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Lokales „Ich wurde zum Erwachsenen gebombt“ - Walter Kirschner hat die Nacht des 13. Februars als Achtjähriger erlebt
Dresden Lokales „Ich wurde zum Erwachsenen gebombt“ - Walter Kirschner hat die Nacht des 13. Februars als Achtjähriger erlebt
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23:49 09.09.2015
In einer Sekunde zum Erwachsenen gebombt: Walter Kirschner Quelle: Anja Schneider
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Als damals Achtjähriger überlebte er das Inferno in Reick mit schrecklichen Erinnerungen.

Walter Kirschner wohnte mit seiner Familie am Besselplatz 16. Am Abend des 13. Februar 1945 gegen 21.45 Uhr hörte Walters Mutter, Anny Kirschner, die Sirenen des Luftalarms. „Ich war im Nachthemd. Meine Mutter schnappte mich und rannte mit mir in den Keller.“ Dort verharrten sie, als die ersten Bomben auf die Stadt niedergingen. Kurz nach dem Alarm habe es drei Mal geknallt. „Hinter diesem Lärm steckte so eine Kraft und Schärfe. Ich habe so etwas nie wieder gehört“, so der 78-Jährige. Das Haus der Kirschners wurde von drei Sprengbomben getroffen, die der Junge und seine Mutter im Keller überlebten. Das Haus war zur Hälfte zerstört. „In dieser einen Sekunde des Einschlags bin ich vom Achtjährigen zum Erwachsenen gebombt worden“, sagt der Zeitzeuge.

In der Nacht veränderte sich das Leben des Jungens. Im Keller, in dem er mit seiner Mutter Schutz suchte, hatte die Sprengbombe mit einem enormen Luftdruck die Essenkehrer-Klappe aus Beton gegen sein Rückgrat geschleudert. „In Bruchteilen von Sekunden wurde mir dort mein gesamtes Leben in Krankheit und Schmerzen bestimmt.“ Bis heute habe er Probleme mit dieser Verletzung, könne nicht schlafen und denke somit auch jede Nacht an die damaligen Vorkommnisse.

Gegen 22 Uhr verließen seine Mutter und er das Wohnhaus. „Wenn ich auch einiges manchmal verwechsle, die Erinnerung an diese Nacht ist haarscharf“, so der Zeitzeuge. So stand er mit seiner Mutter vor dem halb zerstörten Haus und erinnert sich an die schneidende Kälte. Die beiden liefen zur Lehmgrube in Reick und suchten abermals Schutz. Von dort aus konnte der Achtjährige über die dunkle Stadt schauen. Mit unschuldigen Kinderaugen sieht er, wie „lange Leuchtkugeln“ abgeworfen werden. „Mit brennenden Christbäumen wurde das Gebiet für das spätere Flächenbombardement markiert“, berichtet Walter Kirschner. Als Kind sah das für ihn aus wie ein Feuerwerk, das die Stadt nach und nach erhellte. Bis heute denke er an diese Nacht und das Gesehene, wenn er Feuerwerkskörper zünden sehe.

Am 14. Februar sollte es noch schlimmer werden. Um die Mittagszeit wurden Brandbomben über der Stadt abgeworfen, die das Schicksal des Wohnhauses der Familie besiegelten. „Nun stand ich da mit acht Jahren, hatte keine Wohnung mehr und alles, was bis dahin mein Leben ausmachte, war unwiederbringlich weg“, berichtet der 78-Jährige mit bebender Stimme.

Der Zeitzeuge 1950 mit seinen Eltern Kurt und Anni Kirschner. Quelle: Anja Schneider
Seine Mutter hielt ihn an, stark zu sein und nicht zu weinen. Der Zeitzeuge erinnert sich noch genau an einen Kommandanten, der auf ihn zukam und sagte: „Grinse nicht rum. Wir haben anderes zu tun.“ Ihm sei als Achtjährigen natürlich klar gewesen, dass etwas Schlimmes passiert sei, aber er weinte nicht. „Ich war ohne Meinung, ohne Mitleid und ohne Emotionen.“

Einige Tage nach dem 14. Februar, Kirschner kann sich nicht genau festlegen, erlebte der junge Dresdner etwas, das er ebenfalls nicht vergessen kann. Er erinnert sich an einen ruhigen, freundlichen Tag mit blauem Himmel, an dem er mit seinem Vater im Eingangsbereich des zerstörten Wohnhauses stand. Die beiden vernahmen ein Geräusch – ein Brummen. „Ein Tiefflieger tauchte über den gegenüberstehenden Häusern auf.“ Der junge Kirschner ahnte nichts, doch sein Vater riss seinen Jungen ruckartig hinter einen Mauervorsprung. So rettete er seinem Sohn das Leben. Es folgte eine Salve von Maschinengewehr-Geschossen. „Zwei oder drei Einschüsse sprengten die rotbraunen Hartfliesen weg“, so der 78-Jährige. „Jedes Mal, wenn ich in das zerstörte Haus musste, erinnerten mich diese ovalen Löcher daran, welches Glück wir hatten.“

Auch Tage später, als er mit seinem Vater durch die zertrümmerte Stadt ging und all die Leichen sah, konnte der Achtjährige nicht weinen. Auf selbstgebaute Roste wurden vor dem heutigen Cafè Prag die Leichen gelegt und später verbrannt. Er erinnere sich vor allem an eins: den Geruch. „Die ganze Stadt roch so verdorben, das kann man sich nicht vorstellen.“ Auf dem Leichenberg hätten hübsche, gut gekleidete Frauen und so viele Kinder gelegen. Doch all das konnte der Junge nicht verarbeiten. „Ich war völlig abgestumpft.“

Walter Kirschner ist sichtlich bewegt von der Erinnerungen, seine Hände zittern und seine Stimme ist brüchig. Den 70. Jahrestag des Bombardements will er zu Hause verbringen. „An diesem Tag kommen die Erinnerungen wieder, die mich mein ganzes Leben so beschäftigt haben. So etwas darf nie wieder passieren.“

Juliane Just

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