befunde verständlich mitteilen.

Eigene Gesundheitschronik anlegen

Die eigenen Arztberichte und Befunde zu verstehen ist wichtig, wenn der Patient seinen Arzt wechselt. Denn jeder Arzt führt eine eigene Krankenakte.

Zwar sollte das Problem mit der elektronischen Gesundheitskarte gelöst werden, „das funktioniert aber nur ansatzweise“, sagt der 33-jährige Jonietz. Das Onlineportal hat deshalb eine Vorlage für eine persönliche Gesundheitschronik entworfen.

„Symptome googlen ist kritisch“

Viele Menschen informieren sich im Internet, wenn sie erkranken. „Symptome googlen ist kritisch“, meint Jonietz. Aber nach der ärztlichen Diagnose können Patienten im Netz recherchieren. Wichtig ist es, den Herausgeber der Website zu kennen.

Viele vermeintlich unabhängigen Informationswebsites werden von Medikamentenherstellern oder Kommunikationsagenturen betrieben, die mit dem Angebot und Werbung Geld verdienen wollen. Daher sollten Nutzer stets in das Impressum schauen.

Seriöse Informationsportale im Netz

Viele bekannte Gesundheits-Webseiten werden von Medikamentenherstellern oder Kommunikationsagenturen betrieben, die mit den Inhalten und Werbung Geld verdienen wollen. Doch es gibt auch unabhängige Alternativen.

„Netdoktor.de“, das zum Holtzbrinck-Verlag gehört, das Portal „onmeda.de“ von der Axel-Springer-Gruppe und „gesundheit.de“ des Pharmaunternehmens „Alliance Healthcare“ haben täglich hohe Zugriffszahlen, werden aber von Verlagen und Unternehmen herausgegeben. Als Alternative nennt Jonietz das unabhängige Portal „gesundheitsinformation.de“, das von einer Stiftung werbefrei betrieben wird.

Die unabhängige Alternative bei der Arztsuche zu „jameda.de“ ist „weisse-liste.de“ der Bertelsmannstiftung.

Wer auf der Suche nach der Übersetzung einzelner Fachbegriffe aus der Ärztesprache ist, findet auf „www.befunddolmetscher.de“ Hilfe. „Medizinische Fachwörter können je nach Körperregion eine unterschiedliche Bedeutung haben“, erklärt Jonietz. Daher reicht es nicht, Begriffe aus dem Befund einfach zu googlen.

Team sucht Medizinstudenten zur Unterstützung

Die Nachfrage nach Übersetzungen ist groß. Jährlich dolmetscht das Team für rund 5000 Patienten. Deswegen sucht „Was hab’ ich?“ nach weiteren Medizinstudenten, die ehrenamtlich von zu Hause aus tätig werden möchten.

Von Tomke Giedigkeit

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