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Horst Meier: Künstler und DDR-Spion

Unterm Radar Horst Meier: Künstler und DDR-Spion

Der Künstler Horst Meier arbeitete über zehn Jahre lang als Spion für den DDR-Auslandsgeheimdienst. Das blieb – ebenso wie seine Werke – bis kurz vor seinem Tod im Verborgenen. Eine Ausstellung im Hotel Westin Bellevue erinnert an seine außergewöhnliche Biographie und Kunst.

Horst Meier alias Erwin Miserre im belgischen Ostende 1972.
 

Quelle: privat

Dresden.  Es sind beeindruckende Skulpturen – gegossen aus Bronze und zusammengesetzt aus teilweise mehreren Elementen. Da sind beispielsweise die sinnlich geschwungenen „Akrobatinnen I und II“, die erotisch anmutende „Knieende Nonne“, oder das siebenteilige Dekonstruktionswerk „Mollusca Erotica“, ergänzt durch abstrakte Tierformen wie „Die Löffelente“ oder den „Reiher“. Noch viel beeindruckender hingegen ist die Biographie des 2016 verstorbenen Künstlers und ehemaligen DDR-Spions Horst Meier, die nicht nur erklärt, warum diese so unterschiedlichen Plastiken eine unverwechselbare Kohärenz aufweisen, sondern auch, warum sich die Kunst als solche von dem Werdegang seines Schöpfers abhebt.

„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeiten“ heißt die Ausstellung, die noch bis mindestens Ende August im Foyers des Hotels Westin Bellevue rund 30 Exponate von Horst Meier zeigt. Günther Rothe, selbst Künstler und enger Freund des ehemaligen Agenten, erweckte Meiers Kunst erst nach dessen dem Tod zum Leben. Jahrzehntelang ließ Meier nicht nur seine Vergangenheit, sondern auch sein künstlerisches Schaffen im Verborgenen.

Zum einen, weil er seit Beginn seiner bildhauerischen Karriere in Brüssel seine Werke mit dem Kürzel „E.M.“ versah und später Fragen über seine Vergangenheit vermeiden wollte, auf der anderen Seite wusste Meier nie wirklich in die eifersüchtig bewachte Kunstszene in der DDR einzudringen. Das wollte er auch nicht, wie sich Günther Rothe erinnert: „In dieser Hinsicht war er kauzig, er wollte partout nichts veröffentlichen oder ausstellen.“ Warum, sollte Rothe selbst erst zwei Jahre vor Meiers Tod erfahren. Von was der Freund des Künstlers nämlich wie alle anderen auch nicht wusste, war dessen einstiges Doppelleben.

Horst Meier wurde zu Erwin Miserre – 13 Jahre lang arbeitete der gebürtige Sachsen-Anhalter als Resident in Brüssel für den Auslandsgeheimdienst der DDR. Als gut informierter Agent wohnte Meier alias Miserre bereits zwei Jahre vor der Verlegung des NATO-Hauptquartiers in die belgischen Hauptstadt dort. Seine Aufgabe als Resident: Spione und Agenten betreuen, die Stadt auskundschaften und geheime Informationen an das Ostberliner Hauptquartier übermitteln.

Horst Meiers dreiteilige „Kleine mysteriöse Büste“ – ein erotisches Yin und Yang.

Horst Meiers dreiteilige „Kleine mysteriöse Büste“ – ein erotisches Yin und Yang.

Quelle: Abbildung aus dem Buch: „Meier/Miserre“

Doch wie wurde Meier zu einem Geheimagenten, mit einer ausgesprochenen Neigung zur Bildenden Kunst? 1925 in Meineweh geboren, erlebt er 1944 den Tod seines Vaters an der Ostfront, ehe er im selben Jahr bei Babrujsk im südlichen Weißrussland als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft gerät. Weil sich der Elektriker mit guten Russisch-Kentnissen als wertvoll erweist, verschonen die Kämpfer der Roten Armee sein Leben – Maier verbringt fünf Jahre in Arbeiterlagern in der Ukraine. Zurück in der neu gegründeten DDR studiert der spätere Agent Journalismus, heiratet und bekommt Kinder.

