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Höhere Qualität in Kindereinrichtungen in Dresden geht nur über mehr Personal

Soziales Höhere Qualität in Kindereinrichtungen in Dresden geht nur über mehr Personal

Nach fast 20 Jahren Tätigkeit in Dresden wechselt Pfarrer Christoph Stolte, Direktor des Diakonischen Werkes – Stadtmission Dresden an die Spitze des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland nach Halle. Im DNN-Gespräch zieht er Bilanz, sagt was gut gelaufen ist und wo ihn der Schuh drückt.

Christoph Stolte spricht in seiner Bilanz von Reichtum und Defiziten in der Landeshauptstadt.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Pfarrer Christoph Stolte, bislang Direktor des Diakonischen Werkes – Stadtmission Dresden, zieht anlässlich seines Wechsels nach Halle Bilanz. Im DNN-Gespräch sagt er, was in den letzten Jahren gut gelaufen ist und was in der sozialen Arbeit in Dresden und Sachsen noch im Argen liegt.

Herr Stolte, warum wollen Sie Dresden verlassen?

Ich habe schon das Gefühl, dass es ganz gut ist, mir noch Mal eine neue berufliche Herausforderung zu suchen, die aufbaut auf Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, und meinen beruflichen Weg weiterführt. Es ist ein Wechsel von der unternehmerischen Diakonie in die Verbandsdiakonie zum Spitzenverband für Sachsen-Anhalt und Thüringen, die Diakonie Mitteldeutschland. Da geht es um die sozialpolitische Vertretung, die Mitwirkung in der Kirchenleitung und die Beratung der verschiedenen Träger in den beiden Ländern.

Welche vielleicht drei positive Dinge würden Sie für Ihre Arbeit in Dresden bilanzieren?

Es gibt ganz viele Dinge, mit denen ich zufrieden bin, weil wir hier in den letzten zehn Jahren eine positive Entwicklung erlebt haben. Drei Dinge: Wir sind stark gewachsen im Bereich evangelische Kindertagesstätten in Dresden und im Umland. Als ich anfing, hatten wir vier, jetzt sind es 14 Einrichtungen. Damit sind wir in Dresden auch der größte freie Träger. Hervorzuheben ist die evangelische Kindereinrichtung auf der Centrum Galerie, wo 80 Kinder einen Krippen- oder Kindergartenplatz haben. Sie hat eine Dachterrasse mit 1000 Quadratmetern und ist damit einmalige in Dresden. Es gibt auch Grüne Oasen mitten in der Stadt.

Zur Person

51 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder

aufgewachsen in Unna (Westfalen)

Studium in Marburg, Göttingen und Sao Paulo, Theologe und Sozialmanager

seit 1994 Pfarrer in der evangelischen Kirche in Sachsen

1999 nach Dresden gekommen als Stadtjugendpfarrer

2007 Wechsel in den Vorstand des Diakonischen Werkes – Stadtmission Dresden

2017, Juli, Wechsel zur Diakonie Mitteldeutschland

Was würden Sie noch auf der positiven Seite hervorheben?

Zweitens ist es uns gelungen, den Bereich Arbeit für Menschen mit Behinderung nicht nur zu erweitern, sondern auch zu verbessern. Wir haben eine zweite und dritte Betriebsstätte in Freital und Dresden errichten können und bieten jetzt 240 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung an. Wir haben dabei immer mehr Arbeitsplätze nicht in einer speziellen Werkstätten, sondern in einem ganz normalen Betrieb. Seit letztem Winter arbeiten 12 Menschen in der Mensa des Studentenwerks auf der Reichenbachstraßen. Sie haben dort einen sehr anerkannten Arbeitsplatz und empfinden das sehr wertschätzend. Es wird die Zukunft sein für Menschen mit Behinderung, dass sie ganz normal in Wirtschafts- und Dienstleistungsunternehmen mitarbeiten.

Und drittens?

Die Integration von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat verlassen haben und auf der Flucht nach Dresden gekommen sind, hat uns in den letzten Jahren intensiv beschäftigt. Wir betreiben das Heim für erwachsene geflüchtete Männer auf der Katharinenstraße und Wohngruppen in Niedersedlitz, in denen minderjährige unbegleitete Flüchtlinge und deutsche Jugendliche gemeinsam leben. Gerade das Heim auf der Katharinenstraße ist ein besonderes, nicht nur, weil dort sehr viele ehrenamtlich tätige Menschen eine wahre Willkommenskultur gestalten, sondern weil sich das Heim auch zu einem Treffpunkt für viele geflüchtete Menschen entwickelt. Die ehemaligen Feuerwehr-Garagen werden zu einem Begegnungsort für deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund. Wir müssen in der Entwicklung weiterkommen von der Unterbringung hin zur Begegnung und Integration. Da ist die Katharinenstraße ein positives Beispiel, dass wir gemeinsam mit der Stadt Dresden und vielen Unterstützern aus der Zivilgesellschaft gestalten können. Dresden ist sehr viel weltoffener, als es manchmal scheint. Nur durch Begegnung, Wahrnehmung, gemeinsames Tun und Kennenlernen können Vorurteile abgebaut werden.

