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Lokales Infinus-Verhandlung beginnt am Montag in Dresden
Dresden Lokales Infinus-Verhandlung beginnt am Montag in Dresden
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09:42 16.11.2015
Alles nur ein Spiel? Die Manager des Finanzfirmengeflechts Infinus haben in Zeiten niedriger Zinsen mit Traumrenditen gelockt. Zehntausende sind ihnen ins Netz gegangen und haben sich von absurden Versprechen locken lassen. Quelle: Montage: Alexander Eylert
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Dresden.

Man nehme: Scher schlagbare Gewinnversprechen, eine seriöse Fassade, begabte Spieler, ein nur für Eingeweihte durchschaubares Labyrinth, die Option auf strategische Erweiterungen und viele, viele ahnungslose Mitspieler, die das Kleingeld fürs große Ganze liefern. Fertig ist "Infinus - das Millionenspiel".

Für Kleingeister ist das Spiel ungeeignet. Denn ganz nach Daniel Burnham, dem Architekten aus Chicago, lautet die Devise: Mach große Pläne und denke groß. Es geht um eine gute Nase für einträgliche Geschäfte, Ideenreichtum, rigorose Strategiewechsel, viel Überzeugungskraft und jede Menge Geschicklichkeit. Tugenden also, die deutschem Unternehmertum schon immer gut zu Gesicht standen. Das in manchen Augen weniger tugendhafte Ziel des Spiels ist es, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Wer dabei mit einem Bein im Gefängnis landet, muss zwingend vermeiden, auch noch das zweite dort hinein zu stellen. Soweit zur Moral.

Jörg Biehl dürfte Großes im Blick gehabt haben, als er im Jahr 2000 die Future Business KG aA (FuBus) gründete. Ganz sicher hatte er nicht vor, gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern Andreas Kison, Rudolf Ott, Kewan Kadkhodai und Jens Pardeike sowie mit Fubus-Aufsichtsrat Siegfried Bullin dort zu landen, wo sie heute stehen: vor Gericht.

Er wollte Geld machen. Biehls Fubus tummelte sich zunächst im Versicherungs-Zweitmarkt, kaufte kapitalbildende Lebensversicherungen mit niedrigen Rückkaufswerten auf und überredete die Kunden danach, neue Produkte bei ihr zu erwerben. Der Erfolg brachte prima Abschlussprovisionen, die Zahl der Tochterunternehmen wuchs mit dem Erfolg. Am Ende der Rallye im November 2013 gingen immerhin 19 der 22 angeschlossenen Firmen in die Insolvenz. Weil die meisten von ihnen "Infinus" im Namen führten, firmiert der Fall auch unter dieser Bezeichnung in der Öffentlichkeit.

Lange ging es der Fubus - oder bleiben wir beim inzwischen gängigen Namen: Infinus - zumindest nach außen hin gut. Lange waren auch die Käufer glücklich, denn tatsächlich flossen die versprochenen Renditen von 6 bis 8 Prozent. Sie flossen auch noch zu Zeiten, als die Finanzkrise die Bankzinsen immer weiter unter die 1-Prozent-Marke drückte. Die Anleger kamen weiter in Scharen, und die Frage muss erlaubt sein, an welche gottgleiche Macht sie glaubten, als sie den Managern ihr Erspartes in den Rachen warfen. Risikofreie Anlage? So naiv kann in den Jahren massenhafter Bankenpleiten eigentlich niemand mehr gewesen sein.

Dunkle Goldgeschäfte?

Geld kam trotzdem weiter in die Kassen. Doch die versprochenen Renditen zu erwirtschaften, erwies sich spätestens 2011 als aussichtslos. Da das Versicherungsgeschäft schon gewaltig lahmte, schwenkten Biehl und Co um auf Edelmetallsparpläne, Beteiligungen und Immobilien - durchaus nicht ohne Erfolg. Dass es bei den ertragreichen Goldsparplänen eine Art Provisionskarussell gegeben haben soll, dürfte beim nun beginnenden Dresdner Prozessmarathon zu den Argumenten gehören, mit denen die Ankläger ihren Betrugsvorwurf untermauern. Denn die als Gewinn verbuchten Provisionen sollen die Bilanzen der FuBus künstlich aufgebläht und ihr Überleben ebenso künstlich verlängert haben.

