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Lokales Kriebelmücken – die Plagegeister aus dem Hinterhalt
Dresden Lokales Kriebelmücken – die Plagegeister aus dem Hinterhalt
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11:30 12.09.2018
Die Kriebelmücken ähneln im Aussehen eher Fliegen. Die Komplexaugen der Männchen sind deutlich größer als die der Weibchen. Quelle: Senckenberg Naturhistorische Sammlungen
Dresden

Solche Mistkriebel!....möchte man als Sachse schimpfen, wenn man die Auswirkungen einer unliebsamen Begegnung mit Kriebelmücken etwa beim Grillen an der Elbe oder beim Gießen im Garten spürt. Denn man hört und sieht die Insekten nicht, spürt auch nicht, wenn sie zubeißen. Doch Minuten später fängt die betroffene Stelle auf der Haut extrem an zu jucken.

Zunächst ist die Bissstelle als kleiner roter Punkt auszumachen. Wenn man Pech hat und vielleicht sogar noch allergisch reagiert, entsteht später an dieser Stelle ein eitriges Bläschen. Die betroffene Körperpartie schwillt zum Teil extrem an, wird rot, heiß und schmerzt. Es kann vier, fünf Tage dauern, bis die Schwellung verschwindet. Manchmal entstehen Blutergüsse, die noch lange Zeit zu sehen sind. Über die Plagegeister sprachen wir mit Uwe Kallweit. Er ist bei den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden Kustos für die Fliegen- und Mückensammlung.


Ist es eine subjektive Wahrnehmung, dass Kriebelmücken jetzt mehr in Erscheinung treten als noch vor 20 Jahren?

Uwe Kallweit: Es gibt eine verblüffend simple Erklärung dafür, dass wir Kriebelmücken in jüngster Zeit stärker wahrnehmen, als noch 25 oder 20 Jahren: die Qualität der Fließgewässer hat sich außerordentlich verbessert. Es ist nicht mehr lebensgefährlich, in der Elbe zu baden. Und davon profitiert die gesamte aquatische Tierwelt.

Welche Bedingungen brauchen besagte Insekten, um sich fortzupflanzen?

Kriebelmücken benötigen für ihre Entwicklung sauberes, fließendes Wasser. Ein Wiesengraben, ein Gebirgsbach und auch größere Flüsse bieten den Larven passenden Lebensraum. Die Larven heften sich an den Boden des Gewässers (Steine, Holz, Wurzeln etc.) und filtrieren die organische Fracht. Die Mücke verbringt also die meiste Zeit ihres Lebens im Wasser, das sie erst nach mehreren Häutungen und dem Puppenstadium zwecks Vermehrung verlässt. Männchen wie Weibchen saugen Nektar. Aber nur die Weibchen benötigen eine Blutmahlzeit für die Eiproduktion.

Unter welchen Bedingungen droht eine Massenvermehrung?

In Sachsen ist das Massenauftreten vom Zusammenspiel mehrerer Faktoren, wie Melioration, Renaturierung von Gewässern, Biodiversität in einem Gewässer abhängig. Kriebelmückenlarven sind Nahrungsgrundlage für andere Tiere, verschwinden diese, so trägt das zu einer Massenvermehrung bei.

Das synchrone Schlüpfen großer Mengen im Wasser überwinterter Larven oder auch späterer Generationen wird durch Erreichen einer bestimmten Wassertemperatur ausgelöst. Im Gegensatz zu der Situation in Mitteleuropa sind beispielsweise in der nordeuropäischen Tundra, in großen Teilen Kanadas oder Neuseelands im Sommerhalbjahr Mensch und Tier immer ungeheuren Mengen Kriebelmücken ausgesetzt. Man ist darauf eingerichtet, schützt sich entsprechend und nimmt es ansonsten recht gelassen oder wenigstens mit Humor.

Wie warm bzw. kalt muss das Wasser denn sein, damit die Larven schlüpfen?

Die Dauer eines Entwicklungszyklus vom Ei bis zur geschlechtsreifen Mücke ist sehr spezifisch und umweltabhängig, d.h. kann nicht pauschal angegeben werden. Beispielsweise von der in Mitteleuropa vorkommenden Art Simulium reptans ist bekannt, dass sie bei einer durchschnittlichen Wassertemperatur von 12°C für die Larvalentwicklung 3 Wochen benötigt. Der synchrone Entwicklungsstart der massenhaft abgelegten Eier beginnt schon bei wenigen Grad über Null. Ein Weibchen legt bis zu 300 Eier ab! Kriebelmücken können in unseren Breiten von April bis September als Blutsauger in Erscheinung treten, im Frühjahr jedoch wesentlich häufiger, als im Sommer.

Kriebelmücken stechen nicht, sondern beißen – richtig?