Womit sind Sie nicht zufrieden?

Wir erleben in der sozialen Arbeit einen Ausbau bürokratischer Strukturen. Anträge, Abrechnung und Überprüfung von Fördergeldern werden immer aufwendiger – sowohl auf Seiten der öffentlichen Hand als auch auf Seiten der freien Träger. Hier gilt zu überlegen, wie wir das unbürokratischer und einfacher auf allen Seiten gestalten können.

Auch hier ein zweiter Punkt?

Ein Punkt, der uns Mühe macht, ist ein latentes Misstrauen gegenüber der Qualität, die wir in der sozialen Arbeit anbieten, vor allem im Bereich der Pflege. Die innere Motivation von Pflegekräften, aber auch Erziehern in Heimen oder Kindereinrichtungen, ihre Arbeit wirklich gut zu machen, wird sehr unterschätzt.

Wer stellt das in Frage?

Es gibt ein großes öffentliches Misstrauen, das leider immer wieder dadurch geschürt wird, dass es schlechte Einrichtungen gibt, das es Abrechnungsbetrug gibt. Aber das sind dann Einzelfälle, die gleichgesetzt werden, als ob das überall so wäre, obwohl es ganz wenige sind. Wir müssen viel stärker danach urteilen, wie geht es dem Betroffenen - das ist doch das Entscheidende. Und da bin ich auch bei einem dritten Punkt: Die Altenpflege nimmt quantitativ zu. Wir brauchen immer mehr Menschen, die hochbetagte Menschen im Alter versorgen. Das ist eine ausgesprochen schwere Aufgabe, auch psychisch. Wir würden uns freuen, wenn es dafür viel mehr gesellschaftliche Anerkennung für diesen schweren Beruf gibt, der einer hohen Qualifikation bedarf. Pflege kann eben nicht irgendwie jeder. Wenn es mehr Anerkennung gebe, hätten wir auch mehr Interessenten für diese Tätigkeit, die eine sehr sinnstiftende ist.

Was hat sich in den 20 Jahren, in denen Sie in Dresden soziale Arbeit begleitet haben, positiv entwickelt?

Die Landeshauptstadt hat es mit hohen Investitionen geschafft, jedem Kind einen Kita-Platz anbieten zu können. Das haben viele Kommunen nicht geschafft. Was wir nicht geschafft haben – aber das richtet sich dann an den Freistaat, der das festlegt – ist, den Betreuungsschlüssel, also das Verhältnis zwischen Erziehern und Kindern, den deutlich gestiegenen Qualitätsansprüchen an eine Kindereinrichtung als Bildungseinrichtung anzupassen. Da ist Sachsen Schlusslicht in Deutschland. Wenn wir die Qualität der Kindereinrichtungen wirklich steigern wollen, dann geht das nur über mehr Personal, wo der Einzelne weniger Kinder zu betreuen hat, damit individuellere Betreuung möglich ist. Bislang wird viel kompensiert durch einen überdurchschnittlichen Einsatz der Erzieher, viel Aufwand in der Freizeit für Vor- und Nachbereitung. Auf Dauer geht das aber nicht. Das führt zu Erschöpfungserscheinungen, wenn immer so große Gruppen betreut werden müssen. Da gibt es Bundesländer, die weiter vorangekommen sind. Sachsen hat da Nachholbedarf.

...das scheint aber noch nicht alles zu sein?

Ein weiterer Punkt, den ich kritisch sehe, ist folgender: Das Grundverständnis unseres Staates ist in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg aus den Erfahrungen der Diktatur heraus die Subsidiarität. Soziale Arbeit findet möglichst nicht vonseiten des Staates statt, sondern in einer Pluralität von freien Trägern. Das soll die Vielfalt sichern. Heute wird es aber vielfach so verstanden, dass freie Träger Subunternehmer des Staates sind, damit es billiger wird. Das ist mit Subsidiarität aber gar nicht gemeint. Auch Mitarbeiter bei freien Trägern haben den Anspruch auf tarifliche Bezahlung. Hier haben wir beim Grundverständnis von sozialer Arbeit noch Nachholbedarf und wir können auch noch mehr Einrichtungen in freie Trägerschaft überführen. Ein dritter Punkt ist das Thema Inklusion. Bei Kindergärten sind wir da schon gut vorangekommen, es gibt viele Kinder mit Förderbedarf in den Regelkindertagesstätten. Da ist es ganz normal, dass behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen sind. In den Schulen wird dann wieder fein sortiert in Regelschule und in Förderschule. Was oft nicht sein müsste. Es geht aber nicht, die Regelschule bei gleicher Personalausstattung und Qualifikation einfach aufzustocken. Wir brauchen ein Neu-Denken von Schule, damit mehr Kinder inklusiv beschult werden können und Behinderung und Nichtbehinderung ganz normal wird im Alltag. Da sind wir noch sehr langsam in Sachsen.

