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Auto & Verkehr Linie 4: An jedem Ende ein Idyll

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Linie 4: An jedem Ende ein Idyll

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute geht es mit der Kulturlinie 4 von Radebeul bis Laubegast.

Zwischen Goldenem Reiter und Residenzschloss verbindet die „4“ viele Dresdner Sehenswürdigkeiten. Allerdings wird die Strecke über die Augustusbrücke bald gesperrt.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. 28,6 Kilometer Länge, 81 Minuten Fahrdauer – die Linie 4 ist die längste Straßenbahnverbindung im Elbtal. Auch sonst ist die von den Dresdner Verkehrsbetrieben wegen der vielen Sehenswürdigkeiten am Streckenrand als „Kulturlinie“ beworbene „4“ ein Sonderling. Sie verlässt als einzige das Stadtgebiet und verbindet die Landeshauptstadt mit Radebeul, Coswig und Weinböhla. Zudem ist sie dort auch abseits der Straße auf Feld- und Wiesenstrecken unterwegs. Die Linie 4 bringt ihre Fahrgäste nicht nur zu Kulturstätten, sie fährt ins Grüne.

Lang, länger, Linie 4 – Mit der Kulturlinie geht es in der DNN-Serie „Auf Linie“ raus ins grüne Elbtal und zurück an der Altstadt  vorbei bis nach Laubegast.

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Doch davon ist beim Einstieg am Montagvormittag in Mickten noch nichts zu merken. Warme stickige Luft schlägt den Fahrgästen entgegen. Die DVB rüsten ihre Bahnen nicht mit Klimaanlagen aus, weil diese wegen der häufigen Halte und Türöffnungen kaum Wirkung entfalten könnten. Fenster in der Bahn sollen für Belüftung sorgen. Eine Frau im vorderen Teil der Bahn müht sich vergebens damit, eines zu öffnen, setzt sich resigniert hin. Dann wird es still in der Bahn. Knapp zwei Handvoll Fahrgäste sitzen darin, die meisten sind deutlich über 50 Jahre alt. Senioren, die von Arztterminen oder vom Einkauf wieder nach Hause fahren. Eine junge Frau sticht heraus, sie telefoniert mit einem Headset, sagt aber nicht viel. Ist wohl mehr eine gute Zuhörerin.

An der Haltestelle Forststraße hört sie ein ganz eigenes kleines Konzert. Biep, Biep, Biep haben die Fahrkartenentwerter an der Tarifzonengrenze etwas zu tun. Unter Radebeulern ist die Zugehörigkeit zu einer anderen Tarifzone immer wieder mal Aufreger, weil man sich von der Landeshauptstadt abgeschnitten fühlt. Die Insassen der Bahn haben ihren Frieden damit gemacht, wie es scheint. An der Hauptstraße in Radebeul-Ost und der Moritzburger Straße in Radebeul-West, beides Einkaufsstraße, steigen viele zu und aus, dazwischen fällt  der Blick auf die Steillagen der Oberlößnitz samt Spitzhaus, Bismarckturm und Spitzhaustreppe, den Platz, wo früher mal das Glasinvest-Gebäude stand, den abgeräumten Moritz-Garte-Steg.

Die Fahrer

Zeit für Zärtlichkeit: Eigentlich hat es Straßenbahnfahrerin Andrea Mohnen am Endhaltepunkt in Weinböhla ziemlich eilig, für ein Bild hat sie sich aber dennoch von ihrem Kollegen Helfried Muschtler drücken lassen. „Du hast ja jetzt noch eine halbe Stunde Zeit“, sagt sie zu ihm. Ein halbe Stunde in der Sonne im beschaulichen Weinböhla, während sie auf die Strecke muss. Sie raucht noch schnell auf. Eine Frage beantwortet sie zwischen zwei Zügen dennoch, die nach der beliebtesten Strecke. „Die 11 ist meine Lieblingslinie, aber die 4 ist auch in Ordnung.“ Sagt es und ist im Führerstand verschwunden. Abfahrt!

Wir steigen Flemmingstraße aus, weil wir eine „4 Radebeul-West“ erwischt haben. Nur alle halbe Stunde fährt eine „4“ bis nach Weinböhla, vier Bahnen in der Stunden enden dagegen in der Gleisschleife in Radebeul-West neben dem Weinbergstadion, bevor sie sich von dort auf den Weg zur Endhaltestelle Laubegast machen.

