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Lokales In Dresden begann die Geschichte der modernen Feuerbestattung
Dresden Lokales In Dresden begann die Geschichte der modernen Feuerbestattung
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15:03 26.11.2017
Die Engländerin Lady Katherine Dilke ist am 9. Oktober 1874 in Dresden in einem von Siemens entwickelten Leichenverbrennungsofen verbrannt worden. Es war die weltweit erste Einäscherung in geschlossenem Feuer. Die Überreste verwahrt das Dresdner Stadtarchiv.  Quelle: Anja Schneider
Dresden

 Ist man später länger tot als man vorher nicht geboren war? Eine hochphilosophische Frage mit genau jener Prise zauberhafter Verschrobenheit, die – danke Stefan Schwarz – das Thema Tod tauglich macht für die weinselige Debatte am Küchentisch. Dabei landen für gewöhnlich all jene, die die Auferstehung im biblischen Sinne erhoffen, früher oder später bei der Gewissensfrage: beerdigen oder verbrennen?

Feuerbestattung 1874 Straßenthema

Genau diese Frage war im Jahr 1874 Straßenthema, denn damals trieben aufgeklärte Geister wie der Dresdner Medizinalrat Gottlieb Heinrich Friedrich Küchenmeister (1821-1890) den Kampf für die Feuerbestattung voran. Küchenmeister hatte ein Jahr zuvor den Dresdner Verein „Die Urne – Verein für facultative Leichenverbrennung“ – naja – ins Leben gerufen, weil nicht nur er die Fäulnis- und Verwesungsgase, die bei einer Erdbestattung entstehen, für gefährlich hielt. Sie würden den Boden der Begräbnisstätten vergiften, argumentierte er und führte massenhaft hygienische, humanitäre und ästhetische Gründe an, die für eine Einäscherung sprachen. Auch verringerte Beerdigungskosten, mehr Platz auf den oft überfüllten Friedhöfen und eine Entlastung des Grundwassers gehörten zum Werbe-Standardrepertoire.

 Heftige Gegenwehr der Kirchen

Natürlich ließen sich die hiesigen Kirchen die Hoheit über den angemessenen Heimgang möglichst vollständiger Gebeine in der Nähe eines Gotteshauses nicht so einfach wegreden. Sie warfen – die Auferstehung beschwörend – all ihr Jenseitswissen in die Waagschale, um säkuläre Tendenzen im Keim zu ersticken. Selbst ein Zugpferd wie der Sprachforscher Jacob Grimm, der schon Mitte des 19. Jahrhunderts Vorträge über die ästhetischen Vorzüge der Feuerbestattung als Alternative zum Erdgrab hielt, konnte damals nicht mit seinen Reformansätzen reüssieren.

 Doch was zur Sprache kommt, ist in der Welt. Mit der Industrialisierung verloren die Kirchen weiter an Einfluss, die Verwissenschaftlichung des Denkens tat ein Übriges. Die „Urnen“-Bewegung kam europaweit in Fahrt, und es brauchte nicht zwingend Küchenmeisters Anstrengungen, aus alten Schriften die christliche Legitimation für eine Einäscherung herzuleiten. Das Edikt von Paderborn, in dem Karl der Große im Jahre 785 die Verbrennung untersagt hatte, geriet durch schlicht praktische Vorzüge ins Wanken: Die Feuerbestattung war platzsparend und preiswert, Punkt.

1874 wurde in dem von Friedrich Siemens in Dresden entwickelten Ofen zur Leichenverbrennung die Engländerin Katherine Dilke eingeäschert. Mit diesem damals nur halblegalen Akt begann der Siegeszug der Feuerbestattung. Denn es zeigte sich: Eine pietätvolle und hygiensche Verbrennung war möglich.

Aber das Beharrungsvermögen der Kirchen war groß. Die Protestanten akzeptierten die Einäscherung erst in den 1920er Jahren, die katholische Kirche brauchte bis 1963! Das allerdings ist eine andere Geschichte.

