Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Lehrerverband zum Warnstreik in Dresden: "85 Prozent der Lehrer wollen streiken"
Dresden Lokales Lehrerverband zum Warnstreik in Dresden: "85 Prozent der Lehrer wollen streiken"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:16 09.09.2015
Petra Thie Quelle: Dietrich Flechtner

Petra Thie (Foto: Flechtner), Vorsitzende des Kreisverbandes Dresden-Stadt im Sächsischen Lehrerverband (SLV), rechnet damit, dass sich mindestens 85 Prozent der 2850 Dresdner Pädagogen am Warnstreik der Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes beteiligen - fünf Prozent mehr als beim letzten Mal. Die 55-Jährige ist seit 31 Jahren Lehrerin, gibt am Bertolt-Brecht-Gymnasium in sämtlichen Klassenstufen Englisch, arbeitet außerdem an zwei Tagen pro Woche im Bezirkspersonalrat der Lehrer und engagiert sich seit 1991 im SLV. Die Gewerkschaften fordern u.a. 6,5 Prozent mehr Gehalt für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, 100 Euro mehr pro Monat für Referendare und ihre Übernahme in den sächsischen Schuldienst. Vor allem aber geht es um einen Tarifvertrag für die Lehrer, der ihre deutschlandweit einheitliche Eingruppierung in Gehaltsgruppen regelt.

Frage: Am letzten Streik im November vergangenen Jahres haben sich vier von fünf Lehrern beteiligt. Wie sieht es diesmal aus?

Petra Thie: Es sieht nach einer noch höheren Beteiligung aus. Nach den Rückmeldungen, die ich bis jetzt erhalten habe, dürften es um die 85 Prozent werden.

Wieviel Prozent der Lehrerschaft sind denn gewerkschaftlich organisiert in Dresden?

Mit jedem Streik mehr. Allein 1000 Dresdner Lehrer sind Mitglied im SLV. An den Schulen sind schätzungsweise zwei Drittel der Pädagogen gewerkschaftlich organisiert - also entweder in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), im Philologenverband als der Vertretung der Gymnasiallehrer oder bei uns im SLV.

Wie wird ein solcher Streik vorbereitet?

Die Gewerkschaften sprechen sich zunächst ab, wer wofür zuständig ist. Es handelt sich ja sowohl um eine logistische als auch um eine finanzielle Herausforderung. Die Lehrer reisen mit Bussen aus allen Teilen Sachsens zu den Kundgebungen am Finanzministerium nach Dresden, die von Montag bis Mittwoch jeweils von 11 bis 13 Uhr stattfinden. Die Transportkosten finanzieren die Gewerkschaften über die Beiträge ihrer Mitglieder.

Die Gewerkschaften fordern 6,5 Prozent mehr Gehalt für Beschäftigte im öffentlichen Dienst und also auch für die 32000 sächsischen Lehrer. Außerdem geht es um einen Tarifvertrag für die Lehrkräfte. Warum?

Lehrer sind die einzige Berufsgruppe im öffentlichen Dienst, deren Eingruppierung in Gehaltsgruppen nicht durch einen Tarifvertrag geregelt ist. In Sachsen gibt es seit 1995 eine Richtlinie des Finanzministeriums, die einen Großteil der Lehrer in niedrigere Gehaltsgruppen eingruppiert, als das bundesweit der Standard ist. Am krassesten ist die Situation bei den Mittelschullehrern. Hinzu kommt, dass Pädagogen in den alten Bundesländern meist verbeamtet sind, bedeutend weniger Abzüge haben und deshalb um die 800 Euro mehr im Monat bekommen. Das ist schon eine ganze Menge.

Das Problem ist, dass es bundesweit keine einheitlichen Kriterien gibt, die festschreiben, welcher Lehrer mit welchem Abschluss welches Gehalt bekommt. Vereinfacht gesagt: Sachsen kann seine Lehrer ganz nach Belieben eingruppieren. Es kommt nicht selten vor, dass an ein und derselben Schule Lehrer mit gleicher Ausbildung ganz unterschiedlich bezahlt werden. Es kann sogar passieren, dass ein Kollege einen Referendar ausbildet, der anschließend bedeutend besser bezahlt wird als er selbst. Abgesehen davon werden den Lehrern und auch den Schulleitern immer mehr zusätzliche Aufgaben aufgebürdet, ohne dass sie dafür eine Vergütung bekommen.

Worum geht es noch?

Wir fordern, dass Referendare 100 Euro mehr bekommen pro Monat. Bei dem Lehrermangel werden sie sehr schnell voll in den Schulbetrieb integriert, vertreten häufig schon Lehrer. Außerdem wollen wir, dass Referendare hier bleiben und in den Schuldienst übernommen werden. Wir bekommen jetzt die Auswirkungen der Fehlplanungen der vergangenen Jahre zu spüren. Es gibt nicht genügend Bewerber für die Förder-, Grund- und Mittelschulen. An den Gymnasien mangelt es an Bewerbern in den naturwissenschaftlichen Fächern. Man sollte jetzt wirklich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und auf Vorrat einstellen. Jetzt kurzfristig Quereinsteiger in die Schulen zu holen, wird das Problem nicht lösen. Und an den Grundschulen werden häufig Leute vor die Klassen gestellt, die da nicht wirklich hingehören.

Der Warnstreik am Dienstag ist bereits der dritte in diesem Schuljahr. Es mehren sich Stimmen, die sagen, einerseits beklagt man den enormen Unterrichtsausfall, andererseits verursacht man ihn.

Dann soll man sagen, was wir stattdessen machen sollen. Das ist das Einzige, was wir tun können. Es gibt das Streikrecht. Bis jetzt haben die Eltern auch Verständnis dafür. Sie wissen, warum wir streiken. Das machen wir nicht gegen, sondern für die Schüler. Ich habe ja schon ganz böse Sachen aus dem Finanzministerium gehört: Die freuen sich, dass wir streiken, denn da sparen sie Geld, weil sie uns an dem Tag ja nicht bezahlen müssen. Die in den Gewerkschaften organisierten Lehrer bekommen wenigstens einen Teil zurück. Dafür ist die Streikkasse da.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.03.2013

Katrin Richter

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die neue Großkindertagesstätte in der Marienallee 12, die 118 Krippen- und 192 Kindergartenplätze bietet, wird in den Bedarfsplan Kindereinrichtungen aufgenommen.

09.09.2015

Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) erhält im Moment viel Post von Elternvertretern. Allerdings ist die OB nicht die einzige Adressatin, es handelt sich um offene Briefe.

09.09.2015

Es wäre eine hitzige Debatte geworden, die Diskussion zu den Elbeparkplätzen am Blauen Wunder in Loschwitz und Blasewitz. Doch Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) strich die Stellflächen von der Tagesordnung des jüngsten Stadtrates - es seien noch nicht alle Anfragen beantwortet worden.

09.09.2015
Anzeige