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Jugendfrei-Kolumnistin Lisa Höntzsch arbeitet im ecuadorianischem Regenwald

Ein Jahr im Dschungel Jugendfrei-Kolumnistin Lisa Höntzsch arbeitet im ecuadorianischem Regenwald

DNN-Jugendfrei hat eine neue Kolumnistin. Ab sofort wird die Dresdnerin Lisa Höntzsch in regelmäßigen Abständen aus dem Amazonas berichten. Die 25-Jährige hat sich dafür entschieden, ein ganzes Jahr im ecuadorianischen Regenwald zu verbringen, um das Projekt „Selva viva“ zu unterstützen.

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Lisa Höntzsch im Regenwald von Ecuador. Den Verzicht auf Facebook und Co empfindet die Politologin nicht als Verlust.

Quelle: Lisa Höntzsch

Dresden. DNN-Jugendfrei hat eine neue Kolumnistin. Ab sofort wird die Dresdnerin Lisa Höntzsch in regelmäßigen Abständen aus dem Amazonas berichten. Die 25-Jährige hat sich dafür entschieden, ein ganzes Jahr im ecuadorianischen Regenwald zu verbringen, um das Projekt „Selva viva“ zu unterstützen. Die Politologin tauscht den Bürostuhl gegen die Gummistiefel und packt in der Tierauffangstation „amaZOOnico“ mit an. Hier werden Tiere aus dem illegalen Tierhandel gesund gepflegt und wenn möglich später in einem sogenannten Schutzwald ausgewildert. Darüber hinaus gehört es auch zu den Aufgaben der Dresdnerin, Besucher durch den Regenwald zu führen und dabei Verständnis für die Fragilität dieses wichtigen Lebensraumes zu wecken. Der Preis für das Abenteuer in der Wildnis ist die Isolation und der Verzicht auf die moderne Technik. Die einzige Verbindung in die Zivilisation ist das Kanu. Internet gibt es nur in der mehr als zwei Stunden entfernten Kleinstadt Tena.

Die ersten Tage

Vor dem frühzeitigen Klingeln meines analogen und batteriebetriebenen Weckers werde ich vom lauten Prasseln der Regentropfen auf das Wellblechdach über mir geweckt. Unser Haus besteht fast vollständig aus Holz und ist durch die hohe Luftfeuchtigkeit vielerorts bereits angeschimmelt. An den friedlichen und durchgängigen Lärm des Dschungels, der mich bei jeder Wetterlage morgens als erstes begrüßt, habe ich mich zwar schnell gewöhnt, trotzdem bringt er jedes mal aufs Neue Glücksgefühle. Vorbei an bunten Hängematten und an Fenstern, die nur aus Moskitonetzen bestehen, mache ich mich auf den Weg ins spartanische Badezimmer, um meine kurze Waschprozedur zu vollziehen, die dem übermäßigen morgendlichen Verschönerungsaufwand, den ich noch in meinem europäischen Leben vorgenommen habe, in nichts ähnelt - nicht einmal beim Putzen meiner Zähne, das in Deutschland noch elektrisch betrieben war. In langer, dünner und weiter Arbeitskleidung mache ich mich auf den langen Weg in die Küche, wo ich jeden Tag ab sieben Uhr Früchte für die Tiere schneide. Ich lebe im Amazonasregenwald.

In Mitteleuropa ist es, während ich in Ost-Ecuador mit dem rostigen Messer durch die überreifen Papayas fahre, zwei Uhr Nachmittags. Millionen Menschen hatten gerade ihre Mittagspause und sitzen wieder an ihren Arbeitsplätzen im Büro. Als ich meine Arbeit noch sitzend an einem Tisch verrichtet habe, war Facebook mein täglicher Begleiter durch sämtliche lustlose Kurzzeitpausen. Hinz und Kunz haben dein Profilfoto kommentiert. Max Mustermann schickt dir eine Freundschaftsanfrage. Mittlerweile frage ich mich in Anbetracht dessen, wie wenig ich die alltägliche digitale Kommunikation hier vermisse, ob die permanente News-Feed-Scrollerei und Nachrichtenschreiberei tatsächlich die Sucht war, für die ich sie gehalten habe. All das waren wohl eher die beinahe unumgänglichen Strukturen der digitalisierten und vernetzten Gesellschaft, in die ich zwangsläufig integriert war. Zwar kritisieren viele die Seite mit dem blauweißen Logo, doch die wenigsten machen sich wirklich bewusst, wie fest wir in unserer Kultur der Vernetzung stecken. Vielmehr bin ich mit meiner steten Weigerung, mir ein Smartphone zuzulegen, zuletzt immer mehr zur Rarität geworden.