Nach kurzer Wartezeit geht es weiter. Die Straßenbahn hält und rollt am Staatsweingut Schloss Wackerbarth vorbei. Anschließend folgt die Bahn dem Schienenverlauf auf ein grünes Feld. Es sitzen jetzt viele Jüngere in der Bahn, einige kommen vom Sport, andere waren einkaufen. Ein ungeschriebenes Gesetz macht sich bemerkbar: Wer unter 30 ist, hat Kopfhörer im Ohr, wer älter ist, sieht aus dem Fenster oder unterhält sich. Kurz vor Coswig nähert sich die Bahn noch einmal der Meißner Straße, ehe es auf Höhe des in die Jahre gekommenen Diskotempels Megadrome um die Kurve quietschend ins Wohngebiet Dresdner Straße geht. Die Betonstadt huscht am Fenster vorbei, auch die Ladenstraße, von der aus vor ein paar Jahren ein Coswiger im Schutz der Nacht mit Diabolos auf vorbeifahrende Straßenbahnen geschossen hat. Damals gab es zersplittertes Glas und schockierte Fahrgäste, heute bleibt alles ruhig, auch wenn an den Haltestellen im Wohngebiet viele Fahrgäste ein- und aussteigen.
Nach dem Halt an der Börse Coswig wird’s wieder grün. Kleingärten wechseln sich mit Vorgärten ab. Auf einer Spielplatzburg weht eine Piratenflagge – sächsisches Kleinstadtidyll. Nach kurzem Stopp am Endhaltepunkt Weinböhla geht’s retour und je mehr die gut gefüllte Bahn sich Radebeul nähert, desto hektischer geht es wieder zu. Das Biep, Biep, Biep an der Forststraße kündigt die Grenze zur Großstadt an, auch wenn Trachau, Mickten, Pieschen zunächst nicht großstädtisch daher kommen.

Das ändert sich an den Halten im Zentrum. Theaterplatz, Postplatz, Altmarkt und Pirnaischer Platz spülen viele aus der Bahn und viele neue Passagiere hinein, die Zusammensetzung der Fahrgäste mutet jetzt großstädtisch an: Unter den Dresdnern sitzen Studenten, Dunkelhäutige, Kopftuchfrauen, Touristen aus In- und Ausland, zumindest für kurze Zeit.

An der Altenberger Straße ist vorzeitig Schluss. Wegen der Baustelle auf der Wehlener Straße fährt die Linie 4 in diesem Jahr nur noch bis zur Haltestelle Ludwig-Hartmann-Straße. Wir nehmen den Ersatzverkehr mit einem Bus für den Rest der Strecke, inzwischen fährt von dort der Ringverkehr 46, von dem die Fahrgäste am Halt Wasserwerk Tolkewitz in die 44, eine extra für die Bauzeit eingerichtete Straßenbahnlinie, einsteigen können, die sie über Laubegast bis in die Innenstadt bringt. Für uns gibt es diese Möglichkeit noch nicht. Eine Busfahrt also in den Laubegaster Zipfel der Linie. Dort gibt es dann auch Unkultur zu erleben. Ein junger Vater schreit durch den ganzen Bus: „Ruhe!“. Er fühlt sich durch ein Telefonat gestört, dass ein Araber hinter ihm führt. Der spricht laut, um den Lärm des Busses zu übertönen. Wäre der Konflikt in der leiser fahrenden Straßenbahn nicht entstanden? Jedenfalls klären die beiden Männer im lauten Gespräch noch eine Weile, wer von wem zu viel gehört oder wer wen nicht verstanden hat. Die lauthals geforderte „Ruhe“ stellt sich erst ein, als sie aussteigen. Dann ist auch schon das Ende der Linie erreicht: der Kronstädter Platz in Laubegast. Nahe der Laubegaster Werft auch ein kleines Idyll für sich.

Steckbrief Linie 4

Linienverlauf: Laubegast – Striesen – Straßburger Platz – Postplatz (Zwinger) – Mickten – Radebeul – Coswig – Weinböhla
Linienlänge: 28,6 Kilometer
Fahrzeit: 81 Minuten
Haltestellen: 60
Fahrgastzahlen: 34 .400 Fahrgäste pro Werktag (2016)

Uwe Hofmann

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