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Lehrermangel in Sachsen: "Geh’n Sie doch an die Grundschule!"

Lehrermangel in Sachsen: "Geh’n Sie doch an die Grundschule!"

Die Bildungsagentur sucht händeringend Lehrer. Andrea Kramer ist eine angehende Lehrerin. Die 29-Jährige brennt darauf, nach dem langen Studium endlich unterrichten zu dürfen.

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Andrea Kramer

Sie schließt jetzt ihr Referendariat am Hülße-Gymnasium ab. Ihr Notendurchschnitt: 1,8. Aussicht auf einen Job hat sie in Sachsen trotzdem nicht. Nicht am Gymnasium.

Frage: Wo und was haben Sie studiert?

Andrea Kramer: Gleich nach dem Abi bin ich von Görlitz nach Dresden gezogen und habe im Oktober 2001 angefangen, Lehramt für Gymnasien zu studieren. Es war ein germanistischer Studiengang für die Fächer Deutsch, Ethik und Philosophie. 2007 bin ich fertig geworden mit dem ersten Staatsexamen. Damals habe ich keinen Referendariatsplatz bekommen. Also habe ich ein Jahr im Handel gearbeitet, um die Zeit zu überbrücken, und noch ein halbes Jahr als Lehrer auf Abruf an der Internationalen Schule angehängt. Dann kam unser Sohn zur Welt, und nach dem Jahr Elternzeit hatte ich endlich die Zusage für das zweijährige Referendariat am Hülße-Gymnasium in Reick. Das waren zwei ausgesprochen harte, aber auch wunderschöne Jahre und ich hätte liebend gern als Lehrerin angefangen. Aber mit einem Schnitt von 1,8 hätte ich keine Chance, in Sachsen eine Stelle zu bekommen, hat man mir in der Bildungsagentur gleich gesagt. Selbst meine Freundin, die Deutsch und Geschichte studiert und mit 1,2 abgeschlossen hat, bekam kein Angebot.

Wann und wo haben Sie sich beworben?

Wir mussten uns bis Ende Februar schriftlich bei der Bildungsagentur bewerben. Es hieß, die ersten Angebote würden Ende Mai, Anfang Juni rausgeschickt. Wir Referendare haben von der Bildungsagentur die Information bekommen, dass die Stellen per E-Mail angeboten würden und wir binnen 48 Stunden reagieren müssten. Ansonsten sei das Angebot weg. Wer also gerade im Urlaub ist, hat eben Pech gehabt. So viel ich weiß, sind die 22 Stellen an Dresdens Gymnasien inzwischen alle vergeben.

Haben Sie eine Absage bekommen?

Nein. Man sagte uns, dass keine Absagen verschickt würden. Wer also bis 1. August nichts gehört hat, für den war's das. Die Ungewissheit ist deprimierend. Ich habe mich jetzt erst mal bei der Arbeitsagentur gemeldet - traurig, mit zwei Staatsexamen in der Tasche. Von den Referendaren, die ich kenne, haben nur Leute mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächerkombinationen eine Stelle bekommen.

Das dürfte das Problem sein. Vielleicht brauchte man Ihre Fächerkombination nicht...

Doch. Das ist es ja gerade. Am Hülße-Gymnasium werden Lehrer für Deutsch und Ethik gebraucht. Meine Schulleiterin wollte mich auch gern behalten. Ich habe dort die Schülerzeitung wieder zum Leben erweckt. Dieses Projekt hätten wir gern gemeinsam fortgeführt. Aber ob sich Schüler und Lehrer engagieren, interessiert scheinbar keinen. Soviel wie ich gehört habe, sollen auch ältere Kollegen aus den Ämtern wieder zurück an die Schulen geschickt werden. Ich frage mich, ob sie nach langer Zeit im Amt wieder motiviert genug sind. Wir junge Lehrer sind es jedenfalls - und werden ausgebremst.

Haben Sie sich nur für Dresden beworben?

Gegen Pirna oder Freital hätte ich auch nichts gehabt. Nur bis Chemnitz wäre ich nicht jeden Tag gefahren. Ich lebe ja hier mit meinem Mann, der eine Stelle als Ingenieur hat, und unserem dreijährigen Sohn.

Könnten Sie sich vorstellen, auch an eine Grundschule zu gehen? Dort werden dringend Lehrer gesucht.

Als ich meine Bewerbung in der Bildungsagentur abgegeben habe, wurde mir nahe gelegt, mein Kreuzchen nicht hinter das Gymnasium, sondern hinter die Grundschule zu setzen. Da könne man mir den Job garantieren, hieß es. Aber ich habe zehn Jahre studiert, um mit großen Schülern arbeiten zu können. Ich bin nicht ausgebildet als Grundschullehrerin. Ich weiß nicht, wie man ihnen am besten das Lesen und Schreiben beibringt. Natürlich könnte ich mir vorstellen, für zwei oder drei Jahre an einer Grundschule auszuhelfen. Uns wurde aber klipp und klar gesagt, dass wir dann auch die nächsten zehn Jahre dort verbringen müssten.

Was werden Sie jetzt tun?

Ich habe viele Bewerbungen geschrieben - und mich dabei auch außerhalb des Schuldienstes umgesehen. Was bleibt mir übrig? Aber das ist eigentlich nicht das, was ich machen möchte. Seit ich 18 bin, will ich Jugendliche unterrichten. Es ist deprimierend.

Haben Sie sich auch an einer Privatschule beworben?

Ja. Aber die Bezahlung in manchen Privatschulen ist reichlich unbefriedigend. Ich hoffe nun auf eine verbindliche Zusage der Hoga.

Könnten Sie sich vorstellen, aus Dresden wegzuziehen?

Eigentlich nicht, aber wenn ich hier nichts bekomme, werden wir es tun müssen.

Katrin Richter

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.07.2012

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