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Immer mehr dicke Kinder: Wenn der Bauch über den Verstand siegt

Immer mehr dicke Kinder: Wenn der Bauch über den Verstand siegt

Kinder werden immer dicker. Das ist keine Vermutung, das ist eine Tatsache. Übergewicht und die so genannte Fettleibigkeit (Adipositas) sind die neuen Volkskrankheiten.

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Kinder- und Jugendarzt Jobst Henker warnt: Immer mehr Menschen - vor allem Kinder - werden in den westlichen Industrieländern übergewichtig.

Quelle: Carola Fritzsche

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach bereits vor einigen Jahren von einer Epidemie für Europa. 2005 ist Deutschland laut WHO weltweit auf den dritten Platz gerückt, was die Anzahl der Adipositas-Patienten innerhalb der Bevölkerung angeht.

2006 folgte eine bundesweite Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Diese so genannte KiGGS-Studie kommt zu besorgniserregenden Ergebnissen: Jedes sechste bis siebte Kind ist übergewichtig. Adipös ist jedes 16. Kind im Grundschulalter sowie jeder zwölfte Jugendliche ab 14 Jahren. Verglichen mit den Werten aus dem Jahr 1985 gibt es heute 50 Prozent mehr Kinder mit Übergewicht und doppelt so viele mit Adipositas. Dabei ist kein großer Unterschied zwischen Jungen und Mädchen festzustellen. Andere wissenschaftliche Projekte, wie die europaweit durchgeführte HELENA-Studie (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescence) von 2008, belegen falsches Essverhalten, wie auch die aktuelle Foodwatch-Studie.

"Die meisten Übergewichtigen wissen, dass das, was sie essen, nicht gesund ist. Sie sagen selbst: Nicht der Kopf, sondern der Bauch entscheidet", erklärt Jobst Henker. Bis 2006 war der Kinder- und Jugendmediziner Leiter des Arbeitsbereichs "Gastroenterologie und Ernährung" an der Dresdner Uni-Kinderklinik, über zehn Jahre war er Mitglied in der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und berät seit zwei Jahren in einer Spezialsprechstunde des Kinderzentrums Dresden-Friedrichstadt Kinder mit Magen-Darm-Erkrankungen und Essstörungen. Übergewicht betreffe aber nicht nur die Kinder und Jugendliche, weiß der Mediziner. "53 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen über 50 Jahre sind übergewichtig."

Gründe dafür gibt es viele. "Eine nicht altersgerechte, zu süße und zu fettreiche Ernährung sowie mangelnde Bewegung sind die Hauptursachen. Aber es gibt auch noch andere Komponenten", so der Kinderarzt. Zu wenig oder zu viel Schlaf könne ebenfalls dazu beitragen. "Bei Schulkindern und Erwachsenen sind acht Stunden empfehlenswert."

Schon während der Schwangerschaft werden Weichen für die Entwicklung des Kindes gestellt: "Wenn die werdende Mutter übergewichtig ist, wird die Leibesfrucht durch hormonelle Störungen bei der Mutter oft übergewichtig geboren und neigt später zum Dickwerden", erläutert Henker. Schon im Säuglingsalter beginne die richtige Ernährung. "Mediterrane Kost mit viel frischem Gemüse ist wichtig", sagte Henker. Hinzu komme, dass Kinder oft zu viel gesüßte Getränke bekommen. "Das ist ungesund", warnt der Experte und empfiehlt Wasser oder ungesüßten Tee. Eltern sollten ihre Kinder zudem nicht mit Schokolade oder anderen Süßigkeiten belohnen oder trösten.

Doch nicht nur das (Ess-) Verhalten ist ein Grund. Eine wichtige Rolle spielt die Überflutung mit Werbung in den Medien. Häufig werden Nahrungsmittel als gesund deklariert, die es eigentlich nicht sind. Besonders auf Kinderessen trifft dies zu. Das Schlimme ist, dass genau diese Werbung auf die jüngeren Zuschauer zugeschnitten wird. "Kinderfang mit Werbetricks" war auf Spiegel-Online im März zu lesen. Mediziner Henker findet besonders eine Taktik der Industrie unverständlich: "Kinder haben viele Vorbilder im Sport. Dann sehen sie die Klitschko-Brüder, wie sie Werbung für die Milchschnitte machen." Verkehrte Welt.

"Es ist ein Gesellschaftsproblem" attestiert Henker. "Jährlich werden in Deutschland 60 Milliarden Euro für Erkrankungen ausgegeben, die durch falsche Ernährung bedingt sind." Das sei ein Extrem der westlichen Industriestaaten. "Das andere Extrem sehen wir in der Dritten Welt und bei den Hungerkatastrophen", mahnt Henker. Weltweit würden 900 Millionen Menschen an Unterernährung leiden - allein 170 Millionen Kinder seien betroffen. "Uns geht es einfach zu gut."

Doch was machen, wenn es zu spät ist und die Kilos wieder runter müssen? Die richtige Ernährung ist die eine Sache. Bewegung ist die andere. "Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde Bewegung muss drin sein. Auch Kinder können joggen. Ist das Übergewicht aber zu groß, sollte man die Gelenke schonen und lieber schwimmen oder Fahrrad fahren", rät der Mediziner. Empfehlenswert sei eine ärztliche Beratung. Und: "Mehr als eine Stunde pro Tag TV fördert Übergewicht." Der unbemerkte, aber schädliche Griff in die Chipstüte dürfte uns allen bekannt sein.

Ein wichtiger Punkt beim Abnehmen ist laut dem Experten zufolge auch: "Ja nichts überstürzen." Die Gewichtsreduzierung sollte auf einen längeren Zeitraum ansetzt werden, sonst folge der Jojo-Effekt und die Pfunde sind schnell wieder da. Die Übergewichtigen müssen Ernährung und Lebensstil komplett umstellen. Ganz wichtig ist, dass die gesamte Familie dabei mitmacht. "Es kann ja nicht sein, dass die Eltern Eisbein essen, während das Kind nur einen Salat bekommt", erklärt der Mediziner. Wenn aber der Wille nicht da ist, haben Abnehmkuren keinen Sinn, das weiß Prof. Henker von seiner Arbeit her. "Man muss es wirklich wollen!"

Hand aufs Herz: Wir wissen es eigentlich. Etwas stimmt nicht. Und es wird schlimmer. Die Zukunftsprognosen der Wissenschaftler sehen nicht rosig aus, sondern eher - rund.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.05.2012

Annette Thoma

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