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Leitartikel von Julia Probst: Wir werden alle von Barrierefreiheit profitieren

Leitartikel von Julia Probst: Wir werden alle von Barrierefreiheit profitieren

Jeder von uns hat einen Traum. Die Frage ist, ob er sich erfüllen wird. Als jemand, der von Geburt an gehörlos ist, heißt mein Traum: "Barrierefreiheit und Inklusion für alle".

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat zu diesem Thema einst einen sehr klugen Satz gesagt: "Nicht behindert zu sein, ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit wieder genommen werden kann."

Man muss nicht weit zurückdenken, um sofort das Schicksal von Samuel Koch vor Augen zu haben, der sich bei "Wetten dass" vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern so verletzte, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt. Und wie viele Menschen müssen nach Unfällen mit einer Behinderung leben! Unversehrtheit ist ein Geschenk, ganz besonders, wenn man in einem wenig barrierefreien Land wie Deutschland lebt.

Vielleicht kennen Sie den Film "The Ides of March?" Ganz am Anfang hat Ryan Gosling eine Mikrofon-Probe für George Clooney, und er spricht diese Worte ins Mikro: "Ich bin kein Christ, ich bin kein Atheist, ich bin kein Jude, ich bin kein Moslem. Meine Religion, das woran ich glaube, ist bekannt als die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika."

Bei mir klänge dieser Satz - falls ich je die Absicht hätte, für ein politisches Amt zu kandidieren - so: "Ich bin keine Christin, keine Jüdin, keine Muslima und nicht besonders gläubig. Ich glaube aber an die UN-Behindertenrechtskonvention und an die Bereicherung der Gesellschaft durch die darin beschriebene Barrierefreiheit und Inklusion. Ich glaube an die Vielfalt der Menschen."

Am 5. Mai feierte der Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung(en) sein 20. Jubiläum. Doch durch eine fatale Aussortierungspolitik von Menschen mit Behinderungen aus unserer Gesellschaft findet das Miteinander und die Aufklärung für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung kaum oder gar nicht statt.

In Deutschland leben 9,8 Millionen Menschen mit Behinderungen. Eine nicht gerade kleine Zahl. Dennoch sind die Berührungspunkte im Alltag eher spärlich. Kaum ein Gesunder weiß, wie sich das Leben in Deutschland gestaltet, wenn man gehörlos, blind, taubblind ist oder im Rollstuhl sitzt.

Die Umsetzung einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft wird immer wichtiger werden, wenn man auf den demographischen Wandel blickt. Ja, Inklusion und Barrierefreiheit kosten Geld, das streitet niemand ab. Doch im Endeffekt werden wir alle davon profitieren.

Von Julia Probst

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.05.2012

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