Womit wir dort angekommen wären, wo das Spiel kippte. Denn die Gewinnversprechen wurden zwar weiter bedient, doch die klaffenden Löcher mit neu akquiriertem Kundengeld gestopft. Schneeballsystem nennen Juristen das und bestrafen es, wenn sie einem auf die Schliche kommen. Die Staatsanwaltschaft Dresden wirft den sechs angeklagten Infinus-Managern vor, genau so ein System betrieben zu haben und will sie deshalb wegen gewerbsmäßigen Betrugs im besonders schweren Fall und Kapitalanlagebetrugs drankriegen.

Das Bild von den schlimmen Zockern auf Kosten kleiner Anleger komplettierten Details, die nach der Razzia durch Polizei und Ermittler am 5. November 2013 zutage traten. Denn die Infinus-Chefs dachten nicht nur groß, sie lebten mehrheitlich auch auf großem Fuß: schnittige Yachten, edle Uhren, teure Pelzmäntel, Gemälde, Gold. All das - Gesamtwert: 14,5 Millionen Euro - wurde sichergestellt, als ihre Büros und Wohnräume durchsucht wurden. Dem Leben in Saus und Braus folgte der tiefe Fall. Die Unmoral hatte Gesichter. Fünf der sechs Beklagten haben seitdem - ganz gegen die Spielstrategie - zwei Beine im Gefängnis: Seit zwei Jahren sitzen sie in Untersuchungshaft und warten auf ihren Strafprozess.

Wie immer gibt es auch eine andere Sicht auf die Dinge. Fast naturgegeben scheint, dass die Angeklagten die Vorwürfe bestreiten. Ähnlich nachvollziehbar vielleicht, dass ihre Anwälte die lange Dauer der Untersuchungshaft etwas polemisch als Beugehaft kritisieren. Hartnäckig aber hält sich von Anfang an der Vorwurf, Infinus sei überhaupt nur durch die Razzien Pleite gegangen. Obwohl ein von der Staatsanwaltschaft beauftragtes Gutachten der Wirtschaftsberater von Deloitte bestätigt, dass das Geschäftsmodell auf Dauer nicht tragfähig gewesen sei. Was aber tatsächlich dran ist an überhöhten Provisionen und dunklen Kickback-Geschäften, wird wohl erst der Prozess zeigen, der heute beginnt.

Unklare Schadenssumme?

Weil unmittelbar nach der Razzia fast alle Unternehmen des Infinus-Geflechts in die Insolvenz gingen, blieben viele Kunden auf der

Strecke - vom Kleinstanleger bis zur Ordensgemeinschaft der Armen Brüder des heiligen Franziskus, die 7,5 Millionen Euro drangab. Die Ankläger um Oberstaatsanwalt Kai Dömland geben die Zahl der geschädigten Anleger mit rund 22 000 an, die Schadenssumme mit 150 bis 312 Millionen Euro - nach oben offen. Jedoch haben sie nur einen Teil der Vorwürfe verfolgt, um das Verfahren zu beschleunigen. Weshalb sie den tatsächlich entstandenen Schaden höher schätzen. Allein zwischen 2011 und 2013 nämlich hätten 40 000 Anleger rund 1,3 Milliarden Euro in Infinus-Anlagen investiert.

Die Zahlen, mit denen die Anklagebehörde operiert, sorgen für Stirnrunzeln bei den Verteidigern. Stefan Heinemann vertritt den einstigen Chef der blauen Infinus, Jens Pardeike, der nach einem Teilgeständnis Anfang 2014 als einziger der sechs Beklagten gegen Kaution auf freiem Fuß ist. Heinemann hat das Deloitte-Gutachten gelesen. Und viele Fragen. "Eine ungefähre Schadenssumme?" Das gehe so nicht. Wenn jemandem Betrug vorgeworfen werde, verlange der Bundesgerichtshof einen klar definierten Schaden. Den bleibe das Gutachten schuldig. "Außerdem erscheint mir auch die Methodik zweifelhaft", schiebt Heinemann nach und lässt erkennen, wo die Verteidiger - insgesamt sind es zwölf - beim heutigen Prozessauftakt wahrscheinlich ansetzen werden.

Egal, was der nun beginnende Strafprozess unter Leitung des versierten Strafrichters Hans-Schlüter-Staats zutage fördert: Ob Infinus eine aus dem Ruder gelaufene gute Geschäftsidee war oder ob tatsächlich kriminelle Energie im Spiel war - am Ende bleibt: Zehntausende Anleger haben viel Geld verloren. Game over.

Von Barbara Stock

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