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Lokales Im März 2018 ist das Hochhaus am Pirnaischen Platz dicht
Dresden Lokales Im März 2018 ist das Hochhaus am Pirnaischen Platz dicht
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22:11 27.09.2017
Erst vor wenigen Monaten hatte es in dem Haus gebrannt.  Quelle: Stephan Lohse
Dresden

Unsaniert und marode, aber mit günstigen Mieten und sensationeller Aussicht – viele der knapp 40 Wohnungsmieter wären lieber dringeblieben im Hochhaus am Pirnaischen Platz in Dresden. Nun aber müssen sie raus. Am Mittwoch teilte die Stadt mit, dass die Bauaufsicht eine Nutzungsuntersagung verfügt hat. Bis Ende Februar 2018 müssen die letzten Wohnungen in dem 13-Geschosser leer sein. Die fünfmonatige Frist soll dem Eigentümer, einer Berliner Firmengruppe, die Chance geben, seinen Vermieterpflichten nachzukommen, indem er sich um die verbliebenen Mietparteien kümmert und dafür sorgt, dass deren Umzüge geordnet ablaufen können.

Einst moderne Architekur - heute ein verwahrloster Klotz im Dresdner Zentrum. Seit Jahren wartet das Haus auf seine Modernisierung. Im Inneren steht vieles leer. Die Flure sind voller Grafitti, es riecht an vielen stellen beißend nach Urin. Trotzdem haben wir uns einmal umgesehen.

Bei den aktuellen Bewohnern handelt es sich in fast allen Fällen um Hartz-IV-Empfänger oder Rentner, die aktuell Warmmieten um die 300 Euro zahlen. „Einen Umzug kann ich mir als Rentnerin nicht leisten. Ich weiß noch nicht, unter welche Brücke ich nun ziehe“, sagt Rentnerin Rita Schalich. Nachdem die 71-Jährige die Botschaft von der Nutzungsuntersagung erhalten hatte, machte sie sich gleich auf zum Mieterverein, um sich beraten zu lassen.

Auch Mieter Ferry Rekitt hat Zukunftsängste, macht aber mit deutlichen Worten seine Erwartungen klar: „Wenn ich hier raus soll, dann nicht ohne Geld. Ich habe alles in der Wohnung selber gemacht und finanziert, darunter die Einbauküche. Ohne Mietminderung bin ich hier lange genug verarscht worden. Ich erwarte, dass alle betroffenen Mieter nach dem Auszug ihre gewohnten Lebensqualitäten ohne Mehrbelastung wieder erhalten. Vermieter, Stadt und Jobcenter sollten sich in vollem Umfang beteiligen“, so Rekitt.

Seit acht Jahren wohne er in dem als „Assi-Hochhaus“ verschrienen Bau. Dass es seither mehrfach verkauft worden sei – zuletzt am 8. Juli an die jetzigen Besitzer – kann er nicht nachvollziehen: „Von meinen Großeltern habe ich noch gelernt, dass Eigentum verpflichtet. Mir kommt das vor wie Geldwäsche. Das ist eine reine Kapitalanlage, wo der Mensch nichts zu melden hat“, schimpft Rekitt. Die seit Jahren versprochene Sanierung sei ausgeblieben, die Heizung ist noch nicht intakt. Auch der Dreck im Treppenhaus, der im Sommer beim Bau einer Musterwohnung entstand, sei nicht entfernt worden. Ferry Rekitt, der vom Balkon im elften Stock auf die Frauenkirche schaut, ahnt den Grund: „Das ist eine 1A-Lage. Wir Hartz-IV-Empfänger sollen hier rausgewohnt werden, weil man den Braten gerochen hat für zahlungskräftigere Mieter.“

Stefan Stift, der die Eigentümer vertritt und mit der Sanierung des Gebäudes beauftragt ist, entgegnet: „Ich bin kein Brutalo-Entmieter, mir tut das leid.“ Dass eine Nutzungsuntersagung kommt, sei beim Kauf des Gebäudes noch nicht abzusehen gewesen. „Es baut sich allerdings einfacher ohne Mieter“, gibt er zu. Die Mietparteien seien so ungünstig über die rund 180 Wohnungen des Hauses verteilt, dass eine Sanierung ohnehin nur mit vorübergehenden Umzügen mindestens innerhalb des Hauses machbar sei. „Wir haben darüber Gespräche mit Mietern geführt. Doch die sagten, das sei zu kompliziert“, berichtet Stift. Am 12. Oktober trifft er sich mit Vertretern des Sozialamts, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

Dresdens Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) sei sich bewusst, dass die Bewohner nun in einer schwierigen Situation stecken: „Wir haben daher mit dem Sozialamt besprochen, wie wir als Stadt die Mieter unterstützen könnten, sofern der Eigentümer tatsächlich nicht aktiv werden würde und wir aus Gründen der Sicherheit zu diesem letzten Mittel greifen müssten“. Die Stadt werde in den nächsten Tagen den Mietern schriftlich erklären, was die Nutzungsuntersagung bedeutet und wo sie sich Rat holen können.

Derzeit gibt es der Stadt zufolge gravierende brandschutztechnische Mängel im Gebäude. So fehlt der vorgeschriebene zweite Fluchtweg. Der vorherige Eigentümer, eine israelische Firmengruppe, wollte deshalb rechts und links zwei zusätzliche Treppenhäuser anbauen. „Diese hässliche Billigvariante hat die Stadt damals zurecht abgelehnt“, meint Stefan Stift. Auch der erste Rettungsweg über Flure und Treppenhaus entspreche nach städtischen Angaben nicht den Vorschriften der Sächsischen Bauordnung. Die Beleuchtung sei veraltet und teils kaputt und über die Installationsschächte könnten sich Feuer und Rauch ungehindert ausbreiten. Zuletzt hatte es am 25. Mai in einer Wohnung des Hauses gebrannt. Die Verbesserungen im Brandschutz habe die Bauaufsicht aber schon vor einem Jahr angeordnet, ohne dass etwas getan worden sei.

„Wir planen einen kompletten Umbau, der ein schlüssiges Brandschutzkonzept enthält. Im Istzustand kriegt man das nicht hin, man kann im Plattenbau keine weiteren Fluchtwege hinzaubern“, verteidigt sich Stefan Stift. Sämtliche brennbaren Altlasten habe er als Neueigentümer sofort entsorgen lassen. Auch die Fenster im Treppenhaus habe er gängig machen lassen, um sie im Notfall öffnen zu können. „Brandschutztüren in den Fluren wurden diskutiert. Wir hatten bereits ein Angebot vorliegen, haben aber entschieden, dass das keinen Sinn hat. Das wäre nur eine Verschlimmbesserung“, so Stift.

Thomas Löser, Vorsitzender und Sprecher für Stadtentwicklung der Grünen-Stadtratsfraktion, fordert Stadt und Eigentümer auf, „die Planungen zur Sanierung jetzt schnell voranzutreiben. Die in der Öffentlichkeit in letzter Zeit diskutierte Variante, das Gebäude abzureißen, halten wir für das völlig falsche Signal. Wir sollten den Eigentümer bestärken das Gebäude jetzt endlich zu sanieren, damit des sogenannte Assi-Hochhaus endlich seinen schlechten Ruf verliert.“

Stefan Schramm

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