Die Scheidung von seiner Frau ändert sein Leben dann dramatisch. Meier wechselt nach Berlin und absolviert eine Ausbildung beim Geheimdienst. Nach kurzer Zeit als Spitzel in Frankfurt und Saarbrücken wechselt er schließlich seine Identität und lässt sich 1965 als Erwin Miserre in Brüssel nieder. Das Kulturelle Leben der Stadt faszinierte den Agenten von Anfang an, kaum eine Vernissage oder Ausstellung lässt er aus. Auch Kunstreisen nach Paris unternimmt der DDR-Spitzel. Und da Resident bei weitem kein Vollzeitberuf war, schuf sich Erwin Miserre eine neue, eigene Identität. Schnell fand er Kontakt zu einem der renommiertesten Bildhauer des Landes jener Zeit, Olivier Strebelle, wurden dessen Schüler, erschuf Plastiken und Skulpturen – ein neuer Künstler war geboren.

1976 musste dann alles ganz schnell gehen. Horst Meiner legte seine Identität Erwin Miserre ab und kehrte in die DDR zurück – weil der Westen nun gezielt in Brüssel nach Spitzeln suchte. Der Agent war da schon 51 Jahre alt, hatte sich verdient gemacht, war finanziell abgesichert. Im Stillen, unterhalb des Radars und nur bei seiner neuen Frau und den Kindern als Künstler und Bildhauer bekannt, arbeitete Meier weiter an seinen Plastiken – bei Strebelle meldete er sich nie mehr. Der Ex-Agent dachte nie an Veröffentlichungen, auch nicht, als er Günther Rothe kennenlernte, der sich als äußerst fasziniert von Meiers Kunst herausstellte und eine eigene kleine Kunstgießerei besaß.

Obwohl Meiers Skulpturen von Anfang an als Bronzegüsse konzipiert waren, fertigte er lediglich Ausgaben aus Pappmaché oder Gips an – „zu groß war seine Angst vor dem ’Finalen’, ’Beständigen’ seiner Kunst“, erinnert sich Rothe. Nur einige Auserwählte, ehemalige Weggefährten oder Sammler erhielten einzelne aus Bronze gefertigte Skulpturen. Wie etwa Markus Wolf, von 1952 bis 1986 Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR, der zu seinem 60. Geburtstag 1983 zwei Skulpturen geschenkt bekam – natürlich mit der Bitte, sie niemals öffentlich zu zeigen.

Doch Meier wusste um den Wunsch seines Freundes Franz Rothe, die Skulpturen fertigen zu lassen und auszustellen. 2014 meldete sich eine Tochter von Meier – der war mittlerweile schwer an Demenz erkrankt – bei Rothe, mit den Bitte, die Kunstwerke seines Vaters öffentlich zu machen. Hier erfuhr der heutige Kurator der Ausstellung auch zum ersten mal von Meiers geheimer Vergangenheit, was dessen Begeisterung für die Kunstwerke des ehemaligen Spions noch mehr entfachte.

„Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, ein so abgeschottetes, abgeschiedenes Gesamtkunstwerk eines Künstlers mit solch einer Biographie zu betrachten. Fernab der Öffentlichkeit, unabhängig von politischen System und völlig entzogen von der Kritik zeitgenössischer Kollegen und Medien schuf Meier seine Skulpturen. Nichts hat ihn korrumpiert, seine Linie verwässert – es entstand ein Schutzraum der Heimlichkeit“, erklärt Rothe.

Er lies die rund 30 Skulpturen Meiers in der bekannten Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer herstellen, eine aufwendige Millimeterarbeit, wie sich der Kurator erinnert. Meier selbst hat die Ausstellung seiner bronzenen Skulpturen nie zu Gesicht bekommen. Er starb im Herbst des vergangenen Jahres im Alter von 91 Jahren. Sein Freund Günther Rothe hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese beeindruckenden Skulpturen samt der dazugehörigen Geschichte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dafür organisiert der Leipziger eine Wanderausstellung zunächst in den Westin Hotels in Deutschland. Doch auch nach Übersee soll es in den kommenden Jahren gehen.

Ausstellung bis mindestens Ende August im Foyer des Westin Bellevue Hotels Dresden.

horst-meier.de/

Von Sebastian Burkhardt

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