Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Linguistin im DNN-Interview: "Die Dresdner sollten sich zu ihrem Dialekt bekennen"

Linguistin im DNN-Interview: "Die Dresdner sollten sich zu ihrem Dialekt bekennen"

Evelyn Koch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der TU Dresden. Die Linguistin unterrichtet unter anderem Dialektologie und Phonetik und gibt künftigen Lehrern Sprecherziehung.

Voriger Artikel
DNN-Umfrage: An Dresdens Schulen wird kaum noch "rischtsches Sächssch" gesprochen
Nächster Artikel
Kritik an Dresdner Jugendamtsleiter Claus Lippmann reißt nicht ab

Evelyn Koch

Quelle: Christian Juppe

Aufgewachsen im Vogtland, kann die 62-Jährige ihren Dialekt noch "e weng". Im DNN-Gespräch plädiert sie für eine situationsangemessene Sprechweise, die es ermöglicht, zwischen dem Hochdeutschen und dem Sächsischen zu wechseln.

Frage: Wie würden Sie den sächsischen, speziell den Dresdner Dialekt beschreiben?

Evelyn Koch: Zunächst: Am stärksten Dialekt wurde früher in kleinen Räumen, also auf dem Dorf gesprochen. Da gab es viele Wörter, die die Leute im nächsten Ort schon nicht mehr verstanden. In der Großstadt Dresden hingegen gibt es heute so gut wie keine Lexik mehr, die nicht auch in anderen Städten verwendet wird. Dresdner erkennt man an ihrer Lautung und an ihrer Prosodie, also an der Satzmelodie. Freilich ist die Dresdner Stadtsprache nicht homogen, weil es einerseits Leute gibt, die seit jeher hier wohnen, und andererseits viele Zugezogene, die ihren Dialekt mitbringen.

Können Sie uns ein paar Beispiele für hier gebräuchliche Wörter nennen?

Typisch für das Ostmeißnische, also den ursprünglichen Dialekt im Großraum Dresden-Meißen-Pirna, ist, dass aus dem Kleid ein "Kleed" und aus dem Baum ein "Boom" wird. Wer sächsisch spricht, lenkt die Zunge weniger stark nach vorn und hinten aus und rundet die Lippen bei u, o, ü und ö weniger. Außerdem sagen die Dresdner für "nein" "ni", aus "ich weiß nicht" wird "schweeßni" und statt "haben wir sie" heißt es "hammorse". Beine nennen sie gern "Beene" und aus "auch" wird immer "och". Typisch für den Dresdner Raum ist das "nu" für "ja". Und die Dresdner unterscheiden in ihrer Aussprache nicht zwischen "ch" und "sch".

Auffällig ist aber, dass wenn sich Dresdner Mühe beim Sprechen geben sie aus linguistischer Sicht überregional verständlich sind. Die regionale Färbung im Raum Dresden führt also nicht dazu, dass uns andere nicht verstehen.

Wie kommt es aber dann, dass der sächsische Dialekt so schlecht angesehen ist?

Ich glaube, dass wesentlichen Anteil daran Umfragen haben. Die Medien veröffentlichen immer wieder Umfragen zur Beliebtheit der Dialekte. Und da landet Sächsisch zumeist an der ersten Stelle der unsympathischsten Dialekte. Dafür gibt es aber keine wirkliche Begründung. Es gibt objektiv weder ein Verständlichkeits- noch ein sprachästhetisches Problem. Zudem ist das Sächsische für Hochdeutschsprechende leichter verständlich als zum Beispiel das Bairische oder Schwäbische.

Im Übrigen war Sächsisch bis ins 18. Jahrhundert hinein ein Vorzeigedialekt. Das änderte sich nach dem Siebenjährigen Krieg. Nach 1763 verlagerte sich das wirtschaftlich-politisch-kulturelle Zentrum von Sachsen nach Preußen. Damit begann die Abwertung des sächsischen Dialekts. Verstärkt wurde sie mit der deutsch-deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg, als man im Westen Deutschlands den Osten quasi mit Sachsen gleichsetzte. Und nicht zuletzt sind die Sachsen auch ein bisschen selber schuld. Das hängt zusammen mit dem oft zu geringen sprachlichen Selbstbewusstsein der Sachsen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Dresdner glauben, dass sie "ganz schlimm" sächsisch sprechen. Diese Selbsteinschätzungen stimmen jedoch nicht mit linguistischen Analysen überein.

Sollten wir zu unserem Dialekt stehen?

Unbedingt. Die vergleichsweise geringen Lautverfärbungen im Sächsischen verkörpern regionale Identität. Eine uniformierte Standardsprache stellt eher Distanz her. Die Dresdner sollten ihren Dialekt sprechen. Die Schwaben haben ja auch kein Problem damit. Und selbst ein Professor aus Bayern verzichtet in der Vorlesung nicht auf sein "net". Ich glaube, dass die regionale Sprachfärbung im Privaten eine ganz wichtige Rolle spielt und auch spielen sollte. Ideal ist, wenn man - abhängig von der Situation - switchen, also wechseln kann zwischen dem Sächsischen und dem Standarddeutschen.

Sie leben seit 30 Jahren in Dresden. Benutzen Sie gelegentlich sächsische Wörter?

Ab und zu sage ich auch mal ganz bewusst "weeßschni".

Gespräch: Katrin Richter

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2013

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
12.12.2017 - 13:55 Uhr

Schwarz-gelber "dynamischer Dresscode" für eine spezielle Dynamo-Choreo.

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.