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Lokales Inklusionsassistentin Jana Fiebig kümmert sich in Dresden um auffällige Kinder
Dresden Lokales Inklusionsassistentin Jana Fiebig kümmert sich in Dresden um auffällige Kinder
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13:33 18.07.2017
Jana Fiebig sitzt an der 113. Grundschule mit im Unterricht und hilft Kindern mit Förderbedarf.  Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

 Das wünscht sich mit Sicherheit jeder Lehrer, der tagtäglich vor 28 Schülern steht: einen Assistenten, der mit im Unterricht sitzt und sich um Kinder kümmert, die in irgendeiner Weise auffällig sind, die aus den verschiedensten Gründen nicht mitkommen, die sonst untergehen würden. Jana Fiebig ist so jemand. Seit September 2016 hilft die 41-Jährige an der 113. Grundschule „Canaletto“ 14 Kindern mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Sie ist damit eine von 19 Inklusionsassistenten an Dresdens Schulen. Sieben helfen an den Grundschulen, sechs an den Oberschulen, zwei an den Gymnasien, drei an Förderschulen und einer an einem BSZ. Dabei handelt es sich um ein Projekt, für das über fünf Jahre reichlich 50 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Freistaats für ganz Sachsen zur Verfügung stehen. Wissenschaftlich begleitet wird es von der TU Chemnitz (Professur für Allgemeine und Biopsychologie). Um fürs Klassenzimmer gewappnet zu sein, bekommen die Inklusionsassistenten zwei Weiterbildungsseminare von je zwei Tagen.

„Ich sitze mit drin im Unterricht und betreue 14 Kinder, die mir aufgefallen sind – weil sie sehr laut sind oder auch sehr ruhig, weil sie Schwierigkeiten mit dem Lernen haben oder Probleme zu Hause“, berichtet Jana Fiebig. Die Inklusionsassistentin hat die Schüler im Vorfeld im Unterricht beobachtet, mit den Klassenlehrern gesprochen und dann entschieden, welche Kinder die spezielle Förderung am nötigsten haben. Das sei eine freiwillige Angelegenheit und müsse von den Eltern mitgetragen werden. 40 Stunden pro Woche arbeitet Jana Fiebig in der 113. Grundschule. „Ich spreche mich vor- und nachher mit dem Lehrer ab, frage, worauf es ihm ankommt“, erklärt die 41-Jährige. Wenn es sich einrichten lässt, ist sie gleich drei oder vier Stunden hintereinander in einer Klasse. Die Kinder seien ihre Motivation, sagt die studierte integrative Lerntherapeutin. „Wenn sie dann zu mir kommen und mir sagen: ,Jetzt habe ich das mit den Malrechnen endlich verstanden’, macht mich das einfach glücklich“, meint sie. Klar gebe es auch anstrengende Stunden – wenn Kinder immer wieder störten, wenn es sehr laut sei in den Klassen.

Der Begriff „Inklusion“ entstand erstmals in den 1970er Jahren in den USA, als Mitglieder der Behindertenbewegung eine volle gesellschaftliche Teilhabe einforderten.

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat 2008 „Inklusion“ als Menschenrecht für Menschen mit Behinderungen erklärt. Inklusion (lateinisch „Enthaltensein“) bedeutet, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Oft wird einfach nur das Wort „Integration“ durch „Inklusion“ ausgetauscht – zum Beispiel weil es moderner klingt. Das ist aber nicht im Sinne des Erfinders: Inklusion meint mehr als die bloße Integration von „Abweichenden“ in eine sonst gleichbleibende Umgebung – sondern umgekehrt: die Anpassung dieser Umwelt an die jeweiligen Voraussetzungen der Menschen.

Das Ideal der Inklusion ist, dass die Unterscheidung „behindert/nichtbehindert“ keine Relevanz mehr hat.

Die Sache mit den Inklusionsassistenten ist im Übrigen keineswegs neu. In anderen Bundesländern würden sich die stillen Helfer der Lehrer seit Jahren bewähren, weiß Jana Fiebig. Sachsen ziehe hier gewissermaßen nach. Nicht verwechseln darf man die Inklusions- mit den Integrationsschülern, die leichte Behinderungen haben und auch mit in den Regelschulen sitzen. Nach Angaben von Petra Nikolov, Sprecherin der Bildungsagentur, Regionalstelle Dresden, werden in Dresden 201 solcher Grundschüler, 263 Oberschüler und 96 Gymnasiasten mit geistigen oder körperlichen Handicaps an den allgemeinbildenden Regelschulen integrativ unterrichtet. Dabei kann es sich um Behinderungen im Sehen (19 Schüler), Hören (54), in der körperlichen und motorischen Entwicklung (98), bei der Sprache (119), beim Lernen (29), in der sozial-emotionalen Entwicklung (237) und in der geistigen Entwicklung (4). Sachsenweit entspricht das einem Integrationsanteil von 32,8 Prozent, teilt das Kultusministerium mit. Noch vor zehn Jahren habe dieser Anteil bei knapp zehn Prozent gelegen. Integrationskinder würden allerdings nicht von den Inklusionsassistenten, sondern entweder von Schulbegleitern oder von den Lehrern betreut, die Integrationsstunden zur Verfügung haben.

Zahlen darüber, wieviele Kinder derzeit von Inklusionsassistenten unterrichtet werden, liegen der Bildungsagentur nicht vor. Eins aber glaubt man gern: „Eigentlich müsste es an jeder Schule wenigstens einen Inklusionsassistenten geben“, sagt Jana Fiebig. Organisatorisch läuft die Sache jedenfalls so: Die Schulen bewerben sich für das Projekt. Diverse Trägervereine wie die Malteser bewerben sich darum, die Schulen mit Inklusionsassistenten ausstatten zu dürfen. Jana Fiebig beispielsweise arbeitet seit vier Jahren beim katholischen Malteser-Hilfsdienst. Der beschäftigt sechs Inklusionsassistenten an Dresdens Schulen, am Erlweingymnasium, an der 19. 50. und 113. Grundschule sowie an der 9. und der 128. Oberschule. Wer als solcher arbeiten möchte, muss nach Informationen von Marie Sukovsky, die bei den Maltesern den Schulbegleitdienst koordiniert, mindestens eine Ausbildung als staatlich anerkannter Erziehungspfleger oder Erzieher vorweisen können. Eine Reihe Kollegen seien auch Sozialpädagogen und Heilpädagogen. Oder Lerntherapeuten – so wie Jana Fiebig.

Von Katrin Richter

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