Doch geht es mir mittlerweile um viel mehr als nur die Abhängigkeit von sozialen Medien. Es geht mir darum, wie sehr die Kultur, die wir uns in den meisten Teilen des globalen Nordens geschaffen haben, das genaue Gegenstück der Natur darstellt, in der viele von uns zu leben glauben. Dabei haben wir die Natur so weit aus unseren tapezierten Stadthöhlen verdrängt, dass wir gar nicht mehr wissen können, wie sie sich eigentlich anhört oder anfühlt. Familiäre Ausflüge zur sonntäglichen Waldwanderung sind kein Bestandteil unserer alltäglichen Lebenswelt mehr, sondern eine Besonderheit, die kommende Generationen vielleicht immer seltener erleben werden. Und letztlich sind sie, als was wir sie bezeichnen – Ausflüge. Ausflüge, für die wir uns rüsten mit chemischem Mückenspray und Outdoor-Klamotten von Globetrotter als würden wir mit Betreten des weichen braunen Waldbodens unmittelbar unsere Gesundheit gefährden. Das ist weder lächerlich noch vollkommen unbegründet, allerdings kann man Verhältnismäßigkeit und vor allem Verhältnis zur Natur hier doch in Frage stellen. Denn genau dasselbe Bild, nur in verschärfter Form, bietet sich hier im Regenwald, wenn die europäischen und nordamerikanischen Touristen das Dschungelgebiet entern. Da lernen die Kichwas, die indigenen Einwohner, die in T-Shirt, Jeans und Gummistiefeln jeden Tag ihre mit Moskitospray ungeschützten Hände im Dreck haben, ständig neue ausgeklügelte Survival-Ausrüstungsteile kennen, von Taschenlampenleuchtinstallationen an verschiedenen Körperteilen bis Trekking-Rucksack mit befestigtem Trinkschlauch. Ich frage mich, ob sie die Europäer mit ihren sonnenschützenden Reisemützen für abenteuerlustig oder ängstlich halten.

Dabei scheinen mir die meisten meiner europäischen Mitbürger doch interessiert zu sein an dem, was die Welt jenseits unserer industrialisierten und technisierten Facebookwelt zu bieten hat. Wie oft habe ich schon den Ausspruch gehört, man müsse doch endlich einmal ausbrechen aus unseren zugepackten und mit Kommunikationsnetzwerken flächendeckend überspannten Betonwüsten. Doch hat man diesen Schritt dann einmal getan, so trifft man auf zig andere junge Menschen, die den gleichen Gedanken hatten und merkt an ihnen - und an sich selbst - wie sehr man doch sozialisiert wurde und verwoben ist mit all diesen Medien, die man so gerne eine Weile aus seinem Leben verbannt sehen möchte, und wie sehr iPod und Lautsprecher doch zum eigenen Alltag gehören, egal wo man ist. Dennoch sind die digitalen Unterhaltungs- und Kommunikationsmöglichkeiten hier glücklicherweise begrenzt und so sieht man die acht bis zehn Freiwilligen wie sie lesen, am Lagerfeuer sitzen und sich - ohne jegliche digitale Unterstützung - miteinander unterhalten. Plötzlich ist es auch eine ausreichend unterhaltsame und sinnbehaftete Tätigkeit, in der Hängematte zu liegen und den friedlichen Geräuschen des Dschungels zuzuhören. Zwar gibt es in Anbetracht der verhältnismäßig wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten von anderen Volontären häufig Einwürfe wie: Ein Jahr? So lange könnte ich mir das nicht vorstellen. Doch vielleicht ist genau das das Problem und vielleicht ist die Entscheidung, ein Jahr zu bleiben, vielleicht gerade eine Lösung dafür.

Lisa Höntzsch

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