Lady Dilkes Vermächtnis

Zurück also ins späte 19. Jahrhundert und zum – Entschuldigung – Urknall der Kremierung. Der nämlich ging von Dresden aus. Lady Katherine Dilke (geboren 1842, gestorben 1874), erste Ehefrau des bekannten britischen Unterstaatssekretärs Sir Charles Dilke, hatte testamentarisch verfügen lassen, nach ihrem Tod verbrannt zu werden. In England damals eine Todsünde – entsprechend heftig waren die Hetzkampagnen Londoner Zeitungen. In Dresden aber gab es dank einiger ambitionierter Herren zumindest technisch eine solche Möglichkeit, wenn sie auch noch nicht offiziell erlaubt war.

Als Katherine im Alter von 28 Jahren im Kindbett starb, setzte ihr adliger Gatte Himmel und Hölle (jawohl!) in Bewegung, um ihren letzten Willen zu erfüllen. Er ließ sie nach Dresden bringen.

Zuvor hatte der bereits erwähnte Medizinalrat Küchenmeister mit Unterstützung des Leipziger Polizeiarztes Carl Reclam den Ingenieur Friedrich Siemens dazu überredet, in seiner Dresdner Glasfabrik auf der Freiberger Straße einen Regenerationsofen für Leichenverbrennungen zu entwickeln. Erste erfolgversprechende Versuche gab es im Sommer 1874 mit Tierkadavern von Pferden, Schweinen und Hammeln, wie die Historikerin Carola Schauer, stellvertretende Chefin des Dresdner Stadtarchivs, in ihrer Abhandlung „Tod und Bestattung in Dresden“ beschreibt. Auch die Dresdner Nachrichten hatten am 5. Juni 1874 von den „drei toten Hunden und einem Pferdeschenkel“ berichtet, die allesamt am 2. Juni zu Testzwecken verbrannt worden waren.

Am 9. Oktober schließlich sollte sich Lady Dilkes letzter Wille erfüllen. Einbalsamiert, in Tücher gewickelt und in einen Eichensarg gebettet – der wiederum in einem verlöteten Metallsarg steckte, den eine Holzkiste umhüllte – hatte Katherines Leiche Dresden zuvor per Eisenbahn erreicht. Begleitet wurde der Frachtgut-Transport vom Bruder ihres Gatten und dem Testamentsvollstrecker der Toten.

Einäscherung unter strenger Beobachtung

Der Einäscherung in der Glasfabrik von Siemens wohnten Vertreter diverser Ämter, der Presse, der Kirche sowie Journalisten und Mediziner bei. „Nachdem der deckellose Eichensarg in den Ofen eingeführt worden war, dauerte die Verbrennung eine Stunde und 15 Minuten“, schreibt Schauer. „Übrig blieb nur Asche, worin nur noch kleine Knochenstücke enthalten waren.“

Mit diesem für die damalige Zeit unerhörten Akt begann die Geschichte der modernen Feuerbestattung. Es war die weltweit erste Einäscherung in einem geschlossenen Feuer und sie belegte, dass es technisch möglich ist, Leichen hygienisch einwandfrei und zugleich pietätvoll zu verbrennen. Küchenmeister berichtete darüber unverzüglich in der Zeitschrift „Deutsche Klinik“. Die drei Seiten lange, ungemein detailgetreue Niederschrift fand weltweit Aufmerksamkeit. Den Bericht in der Londoner „Times“ vom 10. Oktober 1874 druckte am 27. Oktober sogar die „New York Times“ nach

Zeitungsbericht Deutsche Klinik (3,4 MB)

Stadtrat lässt Feuerbestattungs-Anhänger abblitzen

Küchenmeister, der auch Stadtverordneter in Dresden war, stellte kurz darauf gemeinsam mit anderen Feuerbestattungs-Anhängern ein Gesuch an das Stadtverordnetenkollegium, Leichenverbrennungen in Dresden zuzulassen. Doch das stieß nicht auf Gegenliebe. Auch der zwei Jahre später in der sächsischen Hauptstadt abgehaltene erste Europäische Kongress der „Freunde der Feuerbestattung“ erzeugte kaum Druck auf die Kommunalpolitiker der Barockstadt: Kirchenlobby und Gesetzeslage bildeten eine schier unstürmbare Bastion.