Wo steht Dresden in der Jugendarbeit im Vergleich zu anderen Städten?

Dresden hat eine gute Finanzausstattung und die Mittel, die für die Jugendhilfe eingesetzt werden, sind höher als in anderen Kommunen oder Landkreisen. Das ist wirklich ein Reichtum dieser Stadt. Gleichzeitig steigt der Anteil der Menschen mit Hilfen zur Erziehung an. Er ist im Bundesvergleich noch niedrig. Aber wir müssen die Mittel zielgerichteter dafür einsetzen, dass die Erziehungskompetenz der Eltern sehr frühzeitig gestärkt wird, damit es zu weniger oder kürzeren Hilfefällen kommt. Im Bereich der offenen Jugendhilfe müssen die Einrichtungen so über die Stadt verteilt sein, dass die Zielgruppen auch erreicht werden. Gute Erfahrungen haben wir da mit mobiler Arbeit gemacht. Damit können wir beweglicher sein. Der Bedarf kann zwei Jahre in dem einen Stadtteil sein und dann in einem anderen. Da haben wir noch Nochholbedarf in der Stadt. Es existieren hier einige große Jugendhäuser, die es schon sehr lange gibt. Da ist aber die Frage, ob sie an der Stelle sind, wo sie für Kinder und Jugendliche gebraucht werden. Wenn wir da flexibler sind, sehe ich gute Chancen, mit den vorhandenen Geldern noch erfolgreicher zu sein.

Der neue Bildungsbürgermeister hat sich auf die Fahnen geschrieben, den alljährlich steigenden Ausgaben für Erziehungshilfen Einhalt zu gebieten. Wie bewerten Sie das?

Im Bereich der „ambulanten Erziehungshilfe“, wo Erziehungshelfer in die Familien gehen, haben wir hier in Dresden hohe Erfolgsquoten. Gleichzeitig wird kritisiert, dass die ambulanten Hilfen zu teuer sind. Es sollte aber nach dem Erfolgsprinzip gehen. Da kann es sich lohnen, auch intensivere Hilfen anzubieten, die dann aber auch erfolgreich zum Abschluss gebracht werden und Familien gestärkt in die Selbstständigkeit entlassen, als mit geringerer Hilfe über einen längeren Zeitraum zu arbeiten. Das muss immer sehr differenziert betrachtet werden.

Sehen Sie aber irgendwo Ansätze, die kontinuierlich wachsenden Ausgaben zu bremsen?

Die Frage ist ja, steigen sie wirklich? In Dresden steigt der Anteil der Null- bis 21-Jährigen sehr stark an. Wenn der Bevölkerungsanteil durch hohe Geburtenrate und Zuzug steigt, ist es auch eine logische Folge, dass die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung in diesem Bereich steigen. Wenn man das betrachtet, ist die Steigerung der Ausgaben gar nicht so groß. Dresden ist eine junge und wachsende Stadt. Gleichzeitig müssen wir schauen, welche Möglichkeiten wir in der Kinderbetreuung noch haben. Wir erreichen in den Kindertagesstätten 98 bis 99 Prozent der Kinder. Da ist doch die Frage, was können wir dort tun, damit die Kinder so gestärkt werden, dass sie keine Erziehungshilfen brauchen und deren Eltern ebenfalls gestärkt werden, damit sie ihrer Erziehungsverantwortung nachkommen können. In einer engeren Verzahnung von Kindertageseinrichtungen und Erziehungshilfen sehe ich einen ganz wichtigen Erfolgsfaktor.

Ab Mitte Juli sind Sie in Halle tätig. Was wird Ihnen fehlen?

Fehlen wird mir sicher die Nähe zur Sächsischen Schweiz. Halle ist wieder ein Ort mit einem Fluss, wo ich rudern kann, was ich gerne tue. Dresden hat als Lebensort schon einen hohen Reiz. Da wird man sehen, wie das in Halle ist. Es ist schon ein Abschied mit einem weinenden Auge, weil wir in Dresden gern gelebt haben.

Von Ingolf Pleil

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