Vögel und Säugetiere werden von den weiblichen Mücken optisch und mit einem Kohlendioxid-Sensor aufgespürt. Mit einem spitzen, scharfen und sägeartigen Mundwerkzeug wird die Haut soweit aufgeschnitten, dass Blut austritt. Dabei befördert die Injektion eines gerinnungshemmenden Sekrets die Blutung. Der auf diese Weise entstandene Blutstropfen wird aufgeleckt. Die Mücke ist „satt“, wenn die Blutmenge ihrem eigenen Körpergewicht entspricht. Die kurzen Mundwerkzeuge der Kriebelmücke sind nicht dafür ausgelegt, durch Kleidung zu stechen. Im Vergleich dazu haben Moskitos einen sehr viel längeren Stechrüssel und erreichen die Haut durch das Hemd hindurch.

Was tun bei einem Kriebelmückenbiss?

„Auf keinen Fall kratzen und wenn es noch so juckt. Denn dann wird es nur noch schlimmer“, sagt die Dresdner Dermatologin Dr. Elke Kühn. „Am besten die Stelle kühlen. Gels, die Antihistaminika enthalten, oder milde, kortisonhaltige Lotions bzw. Cremes lindern den Juckreiz und die Entzündung. Diese Mittel sind frei verkäuflich und können in der Apotheke erworben werden. Keine Salbe nutzen!. Die ist zu fettig, da staut sich in der Haut die Hitze.“

Schwillt die Umgebung der Bissstelle jedoch übermäßig an, sollte man (wie bei Stichen und Bissen anderer Insekten auch) einen Arzt aufsuchen. Denn dann reagiert der Körper allergisch. Zudem droht eine Infektion, wenn (zum Beispiel durch das Kratzen) noch Keime in die Wunde gelangen. „Das kann sogar zu einer Blutvergiftung führen“, so Dr. Kühn. Sie verabreicht Patienten mit starken Schwellungen und Schmerzen gegebenenfalls „einen kurzen Kortisonstoß über vier Tage“. So gehe die Schwellung deutlich schneller zurück.

Welche Strecken können Kriebelmücken zurücklegen, wenn sie auf Nahrungssuche sind?

Kriebelmücken können bis 500 km weit fliegen, hauptsächlich trifft man sie aber in der Nähe ihrer Brutgewässer an. Ihre inaktive Zeit verbringen sie unter Laub, in Büschen und Bäumen. Von vielen Arten ist bekannt, dass sie kurz nach Sonnenaufgang und kurz vor Sonnenuntergang besonders aktiv sind.

Stimmt es, dass Kriebelmücken im Gegensatz zu Stechmücken nicht in Wohnungen fliegen?

Sie kommen nicht in die Wohnung, möglicherweise erlaubt das ihr Orientierungssinn nicht.

Übertragen Kriebelmücken Krankheiten?

In Mitteleuropa werden durch Kriebelmücken bisher keine schwerwiegenden Krankheiten übertragen und es gibt auch keine Todesfälle bei Menschen, etwa infolge der allergischen Reaktion. Anders ist die Situation bei Weidetieren. Die Wissenschaftler Doreen Werner und Jörg Grunewald weisen in ihrer Veröffentlichung „Kriebelmücken (Diptera, Simuliidae) und ihre Rolle als Krankheitsüberträger“ 2014 darauf hin, dass es in den letzten Jahren eine Änderung im Artenspektrum der Mücken gegeben hat und machen konkret die beiden Arten Simulium nigrum und Simulium reptans für mehrere Todesfälle an Rindern verantwortlich.

Und so etwas hat es vor 100 Jahren offensichtlich noch nicht in Mitteleuropa gegeben. Ein von vielen Tausend Mücken gebissenes Tier erleidet durch das injizieren von Speichelsekret eine Blutvergiftung und kann dem daraus folgenden allergischen Schock erliegen. Beispielsweise 2001 gab es solche Fälle auch in Sachsen.

Ich habe gelesen, dass es etwa 50 verschiedene Kriebelmückenarten gibt. Wodurch unterscheiden sie sich und wie viele Arten kommen in Sachsen vor?

Eine Artenzählung der Kriebelmücken in Sachsen gibt es bisher nicht. Von den 50 aus Deutschland bekannten Kriebelmückenarten sind vielleicht 25 in Sachsen zu erwarten, eine spekulative Zahl. In Sachsen-Anhalt jedenfalls waren es nach einer Erhebung im Jahr 2004 24 Arten, weltweit sind es fast 2000 Arten. Die 2 bis 5 mm langen Mücken haben eine kompakte Gestalt, sind grau, schwarz oder bräunlich gefärbt und ähneln eher einer Stubenfliege, als einem Moskito. Evolutionsbiologisch gehören sie zu den Mücken. Fliegen und Mücken sind Zweiflügler, also ohnehin sehr nahe verwandt. Eine weitgehend korrekte Unterscheidung der Arten ist anhand der Flügeladerung, Ausbildung der Extremitäten und der Beborstung sowie nach Geschlechtsmerkmalen möglich.

Von Catrin Steinbach

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