Einäscherung immer populärer

Nach Branchenschätzungen wurde für fast zwei Drittel der jährlich rund 860 000 Verstorbenen in Deutschland die Einäscherung gewählt. 2011 waren es noch 55 Prozent. Der Bundesverband Deutscher Bestatter rechnet mit einem weiteren Anstieg. In Dresden sind zuletzt rund 80 Prozent der Toten verbrannt worden.

Noch mehr als 30 Jahre mussten vergehen, bis endlich auch an der Elbe der Bau eines Krematoriums möglich wurde. In Deutschland machte damals Gotha das Rennen, wo 1878 das Verbrennungssystem von Siemens zur Anwendung kam. Heidelberg folgte 1891, Hamburg 1892.

1908 baut Dresden sein erstes Krematorium in Tolkewitz

Das Königreich Sachsen erließ erst 1906 das „Gesetz zur Feuerbestattung“, das Innenministerium erteilte Genehmigungen zur Errichtung von Leichenverbrennungsanlagen. Bau und Betrieb sollten in der Hand von Städten und Kommunen liegen.

1908 stimmte der Dresdner Stadtrat schließlich dem Bau eines Krematoriums zu – weit draußen, in Tolkewitz. Dort erwarb die Stadt ein rund drei Hektar großes Waldstück und steckte eine Million Mark in das heute als größtes Jugendstilgebäude Sachsens geltende Krematorium mit Feierhalle. Entworfen hat es der Dresdner Architekt Fritz Schumacher, Stadtbaurat Hans Erlwein hat den Bau überwacht. Von 1911 bis 1994 waren dort die weiterentwickelten Öfen von Siemens in Betrieb. Nach einer Interimslösung betreibt der Tolkewitzer Friedhof seit 2005 eine moderne Verbrennungsanlage.

Friedhöfe verlieren immer mehr an Bedeutung

Lady Dilke hat also eine Revolution im Bestattungswesen eingeleitet, die sich bis heute fortsetzt und immer neu verästelt. Nicht nur, dass die Asche inzwischen auch in Wäldern versenkt oder an prominenten Orten bzw. im Meer verstreut werden kann, auch die Möglichkeit, die Asche in kleinen Metallzylindern ins Weltall zu schießen oder daraus Diamanten zu pressen, sägt weiter an der Bedeutung von Friedhöfen als Grablege.

Doch warum sind die sterblichen Überreste der jungen Engländerin gut 140 Jahre später im Dresdner Stadtarchiv zu finden? Archivchef Thomas Kübler erzählt: „1991 rief mein Namensvetter, der Insolvenzanwalt Bruno M. Kübler, an. Er müsse da eine Fabrik abwickeln, auf die wir bestimmt gern einen Blick werfen würden.“

 Überraschungsfund im Safe der Glasfabrik

Die Historiker wollten. Denn es handelte sich um genau jenes Löbtauer Glaswerk, in dem einst Friedrich Siemens gemeinsam mit dem Ingenieur Richard Schneider seinen Leichenverbrennungsofen entworfen und gebaut hatte und in dem damals Lady Dilke verbrannt worden war. Das spätere DDR-Kombinat bestand nach der Wende noch ein Jahr lang als Sächsisch-Brandenburgische Glashütten GmbH, ehe die Treuhand am 20. Dezember 1991 den Daumen senkte.

Als die Stadtarchivare in dem Gebäude einen Tresor öffneten, war die Überraschung groß. Neben vielen Unterlagen fand sich das sorgfältig beschriftete Fläschchen mit der Asche von Katherine! Warum die Überreste nicht nach England zurückgekehrt waren, lässt sich nicht mehr ergründen, sagt Thomas Kübler, Papiere dazu fanden sich nicht. Nun ruhe die Asche in einer Urne in seinem Archiv. Ab 4. Dezember 2017 übrigens, so Kübler, werde sie als Teil einer neuen Ausstellung bis zum 30. März 2018 zu besichtigen sein.

Was Lady D. wohl zu so viel später Öffentlichkeit sagen würde? Vielleicht – das ewige Seelenleben unterstellt – blickt die Vorreiterin der Feuerbestattung gnädig auf das herab, was hier unten heute noch mit ihr geschieht, lächelt still und ändert die Einstiegsfrage: Ist man wirklich weg, wenn sich die Welt noch so intensiv an einen erinnert?

Von Barbara Stock

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